Am 13. April jährt sich das faschistische Massaker in der Feldscheune Isenschnibbe zum 69. Mal. An der Gedenkfeier am kommenden Sonntag wird Marc Jonghbloet aus Belgien teilnehmen. Viele Jahre war er auf der Suche nach seinem Onkel Frans. Jüngste Recherchen gaben Gewissheit: Frans Jonghbloet gehörte zu den Opfern das Massakers in Gardelegen.

Gardelegen l Fast 70 Jahre ist es her, beinahe ein Menschenleben, als am 13. April 1945 in Gardelegen eines der schlimmsten Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkrieges stattfand, die bestialische Ermordung von über 1000 KZ-Häftlingen in der Gardeleger Feldscheune Isenschnibbe. Sie verbrannten, starben an Rauchvergiftung, wurden erschossen oder starben durch Explosionen. Einige wurden mit Spaten erschlagen. Nur etwa dreihundert der 1016 Opfer des Massakers konnten anhand noch erkennbarer Häftlingsnummern identifiziert werden.

Sie können der Trauer und dem Gedenken keinen Raum geben, außer in ihren Gedanken.

Die Jüngsten von ihnen waren gerade einmal sechzehn Jahre alt. Ihre Namen stehen heute im Totenbuch, welches sich am Rand des Gräberfeldes befindet. Über siebenhundert Leichen konnten nicht identifiziert werden. Unzählige Familien aus vielen Ländern Europas wissen bis heute nicht, wo und unter welchen Umständen ihre Angehörigen starben und am welchem Ort sie begraben liegen. Sie können der Trauer und dem Gedenken keinen Raum geben, außer in ihren Gedanken und Herzen.

Für zwei dieser Familien, der Familie Mérand aus Frankreich und der Familie Jonghbloet aus Belgien, ist diese Ungewissheit jetzt zu Ende. Es steht nun fest, dass der 23-jährige Jean (Louis) Mérand und der 19-jährige Frans Jonghbloet Opfer des Massakers in der Feldscheune Isenschnibbe wurden. Anhand von Zeugenaussagen anderer KZ-Häftlinge, die den Weg der Beiden teilweise begleiteten, sowie aktuellen Archiv- und Literaturrecherchen konnte der Weg der beiden Häftlinge in die Feldscheune eindeutig belegt werden. Für beide Namen wurde die Aufnahme in das Totenbuch beantragt.

Jean (Louis) Mérand wurde am 8. September 1921 in Nort-sur-Erdre (Loire-Inférieure) geboren. Das Jurastudium in Angers brach er ab, um dem Aufruf des Generals de Gaulle zu folgen und sich der Freien Französischen Armee (F.F.L.) anzuschließen.

Der Zug erreichte am 11. April 1945 das Bahnhofsgelände der Ortschaft Letzlingen.

Am 23. Juni 1943 wurde er in Lyon verhaftet. Ende Dezember 1943 wurde er nach Buchenwald deportiert, wo er am 29. Dezember 1943 als politischer Häftling, N. N. (Nacht- und Nebel-Häftling) eintraf. Am 1. November 1944 wurde er dem Konzentrationslager Dora-Mittelbau überstellt. Als Anfang April 1945 die Todesmärsche begannen, führte sein Weg am 6. April 1945 vom Außenlager Nüxei über Wieda weiter über Wernigerode in Richtung Norden, bevor der Zug am 11. April 1945 gegen 17.30 Uhr das Bahnhofsgelände der Ortschaft Letzlingen erreichte.

Gruppe von Häftlingen erreichte die Remonteschule am 12. April 1945 gegen 7 Uhr morgens.

Eine Gruppe von Häftlingen, die nach Mitternacht von Letzlingen abmarschierte - teilweise führten sie Wagen für die marschunfähigen Häftlinge mit - erreichte die Remonteschule in Gardelegen am 12. April 1945 gegen 7 Uhr morgens. Zu dieser Gruppe von Häftlingen gehörten unter anderem André Giradi, Alain Durand-D. de Lapoyade, Lucien Colonel und auch Jean (Louis) Mérand, der auf einem der Wagen liegend transportiert wurde. Auf dem Weg nach Gardelegen hatten nur noch wenige fliehen können, unter anderen Alain Durand-D. de Lapoyade. Aus der Remonteschule und während des Marsches am 13. April 1945 zur Isenschnibber Feldscheune gab es keine Fluchten mehr. Jean (Louis) Mérand, mit der Häftlingsnummer 8483, wurde eines der 1016 Opfer, die in der Feldscheune Isenschnibbe ermordet wurden. Nur 23 Häftlinge überlebten das Inferno in der Isenschnibber Feldscheune.

Die Erinnerung an den grausamen Tod seines Bruders Jean (Louis) Mérand war für Abbé Charles Mérand ein wichtiger Anstoß und bestimmte seinen Lebensweg. Er wurde katholischer Priester und engagierte sich für die deutsch-französische Aussöhnung. Unter seinem Motto "Böses mit Gutem vergelten" setzte er sich bereits ab 1957 für ein Austauschprogramm zwischen deutschen und französischen Jugendlichen ein. Im Juni 2009 wurde Abbé Charles Mérand dafür vom Deutschen Botschafter in Paris mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Er war aufgrund des Nacht- und Nebelerlasses von Hitler verhaftet worden.

Frans Jonghbloet wurde am 27. Mai 1925 in Herentals, Belgien, geboren. Ende Dezember 1942 wurde er verhaftet. Am 17. Januar 1945 kam er in das Konzentrationslager Groß Rosen. Einen Monat später, am 11. Februar 1945, wurde er dem Konzentrationslager Dora Mittelbau überstellt. Seine Häftlingsnummer dort lautete 113349. Er war Nacht- und Nebel-Häftling, das heißt, er war aufgrund des "Nacht- und Nebel-Erlasses" von Hitler verhaftet worden.

Am 25. März wurde Frans Jonghbloet schließlich dem Dora-Außenlager Ilfeld überstellt. Weitere Informationen lagen zunächst nicht vor. Deshalb ging die Familie Jonghbloet davon aus, dass er im Konzentrationslager Dora-Mittelbau Nordhausen gestorben war. Auf der Gedenkkaart Herentals ist ein Bild Frans Jonghbloets zu sehen, und als Todestag ist hier der 3. April 1945 in Nordhausen genannt.

Marc Jonghbloet, ein Neffe Frans Jonghbloets, forschte weiter. Er erhielt die Kopie einer Liste mit den Neuzugängen des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau, die aus dem KZ Groß Rosen am 11. Februar eingeliefert worden waren. Auf dieser Liste stand der Name Frans Jonghbloet als Neuzugang mit der Häftlingsnummer 889. Auf gleicher Liste stand kurz darüber ein weiterer Belgier mit der Häftlingsnummer 887. Sein Name war Pierre Stippelmans. Pierre Stippelmans wurde, ebenso wie Frans, dem Außenlager Ilfeld zugeteilt. Auf den Todesmärschen gelangte Stippelmans nach Mieste. Von dort marschierte er zusammen mit seinem Bruder Ferd Stippelmans und seinem Freund Roger Gicquel mit einer Marschkolonne nach Norden. Als die Marschkolonne die Ortschaft Zichtau erreichte, konnten die drei fliehen. Sie versteckten sich in der Dorfkirche und konnten so überleben.

Marc Jonghbloet sprach mit Pierre Stippelmans. Stippelmans konnte sich noch daran erinnern, dass Frans Jonghbloet zusammen mit ihm im Außenlager Ilfeld gewesen war. Über den weiteren Weg Jonghbloets konnte er aber nichts sagen. Fest steht, dass es von Ilfeld keine Evakuierung in das Hauptlager Dora-Mittelbau nach Nordhausen gegeben hatte. Das Lager Ilfeld ist am 4. April 1945 in Richtung Nordosten evakuiert worden. Viele dieser Häftlinge landeten in Gardelegen. Damit ist sicher, dass Frans Jonghbloet nicht am 3. April 1945 in Nordhausen gestorben sein konnte. Eine Rückfrage Marc Jonghbloets in Nordhausen ergab, dass sich der Name Frans Jonghbloet nicht auf den Totenlisten befand.

Während der Betrachtung der Bilder durchfuhr Marc Jonghbloet ein Schreck.

Während des Gesprächs riet Stippelmans Marc Jonghbloet, sich einmal mit dem Massaker in der Feldscheune von Gardelegen zu befassen. Jonghbloet gab daraufhin in einer Internet-Suchmaschine "Gardelegen Massacre" ein und öffnete einen Link. Hier befand sich ein englischsprachiger Text mit einigen Bildern. Während der Betrachtung der Bilder durchfuhr Marc Jonghbloet ein Schreck. Gleich auf dem fünften Bild waren zwei Leichen am Tor der Feldscheune zu erkennen. Bei einem der beiden toten Häftlinge war das Gesicht ganz deutlich zu erkennen. Das Foto zeigte seinen Onkel Frans Jonghbloet, der zum Zeitpunkt seines Todes erst 19 Jahre alt war.

Über den Förderverein Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe Gardelegen wurde die Ergänzung des Totenbuchs nun forciert. Die Ergebnisse der Forschungen und Recherchen über Jean (Louis) Mérand und Frans Jonghbloet wurden in zwei Sachstandsberichten zusammengefasst. Sie wurden der Stadt Gardelegen und der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt zur Prüfung übergeben. Derzeit erfolgt eine Fotoanalyse im Landeskriminalamt, um aus der offensichtlichen Übereinstimmung eine absolute Gewissheit zu machen. Marc Jonghbloet, heute 59 Jahre alt und von Beruf Polizist, und seine Familie aus Turnhout in Belgien haderten lange mit dem Schicksal. Ihr Onkel Frans kann nun, da seine letzte Ruhestätte feststeht, seinen Frieden finden.

Erweisen wir den Opfern des Massakers unsere Ehrerbietung und Anteilnahme.

Am 12. und 13. April wird Marc Jonghbloet mit seiner Frau und seinen Töchtern erneut Gardelegen besuchen. Während der Gedenkveranstaltung am Sonntag, 13. April, wird er von der Suche nach seinem Onkel Frans erzählen. Torsten Haarseim: "Erweisen wir den beiden Opfern Jean (Louis) Mérand und Frans Jonghbloet, und allen anderen Opfern des Massakers und vor allem auch den Hinterblieben, die über viele Jahre und Jahrzehnte nach ihren Lieben suchten und bis heute schmerzvoll an sie denken, unsere Ehrerbietung und Anteilnahme, indem wir sie an diesem Tag zur Mahn- und Gedenkstätte Gardelegen begleiten."

Die Gedenkveranstaltung beginnt um 15 Uhr.

Anmerkung der Redaktion: Torsten Haarseim aus Gardelegen ist Autor des Buches "Gardelegen Holocaust", das im Frühjahr des vorigen Jahres erschienen ist. Es handelt sich um sein zweites Buch. Haarseim hat darin die Ergebnisse jahrelanger Recherchen über das Massaker vom 13. April 1945 in einer fiktiven Geschichte verarbeitet.

   

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