Gardelegen l Auch wer ähnliche Situationen erlebt hat - und das traf wohl für die meisten Besucher im Gardeleger Schützenhaus zu - so schön wiedergeben kann sie wohl nur Jan Weiler, diese Storys von seinem Leben mit dem "Pubertier", der 15-jährigen Tochter, die in seinen Büchern Carla heißt.

Seit "gefühlt" 13 Jahren befindet die sich nämlich im gefürchteten Teenageralter, Begleiterscheinungen inklusive. Und die gibt Weiler unnachahmlich komisch wieder. Schon während der ersten fünf Minuten müssen viele Zuschauer ihre Tempotaschentücher herausholen, so sehr kullern die Lachtränen. Denn just während der gestresste Papa den Gardelegern sein Leid klagt: "Ich fühle mich unterdrückt. Ich fühle mich meiner Rechte, meiner CDs und meines Rasierschaumes beraubt, dafür sieht mein Badezimmer aus wie das Kosmetikversuchslabor der Bravo" - ruft Carla an.

Und da müsse er natürlich dringend rangehen, bittet Weiler um Verständnis. Schließlich melde sich die Tochter nur im äußersten Notfall, wie die Zuhörer auch gleich selbst feststellen dürfen. Denn Carla soll "zu morgen" ein Referat über Belgien abgeben, hat "null Ahnung", dazu offensichtlich "Hausverbot bei Google", wie Papa mutmaßt, und außerdem "überhaupt keine Zeit" für so etwas Banales wie Schularbeiten, sie muss sich schließlich um ihre Freundin Emma kümmern, die sich unglücklich in einen Internetuser namens "pussylover 2003" verliebt hat, hinter dem sie Matthias Schweighöfer vermutet...

"Drei Stichwörter zu Belgien? Pommes, Pralinen, Kinderschänder!"

Spätestens nach diesem Telefonat zwischen Vater und Tochter sind die Gardeleger über die Misere im Bilde, in der der Mann da vorn auf der Bühne steht, bewundern ihn dafür, wie souverän er den Umgang mit ihr handhabt - "Du willst also auf die Schnelle drei Stichwörter zu Belgien von mir? Warte:, Pommes, Pralinen und Kinderschänder!" - und verschaffen ihm so manche kleine Pause, weil Weiler seine Gäste schließlich erstmal in Ruhe zu Ende lachen lassen muss, bevor er weitererzählt von seiner Erfahrung als Facebook-Fan - "aus investigativen Gründen" - seiner Allergie gegen Elternversammlungen und Spaßbäder oder seiner Leidenschaft fürs "aus dem Fenster gucken."

Mitgebracht hat Weiler neben den Storys von Pubertier Carla auch charmante Anekdoten über Schwiegervater Antonio, einen waschechten Italiener, der vielen Besuchern schon aus seinem Debütroman "Maria ihm schmeckt`s nicht" bekannt ist, und dazu unnachahmliche Geschichten von Schwager Jürgen, "Ingenieur, Weinkenner und Esoteriker". Während er auch hier sein Gefühl für komische Situationen unter Beweis stellt, zeigt Weiler gleich noch ein weiteres Talent. Denn der Mann auf der Bühne ist ein begnadeter Stimmenimitator. Für seine Hörbuchfans ist das keine Überraschung, bei allen anderen sammelt er indes gleich noch ein paar Sympathiepunkte mehr.

"Zugaben gibt es, ohne dass ich mich hinterm Vorhang verstecke."

Und die letzten Zweifler hat er dann spätestens nach der Pause im Sack. Denn da verspricht er insbesondere "den mitgeschleppten Ehemännern", dass "nach der Lesung tatsächlich Schluss ist und sie dann nach Hause gehen dürfen."

Aber natürlich heißt Schluss dann doch nicht gleich Schluss bei Jan Weiler. Zwei "Zugaben" hat der Autor nämlich "sowieso eingeplant" und liest sie, "ohne dass ganze Theater, dass ich mich hinterm Vorhang verstecke und Sie klatschen und dann verstecke ich mich wieder und Sie klatschen..."

Und natürlich nimmt sich der Rheinländer (klar eigentlich bei der Frohnatur) dann auch noch Zeit, um seine Bücher - "aber ich unterschreibe Ihnen auch fremde" - zu signieren.

Dass das dann auch tatsächlich ganz viele möchten, kennt er wohl auch nicht anders. Jörn Projahn, Chef des Gardeleger Bibliotheksfördervereines, der diese Lesung ermöglichte, hatte es zu Beginn der Veranstaltung schon verraten: Weiler führt derzeit schließlich die Spiegel-Bestsellerliste (Hardcover, Belletristik) an. Aber das wundert nach diesem herrlich komischen Abend wohl keinen der fast 200 Besucher.