Im Vorfeld des Sachsen-Anhalt-Tages entwickelt das Organisationsbüro in Zusammenarbeit mit der Touristinformation neue Werbestrategien für den Fremdenverkehr. Die Besucher sollen die neue, große Stadt mit all ihren schönen Ortsteilen auf einer ganz besonderen Entdeckerreise kennen lernen, anstatt schnöde auf der Bundesstraße an den Schönheiten der Region vorbeizufahren und sich blindlings ins Festgetümmel zu werfen. Der Auftakt ist schon gemacht. Mitarbeiter des Org-Büros haben überall in den neuen Ortsteilen die Ortsschilder entfernt. Zum großen Pfadfinderspiel "Fang den Roland!" werden schon die Busse gechartert. Die Reisenden aus Magdeburg, der Börde und auch die Weitgereisten aus dem Chemiedreieck werden – sagen wir mal – zwischen Lindstedt und Kassieck rausgelassen. Ein bisschen hat das was vom Dschungelcamp. Das ist pures Abenteuer, durch die wilde Altmark ohne Rast und ohne Ruh. Erst in der Hansestadt lockt das weiche Hotelbett als Preis für diejenigen, die zuerst ankommen. Also, auf geht‘s – auf allen Wegen ab nach Gardelegen! Nanu, wie heißt denn die Ortschaft, die die ersten Suchenden hungrig erreichen? Kein Ortsschild weit und breit, nur der leere Schilderrahmen steht da am Straßenrand. Und ein Schild: "Hier bestimmen wir." Da hilft auch keine heimlich als Spickzettel mitgebrachte Landkarte. Die Reisegruppe macht sich auf, weiter geht die Entdeckungsreise. Irgendwo in der Ferne ist ein Kirchturm zu sehen. Weiter im Westen irrt eine Busbesatzung aus dem Harz über ein Feld. Die schöne Ortschaft eben, die mit dem Fachwerkkirchturm, auch da gibt es kein Ortsschild mehr. Dafür jetzt, von dieser kleinen Aussichtshütte aus, der Blick in die Ferne. Ist das da hinten nicht der heimische Brocken? Aber wo, bitte, geht´s nach Gardelegen? Der Reisebegleiter aus dem Organisationsbüro rät: Weitersuchen, es gibt noch viel zu entdecken. Unterdessen staunt eine Busbesatzung aus dem Fläming: Die Reisenden wurden ganz im Süden des großen Stadtgebietes rausgelassen und sind nun endlich auf dem Marktplatz einer ihnen unbekannten Ortschaft – ebenfalls ohne Ortsschilder – angekommen. Mitten auf dem Marktplatz stehen sie nun, die Teilnehmer des Gardeleger Pfadfinderspieles, und fühlen sich in einen DDR-Film hineinversetzt. Dass es solche Konsumgeschäfte heute noch gibt! Der ganze Flachbau – toll marode. Einige Späher, die ausgeschickt wurden, melden unterdessen: Da hinten steht ein echtes Schloss. Einige Touristen wissen nun, wo es langgeht: Richtung Norden muss sie liegen, die Hansestadt mit den drei Türmen. Das weiche Hotelbett ruft schon ganz laut. Hat ihr Chef für Sie auch keine Verwendung mehr? Das wäre schlecht, denn das endet dann meist in der Arbeitslosigkeit. Wenig Geld, bald schon Hartz IV und dann noch die Arbeitsagentur, die einen zu Fortbildungen wie "Warum früh aufstehen?" oder "Stricken als Eingliederungsmaßnahme in den ersten Arbeitsmarkt" schickt. Das muss nicht so sein. Das werden wir bald in der Stadtverwaltung sehen. Da gibt es für den einstigen Leiter der VG Südliche Altmark, Gerhard Krüger, auch keine Verwendung mehr. Krüger ist nun nicht mehr Chef. Nun ist Fuchs der Chef. Findet Krüger irgendwie doof. Da macht das Arbeiten ja noch weniger Spaß. Das wiederum weiß auch Fuchs. Deshalb hat er ja auch keine Verwendung mehr für Krüger. Aber zum Glück, denkt sich Krüger, bin ich ja Wahlbeamter. Da kann ich wählen, ob ich arbeiten will oder nicht. Krüger will nicht: Null Bock auf Arbeit. Deshalb bittet er um Versetzung in den einstweiligen Ruhestand. Aber wovon soll der Arme denn leben, mag sich manch besorgter Zeitgenosse fragen. Aber keine Sorge: Der Staat kann doch seine verdienten Diener nicht hängen lassen! Krüger lächelt milde: 75 Prozent der letzten Bezüge sind doch gutes Geld fürs Nichtstun. Lass doch die anderen weiterarbeiten – ich ruh mich jetzt endgültig aus. Die Stadt zahlt doch. Der Bürgermeister mahnt unterdessen zum Sparen. Und der Arbeitslose im Flur der Agentur zieht die nächste Nummer. Sein verordneter einstweiliger Ruhestand wird mit dem Regelsatz belohnt.Jörg Marten