Am Montag wurde es im Amtsgericht vorgestellt: das Buch "Ausgeliefert. Haft und Verfolgung im Kreis Gardelegen zwischen 1945 und 1961". Nach Wunsch der Autoren soll es die Grundlage dafür sein, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen - damit die Opfer eine größere Aufmerksamkeit bekommen.

Gardelegen l Mit dem Buch wird ein weiterer Schritt getan heraus aus dem Vergessen. Das Buch ersetzt nachträglich die fehlende Öffentlichkeitsarbeit und korrigiert das verzerrte Geschichtsbild in der DDR. Das Buch verbindet persönliche Schicksale mit Orten und Personen im Kreis Gardelegen. Mit dem Buch werden für Angehörige Jahre des Schweigens und Verschweigens beendet.

All das sagt Birgit Neumann-Becker, Sachsen-Anhalts Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, über das Buch, das der zweite Band in der Studienreihe der Landesbeauftragten ist. Die Publikation zeige nicht nur, wie es wirklich war, sondern werfe auch wichtige Fragen auf: Wie und an welchen Stellen in Gardelegen wird der Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft gedacht? "Ich halte es für wichtig, dass es für Opfer der SED-Herrschaft öffentliche Gedenkorte gibt", sagte sie am Montag. Mit der Gedenktafel am Amtsgericht ist ein solcher Ort geschaffen worden (siehe unten). "Es wäre ein bedeutsamer Beitrag, wenn dieses Buch den Ausgangspunkt für weitere diesbezügliche Überlegungen darstellen könnte", schreibt Birgit Neumann-Becker im Vorwort zu "Ausgeliefert. Haft und Verfolgung im Kreis Gardelegen zwischen 1945 und 1961".

Orte, die als Gedenkorte möglich sind, gibt es einige. Gleich zu Beginn der Publikation geben die Autoren eine Übersicht, wo in Gardelegen die Verwaltungen, die Justiz und die Sicherheitsorgane - die deutschen und die sowjetischen - ihre Standorte hatten. Folgend wird das Wirken sowjetischer Militärtribunale beschrieben, die Situation in Gardelegen am Ende des Zweiten Weltkrieges, die Entwicklung der Gerichtsbarkeit, die Einbeziehung der Gardeleger Polizei in politisch motivierte Strafverfahren und die politische Verfolgung seitens der MfS-Kreisdienststelle.

Die Autoren haben viele Quellen ausgewertet, haben in Archiven recherchiert - und haben mit Angehörigen gesprochen. Nicht immer war dies einfach, denn viele waren damals noch Kinder, andere wollten nicht darüber sprechen. "Darum gilt unserer besonderer Dank den Angehörigen, die sich an der Spurensuche beteiligt haben", sagte Edda Ahrberg. Die Publizistin, von Dezember 1994 bis Juni 2005 Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, hat gemeinsam mit Gardelegens Amtsgerichtsdirektor Dr. Jürgen Richter, dem Historiker Daniel Bohse, Leiter der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg, und Torsten Haarseim, nebenberuflicher Historiker und Autor aus Gardelegen, das Buch erarbeitet.

"Wir sind weiter interessiert, von den Gardelegern Informationen zu bekommen."

Edda Ahrberg, Publizistin

Ein Buch, von dem Edda Ahrberg sich wünscht, dass Historiker und Juristen angeregt werden, zu einigen Themen weiterzuforschen. Denn die Dokumentation "Ausgeliefert" stelle nur schlaglichtartig die Schicksale einiger Menschen und einige Begebenheiten dar. Eine Forschungslücke gebe es zum Beispiel noch bei der Frage, welche Rolle die Staatssicherheit der DDR in dieser Zeit in Gardelegen gespielt hat.

Das Buch ist gedruckt und im Handel erhältlich, doch für die Autoren ist das Kapitel damit nicht abgeschlossen. "Wir sind weiter interessiert, von den Gardelegern Informationen zu bekommen", sagte Edda Ahrberg. Und noch einen Wunsch hat sie: "Das Buch sollte Ausgangspunkt dafür sein, dass die Opfer stalinistischer Gewalt größere Aufmerksamkeit bekommen. Es soll den Boden dafür bereiten, dass Menschen über Erlebtes reden können."

Denn Geschichten von Menschen müssen zu Ende erzählt werden, schreibt Birgit Neumann-Becker im Vorwort - und Thomas Wünsch, Staatssekretär im Landes-Justizministerium, schließt sich dem an. Geschichte lebendig zu halten, dazu gehöre auch, der Opfer zu gedenken, sagte er am Montag. Dazu trage das Buch bei. Es mache Geschichte anschaulich mit Schicksalen und Lebenswegen, die stellvertretend sind für viele andere. Anschaulich wird es für die Gardeleger aber auch, weil sie erfahren, "was Menschen in ihrer Nachbarschaft passiert ist".

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