Sie sehen zünftig aus und sind immer wieder ein Hingucker. Junge Handwerksgesellen auf Wanderschaft. Vor kurzem zogen die Zimmermannsgesellen Tom Gerschau und Sebastian Schnider durch Gardelegen.

Gardelegen l Nein, sie sind hier gerade nicht auf der Suche nach dem nächsten Arbeitgeber, sagten Tom Gerschau und Sebastian Schnider. Die beiden jungen Männer zogen vor einigen Tagen auf dem Weg in Richtung Berlin durch Gardelegen. Sie sind nämlich auf der Walz. Eine alte Tradition, die von einigen Gewerken noch immer gepflegt wird, die aber an einige Bedingungen gebunden ist.

So sind Handy und internetfähige Geräte verboten. Die Dauer der Wanderschaft muss drei Jahre und mindestens einen Tag betragen. "Länger geht immer. Man darf so lange gehen, wie man will", erklärte Sebastian Schnider. Wer sich zur Wanderschaft entschließt, sollte allerdings nicht älter als 30 Jahre und auch nicht verheiratet sein. Schulden darf der Geselle, der loszieht, auch nicht haben. "Wanderschaft sollte nämlich keine Flucht vor Verpflichtungen sein", fügte er hinzu. Begonnen hat sein Weg im Übrigen in Schemmerhofen. "Das liegt bei Biberach", erklärte er.

Dass der 24-Jährige die Regeln wie aus dem FF aufsagen konnte, liegt vielleicht auch daran, dass er bereits seit dem 1. Mai 2011 unterwegs ist und während dieser Zeit schon viele walzende Kollegen getroffen hat. Und geht es nach dem Wunsch des gebürtigen Schwaben, dann wird er durchaus noch ein paar Tage länger unterwegs sein, als die geforderten drei Jahre und einen Tag. "Es ist ein richtiges Abenteuer", antwortet er auf die Frage, weshalb er losgezogen ist.

Aus der gänzlich entgegengesetzten Himmelsrichtung stammt der derzeitige Wanderbegleiter des Schwaben. Tom Gerschau kommt aus Hamburg. "Das liegt zwischen Nord- und Ostsee", sagte er verschmitzt lächelnd und erklärte damit die geografische Lage seines Heimatortes ebenso wie schon zuvor sein Kollege. Gerade erst seit zehn Wochen unterwegs, so hat er doch schon Einiges erlebt. Begonnen hat seine Walz nämlich mit dem traditionellen Einschlagen eines Ohrloches bei dem Gesellen, der auf die Walz geht. Dazu musste er sein Ohrläppchen auf den Tresen einer Wirtschaft legen, damit mit einem echten Zimmermannsnagel der Weg für einen Ohrstecker frei gemacht werden konnte. "Das gehört zur Tradition", sagte der 20-Jährige und zeigte das Corpus Delicti von enorm großem Nagel - jedenfalls für diesen Zweck. Übrigens musste der so Gepeinigte auch noch dafür bezahlen, dass man ihn wieder vom Tresen befreite.

"Zwei Monate unterwegs sind schon einiges", erzählte der Hamburger Geselle. "Wir müssen ja jeden Tag gucken, wo wir schlafen." Meistens ist das draußen oder in Unterständen. "Das möchte ich erstmal von anderen sehen, dass sie das freiwillig auf sich nehmen." In Städten kommen die jungen Männer auf der Walz auch schon mal in "ec-Hotels" unter, sagte der 20-Jährige. Und meinte damit die Vorräume von Banken, in denen die Geldautomaten stehen. Allerdings wurden sie dort auch schon mal - mitten in der Nacht und noch halb schlafend - von der Polizei des Platzes verwiesen.

Was die beiden jungen Männer aber immer wieder überrascht, ist, dass die Menschen überall sehr nett und freundlich reagieren. Praktisch europa- und weltweit. Denn außer in England, der Schweiz, Österreich, Dänemark oder Schweden waren sie auch schon in Thailand oder Indonesien.