Die Voraussetzungen seien sehr gut, der Zeitpunkt für die Insolvenz ebenfalls, das Verfahren der Planinsolvenz bestens geeignet, um das in finanzieller Schieflage befindliche Unternehmen wieder flott zu machen – was soll da noch schiefgehen? Gestern erläuterten Insolvenzverwalter, Geschäftsführung der AKT GmbH und Wirtschaftsminister Reiner Haseloff ihre Sicht der Dinge, warum es zur Insolvenz des Traditionsunternehmens gekommen war – und welche Chancen sie darin sehen.

Gardelegen. Die Stimmung ist entspannt im Sitzungssaal im ersten Stock des AKT-Verwaltungsgebäudes, dort, wo das Unternehmen auch sein Traditionskabinett eingerichtet hat, wo von Kampfgruppeneinsätzen ebenso berichtet wird wie von den zahlreichen Auszeichnungen des Unternehmens nach der Wende.

In den Werkhallen weiter unten war die Stimmung nicht so entspannt. Am Tag zuvor waren die Mitarbeiter über die Insolvenz informiert worden – ein böses Wort, das nach Ende, nach Arbeitsplatzverlust, nach sozialem Abstieg klingt.

Unten, in den Werkhallen, arbeiten seit Monaten Leiharbeiter. 150 sind es derzeit. Sie müssen dort arbeiten, weil die 1007 festangestellten Kollegen die Arbeit nicht schaffen. "Es brummt", sagt ein Mitarbeiter. Aufträge müssen nach außen vergeben werden. Das kostet Geld.

"Wir müssen mit den Kunden über einen geordneten Ausstieg bei uns diskutieren"

"Wir haben Aufträge bis unter die Decke", sagt Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger im Sitzungssaal. Der Berliner zählt zu den beschäftigtsten Insolvenzanwälten der Republik. Auch seinetwegen meldete AKT die Insolvenz in Charlottenburg an. "Ich habe darauf bestanden, weil das Team um mich herum seinen Sitz in Berlin hat", sagt Andrew Seidl. Der Insolvenzanwalt aus Dresden ist einer der beiden neuen Geschäftsführer der AKT.

Links neben Seidl sitzt Bernhard Schrettle von der Logos Consult Dresden. Schrettle ist schon seit November im Unternehmen, arbeitet dort als Generalbevollmächtigter. Jetzt ist auch er Geschäftsführer. Die drei Männer wollen AKT aus der Krise führen.

Heute haben sie Verstärkung aus der Politik. Wirtschaftsminister Reiner Haseloff sitzt zwischen Insolvenzverwalter und Geschäftsführung vor den Wandzeitungen aus alter Zeit, als die AKT noch VEB Textima hieß. Haseloff war schon oft hier – meist, wenn es mal wieder einen Fördermittelbescheid zu überreichen gab oder eine Auszeichnung.

Nun versucht er zu erläutern, wie ein Unternehmen, das die Krise der Automobilindustrie überstanden hat, im Aufschwung in die Krise gerät. Der Versuch und der Zwang, die Altaufträge zu erhalten, verbunden mit der Akquise neuer Aufträge, hat AKT überfordert. Haseloff spricht davon, dass die Neustrukturierung ohnehin auf der Agenda gestanden habe. Nun werde sie "nur beschleunigt und fachlich mit hervorragenden Leuten" fortgesetzt.

Unten, in der Spritzerei, reinigen Manfred Herms und sein Kollege Frank Lewrick Passat-Teile mit Druckluft.

Oben geht es um Umstrukturierung. Darum ging es schon mal. Im vergangenen Jahr holte die damalige Geschäftsführung dazu eine externe Beraterfirma ins Haus: Kündigungen beim mittleren Personal, Angst in der Belegschaft, ein rauer Ton. Weitere Kündigungen sollten folgen.

Diesmal nicht.

Die Geschäftsführer von damals sind lange weg, wie so viele vor ihnen auch. Die Beratungsfirma musste ebenfalls gehen, die Gesellschafter Aloys Burwinkel und Dr. Clemens Püttmann übernahmen die Geschäftsführung. Es kehrte etwas Ruhe ein. Doch es reichte nicht.

Nun soll im Rahmen des Insolvenzplanverfahrens umstrukturiert werden.

3000 unterschiedliche Teile produziert AKT – teils ins ganz kleinen Serien, die eher an eine Manufaktur erinnern als an ein Industrieunternehmen. Mehr als 400 Werkzeuge müssen dafür vorgehalten werden. Das kostet Geld, viel Geld. Dazu kommen Kosten für Entwicklung und Einführung neuer Produkte. Die müssen vorfinanziert werden, auch das ist teuer.

Unten, in den Werkhallen, fehlen Werkzeuge. Vieles muss von Hand gemacht werden, was maschinell preiswerter zu leisten wäre. Schrettle spricht vom Investitionsstau. Aber auch im IT-Bereich gebe es Defizite, ebenso im energetischen Bereich. Dort habe die AKT nun "den ersten Pflock eingeschlagen": Zum Jahresende sei das Unternehmen energiezertifiziert worden. Weniger Energie – weniger Kosten.

Vielleicht wäre es besser gewesen, den einen oder anderen Auftrag nicht anzunehmen, sagt Schrettle weiter. Er mag seine Vorgänger nicht zu stark kritisieren. Das tut niemand hier oben. "Eine Umstrukturierung in einer Aufschwungphase ist kaum möglich", sagte Seidl. Der Aufschwung, die immer neuen Aufträge, das behindere die Restrukturierungsphase. Nun aber sei mehr möglich "unter der Käseglocke" der Planinsolvenz.

Nun soll mit den Kunden gesprochen werden. Nun soll denen erklärt werden, dass viele der Aufträge, die sie der AKT schon vor Jahren gegeben haben, unter heutigen Bedingungen nicht mehr rentabel umzusetzen sind. Kündigen oder ändern, heißt die Devise. "Wir müssen mit den Kunden in bilateralen Gesprächen über einen geordneten Ausstieg bei uns diskutieren", sagt Seidl. Natürlich, sagt Schrettle, sei das "ein juristisches Problem, aber die Bedingungen sind wirtschaftlich nicht haltbar". Teils gebe es die Verpflichtung, die Teile 15 Jahre nach Ablauf der Serie weiterzuproduzieren. Das sei bei 3000 verschiedenen Erzeugnissen nicht möglich. Schrettle: "Ich habe heute schon das Problem bei auslaufenden Serien. Bei der Ersatzteilproduktion wird das Problem noch schlimmer." Heißt: Geringe Stückzahlen, enorm hohe Kosten, aber weiterhin geringe Erlöse. Das AKT-Dilemma.

Unten in der Produktion steckt Doreen Engelberg Schalter für elektrische Fensterheber in kleine schwarze Gehäuse. Sie ist eine der 150 Leiharbeiter, die die Produktion bei AKT unterstützen. Ein paar Maschinen stehen heute still. Einige Leiharbeitsfirmen haben, aufgeschreckt von der Insolvenznachricht, ihre Leute heute nicht ins Werk geschickt.

400 000 Euro kosten die Leiharbeiter das Unternehmen im Monat, sagt Seidl oben. 1,3 Millionen Euro zahlt die AKT pro Monat an Fremdfirmen, um Aufträge abzudecken, die sie selbst erledigen wollte und mit denen sie verdienen wollte, anstatt zuzuzahlen.

Selbst bei weniger Aufträgen könnten also alle festangestellten AKT-Kollegen ihre Arbeitsplätze behalten. Darauf setzt die Geschäftsführung, darauf setzt auch der Betriebsrat. "Wir müssen alle an einem Strang ziehen", sagte dessen Vorsitzender Gerhard Hottowitz. Er kennt die Höhen und Tiefen des Unternehmens seit Jahrzehnten. Kein Mann, der auf Krawall macht. Ziel des Betriebsrates sei, "dass der Lohn pünktlich kommt und dass die Arbeitsplätze weitestgehend erhalten bleiben", sagt er oben, bei Minister und Betriebsleitung.

Im vergangenen Jahr hatte es einmal, das bisher erste und einzig Mal in der AKT-Geschichte, eine Lohnzahlung in Raten gegeben.

Natürlich werde der Betriebsrat in die Umstrukturierungsgespräche einbezogen, sagt Seidl. Die Kollegen der Arbeitsnehmervertretung waren schon am Mittwochabend vertraulich über den bevorstehenden Insolvenzantrag informiert worden. "Wir müssen zusehen, dass wir nach vorne kommen", sagt Hottowitz.

"Das Unternehmen hat was zu bieten: Das Know how ist gut, die Mit- arbeiter sind gut"

Unten arbeiten seine Kollegen. Sie hatten 2009 wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation auf ihr Weihnachtsgeld verzichtet, um Kündigungen zu verhindern. 2010 bestand der Betriebsrat auf Zahlung: Von Arbeitplatzgefährdung könne angesichts der 150 Leiharbeiter keine Rede sein. Doch AKT konnte nur in Raten zahlen. Die erste Rate wurde im Dezember gezahlt. Die zweite Rate sollte im Januar überwiesen werden.

Daraus wird nichts.

Die wirtschaftliche Lage der AKT lasse das nicht zu, sagt Seidl, zudem sei das auch insolvenzrechtlich nicht möglich. Doch Seidl will das Geld noch zahlen. Im Rahmen des Insolvenzplanes soll die Zahlung vermerkt werden: "Das soll nachträglich gezahlt werden."

"Genau der richtige Zeitpunkt für den Insolvenzantrag", lobt Haseloff. "Das Unternehmen hat was zu bieten: Das Know how ist gut, die Mitarbeiter sind gut", sagt Insolvenzverwalter Schulte-Kaubrügger.

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