"Für einige Wochen so leben, wie 90 Prozent der Weltbevölkerung leben." Dies ist nach Angaben der Stiftung "Zahnärzte ohne Grenzen" für viele Stomatologen ein Beweggrund dafür, vorübergehend in Schwellen- oder Dritte-Welt-Ländern zu arbeiten. Und dieses Abenteuer gehen nun auch die Kalbenserin Heike van Rennings und die Klädenerin Annika Westermann ein.

Kalbe/Bismark l Dass sie schon etwas aufgeregt ist, kann und will Heike van Rennings nicht verhehlen. Aber sie freut sich auch unheimlich auf das, was vor ihr liegt. Zweifelsohne wird es für sie und ihre Helferin Annika Westermann eines der größten Abenteuer ihres bisherigen Lebens. Denn die beiden Frauen reisen vom 16. Juli bis zum 6. August in die Mongolei - allerdings nicht, um dort zu urlauben, sondern um im Dienste der Stiftung "Zahnärzte ohne Grenzen" zu arbeiten.

"Wenn ich sage, ich hätte auch nur zwei Minuten bis zu einer Entscheidung gebraucht, dann wäre das gelogen."

Zahnarzthelferin Annika Westermann

Heike van Rennings, die seit 1995 in Kalbe lebt, betreibt eine eigene Zahnarztpraxis in Bismark. Seit rund sechs Jahren ist dort auch Helferin Annika Westermann tätig. Als sie von ihrer Chefin gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, sie in die Mongolei zu begleiten, sagte sie spontan zu. "Wenn ich sage, ich hätte auch nur zwei Minuten bis zu einer Entscheidung gebraucht", so die 28-Jährige, "dann wäre das gelogen."

Auch für Heike van Rennings war relativ schnell klar, dass sie sich dieser Herausforderung stellen will, nachdem sie im Januar in einem Fachblatt davon gelesen hatte. "Schon früher habe ich mich manchmal mit dem Thema befasst, es dann aber wieder beiseite gelegt. Denn ich wollte auch nicht zu lange wegbleiben", so die Mutter von drei Söhnen. "Als ich jetzt aber wieder davon las und erfuhr, dass die Teilnahme auch für drei Wochen möglich ist, hat mich das Ganze nicht mehr losgelassen", erzählt die 53-Jährige. Zum Glück habe ihre Familie, allen voran Ehemann Peter, sie von Anfang an bestärkt. Daraufhin habe sie dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um gemeinsam mit Helferin Annika beim Projekt mitmachen zu können. "Wir nehmen dafür unseren Sommerurlaub", sagt Heike van Rennings.

In der vergangenen Woche hat sie an einem sogenannten Anwendertreffen in Nürnberg teilgenommen. Denn sie ist längst nicht die einzige Vertreterin ihres Berufsstandes, die sich im Juli auf den Weg in die Mongolei machen will. Insgesamt würden dort 14 Viererteams, bestehend aus je zwei Zahnärzten und zwei Helferinnen und unterstützt von Dolmetschern, tätig sein. Sie würden anfangs alle zusammen in die Hauptstadt Ulan Bator fliegen und von dort in die jeweilige Bezirksstadt. Anschließend gehe es dann in jene kleinen Orte, in denen in mobilen Behandlungseinheiten gearbeitet werde. "Dort wird uns ein Grundsortiment an Material zur Verfügung gestellt. Erfahrungswerte zeigen aber, dass dies nicht ausreicht", erzählt Heike van Rennings. Deshalb habe sie bereits jede Menge gesammelt, sei dabei sowohl von Dentalfirmen als auch von anderen Praxen unterstützt worden. "Das ganze Material hatte ich zeitweise zu Hause in meinem Gästezimmer gelagert", so die Zahnärztin. Inzwischen befände es sich aber in Nürnberg, dem Sitz der Stiftung, und werde von dort via Lkw und Zug in die Mongolei gebracht. "Und wenn wir dann dort ankommen, hoffe ich, dass es auch da ist", sagt Heike van Rennings lachend.

Nicht nur um zusätzliches Material hat sie sich selbst gekümmert, sondern sie bezahlt auch den Flug allein. Zudem werden Reisekosten von 400 Euro pro Person für Verpflegung und Versicherung fällig.

Es ist der Dienst am Menschen, den die "Zahnärzte ohne Grenzen" und ihre Helfer im Zuge ihrer Mission erfüllen - und der wiederum sie erfüllt. "Ich denke, dass uns diese Erfahrung erden wird", sagt Heike van Rennings. Denn es müsse mit einfachsten Geräten und unter völlig anderen Bedingungen als in Deutschland gearbeitet werden, wo alles meist ganz schick und modern sei. Und dennoch könne Menschen geholfen werden.

"Die Patienten legen teilweise 60 bis 70 Kilometer mit dem Pferdewagen oder Moped zurück, um sich behandeln zu lassen."

Zahnärztin Heike van Rennings

"Die Patienten", so die Kalbenserin, "legen teilweise 60 bis 70 Kilometer mit dem Pferdewagen oder dem Moped zurück, um sich von uns behandeln zu lassen." Dass habe ihr eine Kollegin aus Niedersachsen berichtet, die schon einmal für "Zahnärzte ohne Genzen" in der Mongolei gewesen sei. Und sie habe auch bestätigt, dass Gummistiefel, Campingdusche und Grubenlampe - letztere als Leuchtmittel für die Behandlung - unverzichtbare Utensilien seien. "Wir bauen uns aber auch unsere Jurte selbst und schlafen dann darin", sagt Heike van Rennings.

Etwas anderes habe ihr die Kollegin aus Niedersachsen jedoch auch berichtet: nämlich, wie dankbar und gastfreundlich die Menschen in dem asiatischen Land seien. Dass sie im Gegenzug dazu andere Hygienevorstellungen haben als die Deutschen, das sieht Heike van Rennings als Herausforderung, der sie sich aber stellen will. Genau wie der Tatsache, "dass 80 bis 90 Prozent derjenigen, die ich dann behandele, ein Fall für die Zange sein werden." Denn Wurzelbehandlungen oder gar prothetische Aufbauten seien bei dieser vorübergehenden Versorgung nicht möglich. Wohl aber prophylaktische Hinweise. "Denn seit Einführung der Cola gibt es in der Mongolei eine massive Zunahme der Zahnprobleme", weiß Heike van Rennings.

Natürlich wird sie auch mit Füllmaterialien arbeiten. Allerdings nicht mit Amalgam. Der wegen seines Quecksilbergehaltes in die Kritik geratene Stoff werde in dem asiatischen Land nämlich nicht angewendet. Und das finde sie erstaunlich, sagt die Zahnärztin. Denn in dem Bereich sei die Mongolei offenbar fortschrittlicher als das moderne Deutschland.

Und? Wird sie in den drei Wochen nicht wahnsinnig ihre Familie vermissen? "Natürlich", gibt Heike von Rennings unumwunden zu, zumal der jüngste Sohn Tim ausgerechnet in dieser Zeit seinen 16. Geburtstag feiert. "Aber die Jungs freuen sich dafür auf die Bilder, die ich mitbringe", sagt die Kalbenserin.

Und vielleicht sind sie auch ein Stück weit stolz auf den Mut ihrer Mutter. Denn diese hat folgenden Leitspruch der Stiftung "Zahnärzte ohne Grenzen" offenbar verinnerlicht: "Es gibt Machtgierige. Es gibt Geldgierige. Und es gibt Neugierige. Wir brauchen die Neugierigen." Heike van Rennings und Helferin Annika Westermann sind zwei von ihnen.