Einst logierte hier des Kaisers Tross, später lernten Kinder hier die ersten Buchstaben oder das Fahrradfahren - am Ende wollte in den zum Wohnhaus umgebauten Räumen keiner mehr leben. Nun riss die Stadt das einstige Hotel ab - viele Jävenitzer waren aber ziemlich überrascht.

Jävenitz l Die Bahnhofsnähe war bewusst gewählt worden, als das Haus um 1850 gebaut wurde. Denn wer mit dem Zug in Jävenitz ankam, fand im nahen Gasthof "Deutscher Kaiser" Bett und Bewirtung. Der Kaiser selbst sei zwar nie dort abgestiegen, glaubt der Jävenitzer Bruno Lindecke. Wohl aber sein Gefolge. Seine Hoheit selbst fuhr nämlich gleich nach Letzlingen weiter, um dort der Jagd zu frönen. Aber so mancher "Haushofmeister" habe in früherer Zeit wohl sicher in dem Hotel sein Haupt zur Ruhe gebettet.

Und auch die Jävenitzer nutzten den Gasthof offensichtlich rege. Auch zum Feiern. Etwa um 1900 wurde nämlich ein Saal angebaut. "Auch ich habe da noch getanzt", sagt Lindecke und lacht. "Das Gasthaus war gut besucht." Auch an den Gastwirt, der in seiner Jugendzeit dort die Gläser füllte, erinnert sich Lindecke noch. Das muss so Mitte der dreißiger Jahre gewesen sein, denn immerhin zählt der Jävenitzer schon 88 Lenze.

"Der Kaiser bekam dann auch schon etliche Risse."

Mitte der 50er Jahre wird das Hotel Deutscher Kaiser dann schließlich mit einem weiteren Anbau versehen, dem späteren Jävenitzer Schulhaus. 1971 kam noch der Krippentrakt dazu, in dem viele kleine Dorfkinder ihre ersten Schritte lernten.

Anfang der 90er Jahre entschied die damals noch selbstständige Gemeinde Jävenitz schließlich, aus dem Gasthof ein Wohnhaus zu machen. Hauptsächlich Singlewohnungen konnten hier angemietet werden. Eine größere Wohnung entstand schließlich durch die Zusammenlegung von zwei Wohneinheiten.

Indes, so recht wollten sich die Jävenitzer offensichtlich nicht mit dem neu geschaffenen Wohnraum anfreunden. So übernahm die Stadt Gardelegen im Januar 2012 im Rahmen der Gebietsreform bereits ein größtenteils leergezogenes Objekt und konnte auch später keine neuen Mieter dafür gewinnen. Das frühere erste Haus am Platze gammelte vor sich hin. Im September 2012 zog nach Angaben der Wobau, die das Objekt für die Stadt verwaltete, dann auch noch der letzte Mieter aus.

"Der Kaiser bekam dann auch schon etliche Risse. Und plötzlich war dann der Kaiser weg", berichten Ivonne Henke und Ingeborg Lamprecht aus Jävenitz vor wenigen Tagen im Gespräch mit der Volksstimme. Denn in den vergangenen Wochen hatte die Stadt das Gebäude überraschend abreißen lassen.

"Ortschaftsräte sind doch nichts anderes als Kaffeerunden."

Die Entscheidung sei vor allem aus Sicherheitsgründen gefallen, "ehe das Haus noch abbrennt", erklärt Gardelegens Bürgermeister Konrad Fuchs und stößt damit in Jävenitz eigentlich auf Verständnis, denn: "Wir hätten das Haus vermutlich auch abgerissen, bestätigt Ex-Bürgermeister Heinz Baldus. Der Umbau sei "nicht sehr nachhaltig" erfolgt, gibt er zu. Auf gut Deutsch: "Das war Pfusch."

Dennoch ärgern sich die Jävenitzer über die Aktion der Stadt. Insbesondere, weil im Vorfeld niemand informiert worden sei. "Das hätte sich so gehört, dass so etwas vorher bekannt gegeben wird", spricht Elisabeth Gille-Frank im Namen vieler anderer. Über die Tageszeitung oder den Aushang wäre das problemlos möglich gewesen. "Stattdessen wird das Haus einfach plattgemacht, das war`s dann. Das ist schon traurig."

Heinz Baldus sieht das ähnlich: "Das hätte Gardelegen machen müssen", meint auch er. Dass Jävenitz auf eigenen Wunsch keinen Ortschaftsrat hat, der möglicherweise informiert worden wäre, habe damit gar nichts zu tun. "Ortschaftsräte sind doch nichts anderes als Kaffeerunden", so Baldus.

Allerdings würden die Ortschaftsräte, zumindest die Ortsbürgermeister, von der Verwaltung im Normalfall über solche Aktionen informiert, versichert Bürgermeister Konrad Fuchs auf Nachfrage. "Die würden mich sonst auffressen." Und eigentlich sei Information auch die Devise in der Verwaltung: "Ich sage immer: Fragt und informiert die Ortsbürgermeister", so Fuchs. Den Hinweis darauf, dass dies in Jävenitz vor dem Abriss versäumt wurde, nehme er deshalb auch mit. Auch wenn es keinen Ortschaftsrat gebe, "wir haben dort ja tatsächlich einen schicken Aushangkasten".

Einige weitergehende Informationen zum Bauland, das nach dem Abriss in drei Baugrundstücke zu jeweils 750 Quadratmeter aufgeteilt wurde, hatte Fuchs allerdings bereits vor einigen Tagen an die Öffentlichkeit gegeben. Die drei Parzellen können nämlich "ab sofort für einen Quadratmeterpreis von 25 Euro, vollerschlossen erworben werden". Interessenten sollten sich an die Gardeleger Verwaltung wenden. Und angesichts des günstigen Preises habe er auch berechtigte Hoffnungen, dass das passiere, so Fuchs.

Sein Ex-Amtskollege Heinz Baldus bezweifelt das allerdings: "25 Euro direkt neben dem Bahnhof? Das ist nicht günstig!", glaubt er.

 

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