Wer Bahn fährt, kann was erleben. Katharina Schulz aus Gardelegen fährt oft mit dem Zug. Erlebt hat sie dabei schon eine ganze Menge. Positives und Negatives. Ihre jüngstes Abenteuer mit der Deutschen Bahn AG gehört allerdings deutlich in die zweite Kategorie. Und daran ist nicht der Winter schuld.

Gardelegen. Tür zu, Zug weg!? Wohl kaum ein Bahnreisender, dem das nicht schon mal passiert ist. Katharina Schulz kennt solche Situationen zur Genüge. Die junge Frau, die derzeit in Stendal eine Ausbildung zur Sozialassistentin macht, pendelt täglich zwischen Gardelegen und Stendal. Zuweilen ist das sogar ganz gemütlich. Zumal sie meist nicht allein Zugfahren muss. Maria Riewe und Bianca Micklich, beide wohnen ebenfalls in Gardelegen, gehen in dieselbe Berufschulklasse. Und so steigen die drei jungen Frauen oft zusammen auf dem Stendaler Hauptbahnhof in den Zug nach Hause.

Auch am Donnerstag, 9. Dezember, ist das nicht anders. Allerdings müssen sie sich an diesem Tag schon ein bisschen beeilen. Denn der Zug, mit dem sie zuvor auf dem Stendaler Stadtseebahnhof losgefahren sind, kommt erst auf den letzten Drücker am Stendaler Hauptbahnhof an. Doch die Mädels sind fix. Gerade noch rechtzeitig steigen sie in den Anschlusszug nach Gardelegen. Nur eine halbe Stunde Fahrt liegt noch vor ihnen. So zumindest denken sie noch, als sie fröhlich schwatzend im hinteren Waggon des Doppeltriebwagens RB 36984 Platz finden. Für Katharina und Bianca soll sich die Heimreise an diesem Tag nämlich in ungeahnter Weise verlängern. Doch davon wissen die beiden zu dem Zeitpunkt noch nichts.

"Der Rollstuhl blieb an einer Stange in der Tür hängen"

Zunächst einmal kommt der Zug pünktlich am Gardeleger Bahnhof an. Im Bereich vor der Zugtür warten in diesem Moment noch eine Rollstuhlfahrerin und ihr Begleiter. Als der Zug schließlich anhält und sich die Türen öffnen, will er der Behinderten beim Aussteigen helfen. Doch "der Rollstuhl blieb immer wieder an einer Stange in der Tür hängen", so Katharina Schulz: "Beide haben es mehrmals versucht. Irgendwie kamen sie nicht raus."

Um der Dame zu helfen, steigt schließlich Maria Riewe aus dem Zug und will vom Bahnsteig aus zufassen. Doch kaum steht die Auszubildende im Freien, schließen sich plötzlich die Türen des Waggons. "Wir haben von innen versucht, sie wieder aufzumachen. Maria hat von außen immerzu auf den Öffnungsknopf gedrückt", beschreibt Katharina Schulz. Doch nichts geht mehr. Der Zug fährt los und nimmt neben Katharina auch Bianca Micklich, die Rollstuhlfahrerin und ihren Begleiter mit.

Maria schaut ihnen auf dem Bahnsteig ungläubig nach. "Drei Kinder, vermutlich Schüler aus dem Gymnasium, standen zu dem Zeitpunkt auch noch auf dem Bahnsteig. Sie wollten eigentlich mit diesem Zug nach Hause fahren" erzählt Maria: "Die waren natürlich auch ziemlich sauer, dass sie nicht einsteigen konnten."

Im Zug sind die vier unfreiwilligen Passagiere erstmal ziemlich baff. Dann aber greift Marika Hüttl, sie ist die Dame im Rollstuhl, zum Handy und ruft bei der Bahn an: "Ich hatte mir vorher die Hotline aufgeschrieben, die auf dem Magdeburger Bahnhof aushängt", erzählt die sechsfache Mutter später im Gespräch mit der Volksstimme. Und so sei sie überzeugt gewesen, dass sie bei der Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung auf Verständnis trifft. Das Gegenteil jedoch sei der Fall gewesen. Die Dame habe ihr nur sehr unfreundlich vorgeworfen, dass sie als Behinderte ihre Fahrt nicht angemeldet habe. "Das kann man machen", weiß Marika Hüttl natürlich. Doch diese Servicenummer koste mit maximal 42 Cent in der Minute Geld, von dem die Hartz-IV-Empfängerin – die an diesem Tag ihren Sohn in der Gardeleger Kinderklinik besuchen will – nicht eben viel hat.

"Außerdem ist ein Bekannter bei mir gewesen", sagt Hüttl. Im Normalfall hätte sie also gar keine Hilfe benötigt.

Die Bahnmitarbeiterin an der Hotline habe ihr indes überhaupt nicht zugehört. Genervt habe sie deshalb das Telefon an eine der beiden jungen Frauen im Zug weitergegeben.

"Man hat gehört, wie die ins Telefon geschrien hat"

Doch die Frau am anderen Ende der Leitung hat auch für Bianca Micklichs Sorgen – auf die junge Mutter wartet ihr Kind in einer Gardeleger Krippe – kein Verständnis. "Man hat schon beim Danebenstehen deutlich gehört, wie die Bahnfrau ins Telefon geschrien hat", erinnert sich Katharina Schulz. Am Ende legt die Mitarbeiterin einfach auf, erzählen alle Beteiligten übereinstimmend.

Die vier steigen schließlich in Solpke aus. "Und dort sind wir dann zum Zugführer gegangen", sagt Katharina Schulz. Doch auch der habe "total unfreundlich" reagiert: "Der hat uns nur gesagt, am Gardeleger Bahnhof sei keiner mehr auf dem Bahnsteig gewesen. Und was wir uns denken, ihn hier zu kritisieren. Er war richtig dreist." Allerdings telefoniert der Mann schließlich und teilt den vier Bahnkunden mit "dass nach einer Stunde ein Zug zurückfährt nach Gardelegen".

Die Stunde wird eine sehr kalte. Zweistellige Minusgrade machen vor allem der behinderten Marika Hüttl zu schaffen: "Ich konnte mich schließlich nicht warmlaufen." Eine Unterstellmöglichkeit gibt es am Solpker Bahnsteig nicht.

Als alle endlich in den Gegenzug einsteigen können – wo sie von einer Kundenbetreuerin und einer Auszubildenden der Bahn schon erwartet werden – sind sie völlig durchgefroren. Auch diese Mitarbeiter sind indes nicht viel freundlicher, als ihre bisherigen Ansprechpartner, erzählen Marika Hüttl und Katharina Schulz.

Und genau dieser Punkt ist es, der die Gardelegerin so ärgert, dass sie sich schließlich mit der Volksstimme in Verbindung setzt. "Ich habe wirklich schon viel erlebt mit der Bahn, aber so was noch nie", sagt die 19-Jährige, die seit sieben Jahren fast täglich mit dem Zug unterwegs ist.

Warum sie sich nicht bei der Bahn selbst beschwert? Nach so viel Unfreundlichkeit und Arroganz "wohl kaum", schüttelt die künftige Sozialassistentin den Kopf. Marika Hüttl hingegen, "hätte schon gern selbst bei der Bahn angerufen". Doch derzeit liegt die 45-Jährige im Krankenhaus. "Da hatte ich andere Sorgen", sagt sie.

Sorgen darüber, dass sich Vorfälle wie dieser wiederholen könnten, scheint sich bei der Deutschen Bahn AG indes niemand zu machen: "In Gardelegen nahm der Triebfahrzeugführer augenscheinlich nichts wahr, so dass die Fahrt des Zuges planmäßig weiterging", heißt es auf Anfrage lapidar in einer schriftlichen Stellungnahme des Unternehmens. Möglicherweise, weil "die Rollstuhlfahrerin ungünstigerweise den hinteren Teil des Triebwagens genutzt hatte", wie es weiterhin in dem Schreiben heißt, oder weil sich "die Kundin nicht beim Triebfahrzeugführer gemeldet hatte, so dass ihm die Mitfahrt nicht bekannt war"?

In dem kurzen Schreiben der Bahn findet sich schließlich noch ein Hinweis auf jene kostenpflichtige Hotline, bei der behinderte oder in ihrer Mobilität eingeschränkte Bahnkunden wiederum kostenlose Hilfe beim Ein-und Aussteigen anfordern können. Und es findet sich eine Information darüber, dass es in Triebwagen Gegensprechstellen gibt, um mit dem Lokführer Kontakt aufzunehmen. Ein Wort der Entschuldigung findet sich hingegen nirgends.

"Unsere Mitarbeiter legen nicht einfach auf"

Pressesprecher Jörg Bönisch tut sich damit auch am Telefon schwer. Angesprochen auf das Verhalten der Mitarbeiterin beim telefonischen Service-Center der Bahn, der sogenannten 3-S(Service, Sicherheit, Sauberkeit)-Zentrale, versichert er: "Unsere Mitarbeiter legen nicht auf." Und Unfreundlichkeit sei seinen Kollegen vor Ort ebenfalls "nicht zu beweisen".

Angesichts der detaillierten Beschreibung von zwei Bahnkunden will Bönisch allerdings dann doch nicht ganz ausschließen, dass der Triebwagenführer die Ausstiegsversuche der Rollstuhlfahrerein übersehen haben könnte: "Wenn das denn tatsächlich so gewesen sein soll, dann ist das bedauerlich", sagt er. Mehr nicht.

Bedauerlich findet Katharina Schulz allerdings auch etwas: Nämlich: "Dass die ja genau wissen, dass man auf sie angewiesen ist."

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