Der erste Jahrgang des Produktiven Lernens an der Rosa-Luxemburg-Förderschule beendet in wenigen Wochen die Schulzeit. Der Solpker Henry Boest konnte sich so empfehlen, dass er vom Praktikumsbetrieb als Lehrling übernommen wird.

Gardelegen l Die Landwirtschaftsbegriffe kamen ihm gestern wie einem Profi über die Lippen. Wer drei von fünf Tagen in der Woche bei einem Landwirt arbeitet, weiß schnell, was der dritte Schnitt ist und wozu beim Traktor die Zapfwelle benötigt wird.

Henry Boest aus Solpke legte gestern an der Rosa-Luxemburg-Förderschule seine Prüfung im Bereich des Produktiven Lernens für den qualifizierten Hauptschulabschluss ab. Dafür hatte sich der 16-Jährige einen Traktor aus seinem Praktikumsbetrieb, der Jercheler Landwirts GbR, ausgeliehen und fuhr damit am Morgen auf dem Schulhof vor. Er erläuterte die Technik des Traktors und gab einen kurzen Abriss zur Betriebsgeschichte.

So wie das Produktive Lernen (PL) - ein alternativer Schulweg zum Hauptschulabschluss - bei Henry Boest in den vergangenen zwei Jahren funktionierte, würde es sich Lehrer Michael Bergmaier für möglichst viele seiner Schüler wünschen. Es sind Schüler, die im normalen Schulunterricht klar Defizite haben und denen die Tätigkeit in der Praxis liegt. Für Henry Boest hat sich die Mischung aus Praxis und Theorie gelohnt, denn aus dem Praktikanten der Landwirts GbR wird ab 1. August der Lehrling. "Das ist natürlich ein echtes Bonbon", sagt Bergmaier.

Fünf junge Männer - Brian Giebeler, Marcel Bingel, Tim Gottlieb und Hermann Rickmann - sind derzeit noch in der Endphase des PL.

Beim Start des Projektes, das Bergmaier von Beginn an betreut, waren es deutlich mehr Schüler. "Aber ist es nicht für jeden etwas, deswegen gibt es eine sechswöchige Probephase", so der Lehrer. Von fünf Tagen arbeiten die Schüler drei Tage insgesamt 18 Stunden in Betrieben, zwei Tage wird Unterricht in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch und aus weiteren Lernbereichen erteilt.

Zurzeit absolvieren die Schüler Praktika in den Bereichen Landwirtschaft, Gartenbau, Logistik und Gastronomie - und können sich dabei als künftige Lehrlinge empfehlen. "Das ist wirklich ein Vorteil im Vergleich zu Realschülern. Die Betriebe lernen die Schüler beim Arbeiten kennen", so Bergmaier. Der Lehrer und seine Kollegen halten außerdem engen Kontakt zu den Unternehmen.

Auch für einen weiteren Schüler des ersten PL-Jahrganges, Hermann Gottlieb, sieht es derzeit gut aus mit einer Lehre als Landwirt. Gottlieb und Boest konnten bei der Prüfung am Trecker gestern jedenfalls richtig fachsimpeln. Bergmaier schmunzelnd: "Da kommt man kaum noch dazwischen."

Boest bekam in seinem Betrieb auch Unterstützung beim Treckerführerschein, den er seit März hat. Seitdem macht ihm die Ackerwirtschaft noch mehr Spaß. Heufahren, Strohfahren, Misten, Füttern - all dies sind Aufgaben, die der Solpker in Jerchel bereits übernehmen durfte. Ab August ist er dann nicht mehr Praktikant in dem Jercheler Betrieb, sondern Lehrling - und zwar ein schon bestens eingearbeiteter.

Im zweiten Jahrgang, der 2013 an der Förderschule das PL begann, sind derzeit 14 Schüler. Anmeldungen für das kommende Jahr liegen ebenfalls bereits vor, "sind aber noch immer möglich", betonte Michael Bergmaier.