Eine Woche lang hat er sich umgesehen - jetzt malt er: Alexander Harders ist derzeit "artist in residence" - Künstler mit Aufenthalt in Kalbe, ein neues Projekt des Künstlerstadtvereines.

Kalbe l Als er die Tür öffnet, sieht er eher wie ein junger Assistenzarzt aus. Das mag an dem schneeweißen Kittel liegen. "Der ist neu", sagt Alexander Harders und grinst. Dass er ihn trägt, liegt wiederum daran, dass sich er sich nicht laufend neue Klamotten kaufen kann. "Künstler müssen sich durchschlagen", sagt er, lacht wieder, bietet einen "Räuberkaffee" an - hierzulande ist das ein "türkischer" - und schon fühlt man sich wohl in Alexander Harders neuem "Atelier".

Das ist im Verwaltungsgebäude der Kalbenser Milde-Beton. Dort malt der 34-Jährige seit ein paar Tagen. Für ein Vierteljahr ist der gebürtige Hesse nämlich "artist in residence" innerhalb eines neuen Projektes der Künstlerstadt Kalbe, das sich nicht wie der Sommer- oder Wintercampus an Studenten, sondern an fertige Künstler wendet, ihnen freies Wohnen ermöglicht und ein Atelier stellt. Und fertig mit dem Studium der Freien Kunst in Braunschweig ist Harders seit 2007. Seither malt er und lebt davon, und zwar immer mal wieder an anderen Orten. Eine Zeitlang war er in Berlin, zuletzt in einer Selbstversorgerkommune bei Greifswald. Neben der Kunst interessiert ihn nämlich die alternative Lebensweise: "Wir verbrauchen doch jetzt schon die Reccoursen der kommenden Generationen", sagt er.

"Man muss den frischen Blick behalten."

Sein derzeit größter Verbrauch sind Farben und Pinsel. Zahllos liegen sie auf dem Boden. Momentan ist es Acryl. Öl mag er auch. Meist wird es eine Mischung aus beidem. Ob das Bild, an dem er gerade arbeitet, bald fertig ist, kann er allerdings nicht beantworten. "Ich glaube, ich werde es erstmal beiseite stellen und etwas anderes beginnen", sagt er. "Man muss den frischen Blick auf ein Bild behalten, es immer wie zum ersten Mal sehen, sonst achtet man nur noch auf die Details."

Wie er zur Kunst gekommen ist, weiß Alexander Harders indes noch ganz genau. Klar, hat er, wie fast alle Künstler, "immer schon gern gezeichnet". Sein Aha-Erlebnis war allerdings eine Diskussion mit dem Vater eines Klassenkameraden "um ein Bild von Max Beckmann". Das expressionistische Werk war in einem Buch abgedruckt. Auf seine Kritik habe der Kunstfreund ihn gefragt: "Aber sieht du nicht den Ausdruck, den es hat?" "Da", sagt Harders, "habe ich angefangen, mir expressionistische Bilder genauer anzuschauen." Zwei Monate später wusste er, dass er Maler werden will. Für seine Eltern, beide Naturwissenschaftler, war seine Entscheidung erstmal ein Schock. "Aber Eltern wollen ja am Ende, dass ihre Kinder glücklich sind."

Und das ist er offensichtlich - auch in Kalbe: "Ich bin froh, dass ich hier gelandet bin, und mich komplett aufs Malen konzentrieren kann." Jeder, der ihm dabei einfach mal über die Schulter schauen möchte, sei allerdings jederzeit willkommen, versichert er.

Dass er sich zudem "auch mal über eine Einladung zum abendlichen Bier" freuen würde, weiß wiederum Künstlerstadtchefin Corinna Köbele. Sie freut sich ebenfalls schon, und zwar auf den Juli. Denn was Alexander in den kommenden drei Monaten in Kalbe auf Leinwände zaubern wird, soll dann in einer kleinen Ausstellung gezeigt werden. Er hofft, "dass es ein paar gute Bilder werden".

Einen Titel darunter werden die Besucher dann allerdings vergeblich suchen. Kunst sei "eben nicht sprachlich, sondern sinnlich". Ein bisschen ist er also auch ein Philosoph, der Alexander "in residence". Aber auf jeden Fall ein sehr sympathischer.