Sie haben Gemüse und Brot, Dosensuppe und manchmal sogar Schokolade. Aber vor allem haben sie immer ein nettes Wort und ein offenes Ohr für ihre Kunden. Und nach vier Jahren kennen die Mitarbeiter der Gardeleger Tafel auch schon manche Lebensgeschichte der Menschen, die am unteren Rand unserer Gesellschaft leben.

Gardelegen. Es ist ein Chor aus vielen Stimmen: "Ein gesundes neues Jahr!" schallt Einrichtungschefin Cordula Kausche-Jordan am Dienstag entgegen, als sie die Tür der Ausgabestelle zum ersten Mal in diesem Jahr öffnet. Und da muss sie dann doch ein bisschen schlucken.

Die Menschen, die ihr das wünschen, sind jung und alt, sind alleinstehende Eltern oder gestrandete Singels, und sie leben alle von Hartz IV, einer kleinen Rente oder bekommen Unterstützung, weil sie ihr tägliches Leben nicht allein bestreiten können.

Cordula Kausche kennt viele von ihnen mit Namen. "Einige sind seit der ersten Ausgabe dabei", sagt sie. Das war im Dezember 2006. "Einige Kinder sind nun schon groß, neue Kinder sind dazugekommen. Und auch die haben wir schon kennengelernt." Manchmal, wenn es besonders voll ist, stehen die Kinderwagen links und rechts im Flur der Ausgabestelle. Und während die Muttis Lebensmittel für ihre Familien einpacken, werfen Kausche und ihre Kolleginnen, falls sie mal eine Sekunde Zeit haben, auch schon mal einen Blick in den einen oder anderen Kinderwagen, streicheln eine kleine Wange und wissen: Bald kommen auch sie an Mamas Hand in die Ausgabestelle getappelt. Und dann liegt dienstags für sie schon mal eine kleine Extraschokolade bereit, oder ein Päckchen zu Weihnachten. Rund 85 Bedarfsgemeinschaften werden derzeit von der Gardeleger Tafel unterstützt. Das kann eine einzelne Person sein, aber auch eine Großfamilie. Für einen kleinen Betrag, zwischen einem und maximal zwei Euro, also fast schon für einen symbolischen Obolus, erhalten sie wöchentlich Lebensmittel, die Supermärkte, Unternehmen oder Privatpersonen spenden. Doch mancher kann sich nicht einmal diesen Euro leisten.

"Ich muss Ihnen da mal was erzählen"

Wenn sie die Kunden gut kennt, streckt Cordula Kausche-Jordan deshalb auch mal was vor. Vor allem zum Monatsende. Dann ist das Geld immer besonders knapp.

Und doch sind es manchmal nicht nur die Einkäufe, die die Menschen zur Tafel führen. "Ich muss Ihnen da mal was erzählen", sagt unlängst ein junger Mann zu ihr. In einer ruhigen Ecke gesteht er dann, dass er ins Gefängnis muss. "Kann ich danach wiederkommen?" will er wissen.

Natürlich kann er, versichert die Chefin. Genau so wie die alleinstehende Frau, die auf ein Spenderherz wartet und oft längere Zeit ins Krankenhaus muss, oder die Mutter von fünf Kindern, "eines davon schwerstbehindert", die aus ihrem Dorf "immer mit dem Fahrrad samt Hänger kommt", und die bei dem Wetter natürlich auf die Tafelbesuche verzichten muss.

Wer einmal angemeldet ist, bleibt registriert. Es sei denn, es ändert sich etwas im Finanziellen. Denn Anspruch haben nur Menschen, die von Sozialleistungen leben, "oder Rentner, die weniger als 650 Euro bekommen." Eine von ihnen ist übrigens bereits 81 Jahre alt, erzählt Brigitte Bosse. "Unsere Omi", ergänzt Eva-Maria Schroepfer. Aber das klingt sehr freundlich und gar nicht abwertend. Denn die älteste Tafelnutzerin ist hier sehr beliebt und vor allem dankbar für die Unterstützung.

Das können die Mitarbeiter der Tafel aber auch insgesamt bestätigen. Es sei eine schöne Aufgabe, versichern Brigitte Bosse, Brunhilde Grienert und Eva-Maria Schroepfer unisono. Zu ihrem Team gehören auch noch Sylvia Schönberner, Erika Loose, Grit Werner und Heidi Bublitz.

"Die hängen oft einfach in der Luft"

Außer zwei Ein-Euro-Jobberinnen sind sie alle ehrenamtlich hier. "Und unentgeltlich", betont Cordula Kausche-Jordan. "Wir haben nämlich auch schon oft gehört, dass wir das große Geld verdienen." Dabei ist es in Wirklichkeit nicht einmal kleines Geld. Denn es wird auch keine Aufwandsentschädigung gezahlt.

Rund zehn Stunden die Woche, die Chefin wesentlich länger, sind die Frauen hier tätig, einfach, weil sie wissen, dass sie gebraucht werden. Auch wenn das manch einer anders sehe, wie sie oft hören müssen: Hier werde nur Faulheit unterstützt, oder andere Allgemeinplätze kämen ihnen da zu Ohren, erzählen die Tafelfrauen. Vor allem junge Leute würden doch eigentlich gar keine Hilfe brauchen.

Genau das sehe sie allerdings nicht so, sagt Cordula Kausche-Jordan. "Ältere Leute haben Struktur in ihrem Leben, haben sich eingerichtet", und könnten meist sogar sparen. "Sie haben das noch gelernt." Viele ganz junge Leute seien indes völlig planlos. "Können Sie vielleicht mein Geld verwalten? Ich gebe immer alles so schnell aus", hatte sie ein junger Mann erst kürzlich gefragt. Das gehe natürlich nicht, schmunzelt Kausche-Jordan. Dafür wollten ihre Kolleginnen einem anderen Jungen, der in einem Wohnheim lebt, mit einer Brotschneidemaschine helfen. "Ach, die wird bei uns doch nur geklaut", hatte der resigniert abgelehnt. "Uns tun die jungen Leute leid", sagt sie. "Die hängen oft einfach in der Luft." Da werden die Tafelfrauen dann auch schon mal zur Ersatzmama, schenken "dem einen einen gebrauchten Rucksack, dem anderen eine Milchschnitte zwischendurch."

Es ist eben doch alles ein bisschen familiärer in so kleinen Ausgabenstellen. Aber vielleicht auch deshalb so wichtig. Denn auch wenn einige nicht mehr kommen (müssen), melden sich auch ständig wieder Menschen an. Glücklicherweise heute mit mehr Selbstverständnis, als noch vor fünf Jahren. "Nur die Neuen, die schämen sich manchmal noch", sagt Brigitte Bosse. Doch das muss eigentlich niemand. Schon gar nicht bei den netten Tafelfrauen in Gardelegen. Zu erreichen sind sie, zum Beispiel für Spender, auch telefonisch unter (0 15 77) 3 72 55 41..