Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt in den folgenden Ausgaben täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Gardelegen. Er lebt gern in seinem Plattenbau im Schlüsselkorb. Die kleine Wohnung ist gemütlich und sauber. Sogar Grünpflanzen stehen im Wohnzimmer. Bei einem allein lebenden Mann nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. "Seit 1982 wohne ich im Schlüsselkorb und in diesem Block. Ich bin nur vor fünf Jahren aus einer Ein-Raum-Wohnung in eine Zwei-Raum-Wohnung gezogen", erzählt Sieghard Dutz. Der Vermieter habe viel gemacht. Die Wohnungen seien saniert. "Und für mich ist das Umfeld in Ordnung", sagt der 55-Jährige. Für ihn zählten ohnehin die sozialen Kontakte, und die habe er in seinem Block und im Wohngebiet insgesamt reichlich.

Das Soziale ist auch ein Hauptgrund für sein politisches Engagement. Seit 16 Jahren ist er mit kurzen Unterbrechungen im Stadtrat aktiv – als Parteiloser auf der Liste der Linken. Bei der Stadtratswahl am 28. November schaffte Dutz auch den Einzug in den neuen Rat der Einheitsgemeinde Hansestadt Gardelegen. Er ist mit seinen 398 Stimmen gar Wahlsieger in seiner Fraktion. Obwohl er mit seinen Fraktionskollegen nicht immer auf einer Linie schwimme, könne er für sich eine andere Partei nicht vorstellen. "Das ist meine politische Heimat", sagt Dutz.

Linke Ideale hat er schon lange, das reicht weit in die DDR-Zeit zurück. Und er ist auch ein Mann mit einer typischen DDR-Vita. Geboren wurde Dutz am 26. Mai 1956 in Gardelegen als eines von insgesamt sieben Kindern seiner Mutter Anni Dutz. In Gardelegen verbrachte er seine Kindheit und Jugend, besuchte die Karl-Friedrich-Wilhelm-Wander-Schule an der Stendaler Straße, die er nach zehnjähriger Schulzeit 1972 beendete. Danach folgte eine Facharbeiterausbilder zum Lederhersteller im thüringischen Weida. "Eigentlich wollte ich etwas mit Tieren machen, Tierpfleger oder Zootechniker. Es mag jetzt etwas eigenartig klingen aber ich habe mich dann für die Felle entschieden", erinnert sich Dutz mit einem Augenzwinkern. Nach der Ausbildung ging Dutz für drei Jahre zur NVA, zur Volksmarine. "Dort war ich auf einem Versorgungsschiff im Einsatz", erzählt Dutz. 1974 trat er in die SED ein. Von 1977 bis 1984 arbeitet Dutz bei der GST, zunächst als Instrukteur für Ausbildung, später als Vorsitzender der Gesellschaft für Sport und Technik. 1984 wechselte er in die SED-Kreisleitung. Dort blieb er auch bis zur Wende. Für Dutz ist seine SED-Mitgliedschaft und seine berufliche Arbeit als Parteifunktionär kein Grund, sich zu verstecken. "Dazu stehe ich. Das gehört einfach zu meiner Biografie. Ich habe mich nur immer wieder gewundert, wie schnell manche Leute von rot zu schwarz gewechselt sind. Aber das ist für mich in Ordnung. Ich stelle keinen an den Pranger", betont Dutz.

Mit der Wende änderte sich auch für den einstigen SED-Genossen vieles. Beruflich fing er noch einmal ganz von vorne an mit einer Ausbildung zum Koch. "Damals, nach der Wende, hatte ich überlegt, was ich beruflich nun machen soll", erinnert sich Dutz. Die Entscheidung fiel leicht. "Ich habe mein großes Hobby zum Beruf gemacht." Denn eine seiner Leidenschaften sei das Kochen. Das macht Dutz auch heute noch sehr gern, wenngleich er schon lange nicht mehr als Koch arbeitet. "Heute koche ich für meine Freunde", sagt Dutz und bereitet einen Karpfen vor, den er später seinen Freunden servieren will – gewürzt mit Zitronenpfeffer, gebacken im Ofen mit Wurzelgemüse und Baguette. Sein Lieblingsgericht ist allerdings etwas ganz Bodenständiges: nämlich Kohlrouladen.

Nach der Kochausbildung, die er 1991 mit dem Prädikat Gut beendet hat, arbeitete Dutz einige Jahre als Koch unter anderem im Deutschen Haus und im Tomasa. Von 1995 bis zum Jahr 2004 arbeitete Dutz als Streetworker in Gardelegen. Unterdessen hatte er eine Anpassungsfortbildung zur staatlichen Anerkennung als Sozialpädagoge abgeschlossen.

Nach dem Aus für die Streetworker-Stelle in Gardelegen war Dutz zwei Jahre arbeitslos. Seit 2006 – nach längerer, schwerer Krankheit – ist er Rentner.

"Die Wende war damals für mich anfangs schrecklich", sagt Dutz zurückblickend. Von Kindheit an mit der DDR verbunden, habe er nie damit gerechnet, dass es dieses Land irgendwann nicht mehr geben wird. "Natürlich habe ich gewusst, dass nicht alles funktioniert. Dass es aber so schlimm war mit vielen Dingen, das hätte ich nicht gedacht. Ich habe dann auch noch den Schritt zur SED-PDS mitgemacht", erzählt Dutz. Kurze Zeit später kam die Enttäuschung. Er trat aus der Partei aus. "Es hat damals kein wirklicher Erneuerungsprozess stattgefunden", führt Dutz einen Grund an. Die ganz große Enttäuschung kam allerdings erst 1996. "Da hatte ich das erste Mal Einsicht in meine Stasi-Akte beantragt", sagt Dutz. Und das, was er dann dort hatte lesen müssen, hat er bis heute nicht verwunden. "Acht IM und elf hauptamtliche Offiziere haben mich bespitzelt, obwohl ich linientreu SED-Mitglied und hauptamtlicher Parteiarbeiter war", sagt Dutz sichtlich betroffen, als er vom Inhalt der Akte erzählt. Denn unter den inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern seien viele Bekannte. Vielen begegne er heute noch auf der Straße.

Das Thema Stasi und deren Aufarbeitung ist für Dutz auch heute noch aktuell und noch lange nicht abgeschlossen. Mit "Das war eben so" will er sich nicht zufrieden geben. "Man kann die Zukunft nur gestalten, wenn das Vergangene verarbeitet wird", sagt Dutz.

Für seine ganz private Zukunft hat Dutz noch so einige Träume. Er liebt das Reisen. "Meine bisher für mich beeindruckendste Reise war nach Israel. Mein Lieblingsland allerdings ist Tunesien", erzählt Dutz. Das nordafrikanische Land besuche er schon seit Jahren gemeinsam mit einer Freundin. Mittlerweile gibt es freundschaftliche Beziehungen zu Familien. "Im vorigen Jahr waren wir dort zum Opferfest eingeladen. Mich fasziniert die arabische Welt. Mein Ziel ist es, drei bis vier Monate in Tunesien zu leben, eine Wohnung zu mieten als ständiger Zweitwohnsitz – das wäre so meine Vision", schwärmt Dutz.

Der 55-Jährige schwärmt außerdem von seinem Ehrenamt als gerichtlich bestellter Betreuer. "Ich betreue zurzeit fünf Menschen, und das macht mir wirklich viel Spaß", sagt Dutz, dem es dabei ganz wichtig ist, dass die Betreuten soviel Selbstständigkeit wie möglich behalten. Nach seiner Krankheit treibt Dutz jetzt auch regelmäßig einige Male pro Woche Sport. Und das habe sich allgemein schon positiv ausgewirkt. "Ich habe schon 13 Kilo abgenommen", sagt Dutz – nicht ganz ohne Stolz.

Der 55-Jährige freut sich auf die Arbeit im neuen Stadtrat. "Ich wünsche mir, dass es eine offene, faire und kritische Zusammenarbeit gibt, und für mich wünsche ich mir nur Gesundheit."

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