Vom Fluch und vom Segen, eine der ältesten Biermarken zu sein, handelt der zweite Teil der Historie des Garley-Bieres. Rupert Kaiser, Mitarbeiter der Gardeleger Stadtverwaltung hat darüber recherchiert.

Gardelegen l Die Hefe macht´s. Die Gardeleger konnten natürlich nicht wissen, dass schon im alten Ägypten eine Art Hefe zur Haltbarmachung von Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten benutzt wurde. Eher hatten sie sich ihre Informationen von den Bayern geholt, die das seit 1516 geltende Reinheitsgebot - ein Bier besteht danach nur aus Hopfen, Gerste und Wasser - unterliefen und ganz keck Hefe als weiteren Bestandteil eingeführt hatten. Folge: größere Haltbarkeit und bessere Qualität. Damit hätte man den norddeutschen Brauereien fast den Rang abgelaufen, wenn die nicht auch darauf gekommen wären, dem Bier Hefe zuzusetzen.

So blieben die Norddeutschen erstmal führend in der Bierproduktion - und unter diesen war Garley ganz vorn zu finden. Es gehörte in unserer Stadt nicht nur zum guten Ton, Bier zu brauen - 176 Brauhäuser wurden 1567 in Gardelegen gezählt, 1618 waren es gar 250. Die Braukunst öffnete auch die Türen zu Einfluss in Politik und Wirtschaft. Allein 26 der zwischen 1550 und 1880 regierenden 60 Bürgermeister und unzählige Ratsherren gehörten der Brauergilde, der einflussreichsten aller Zünfte, an.

In dieser Zeit wurde das Bier zu dem, was es längst hätte sein sollen: zum wichtigsten Exportartikel der Stadt. Und zu dem, was Gardelegen nicht nur wohlhabend, sondern - ganz ohne Hanse - reich gemacht hat: Zum besten Markenbier Europas!

Keine Hochzeit, kein Gelage ohne Garley

"Sag, wer möchte nicht stets in dir leben, o Stadt, / die du überströmst von so lieblichem Getränk? / Alles, was man zum Leben braucht, fließt reichlich / dir zu, ob deines Bieres nektarischer Kraft." So dichtete der Geograph Martin Zeiler im Jahre 1652. Da war der dreißigjährige Krieg gerade um die Ecke, und was sich im gebeutelten Gardelegen zuerst aufgerappelt hatte, war die Braukunst.

Und nun ging es erst richtig los. Heinrich Christoph Steinhart: "In der Altmark und in den benachbarten Provinzen konnte keine Hochzeit, kein Gelage ausgerichtet werden, wenn man kein Garlei hatte und so, wie man jetzt den Becher mit Efeu bekränzt, so umwand man ihn sonst mit Gardeleger Hopfenranken. Fast täglich gingen hundert und mehr Frachtwagen mit diesem Lieblingsgetränk in fremde Länder."

Darüber hinaus entwickelte sich bereits so etwas wie ein Abholmarkt. So schaute im Jahre 1698 der frischgebackene Hobby-Schiffbauer Zar Peter der Große von Russland, aus Holland kommend, in Gardelegen vorbei und versorgte sich mit Garlei, das er - will man der Sage glauben, und wir wollen das ja, schon aus patriotischen Gründen - "als das beste Getränk auf Erden" lobte.

Einen Narren hatten wohl auch die Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich der Große an unserem Bier gefressen. Die nämlich hatten in königlichen Befehlen festgelegt, dass Garlei "weder gepanscht noch verwässert werden" darf.

Der Soldatenkönig führte mit einem Groschen und sechs Pfennigen auch den ersten Festpreis für Garlei ein und erlaubte seinen Offizieren ausdrücklich, in der Öffentlichkeit Garlei zu konsumieren - der Güte und der Bekömmlichkeit wegen.

Dass es beim legendären Tabakskollegium ausgeschenkt wurde, ist zwar, wie so vieles in der Gardeleger Biergeschichte, nicht urkundlich belegt, aber zumindest nicht unmöglich.

"Eine Schippe drauf" packte der schwedische Naturforscher Carl von Linné, der dadurch berühmt wurde, dass er Ordnung in die Tier- und Pflanzenwelt gebracht hat: 1748 verfasste er für die Schwedische Akademie der Wissenschaften eine Schrift unter dem Titel "Der Deutschen ihr Garley" - der Ritterschlag zum Nationalgetränk.

Schließlich kam das Bier sogar zu lexikalischen Ehren. In Zeidlers Universal-Lexicon von 1733, einem Standardwerk, heißt es: "Das Garlebische Bier in der alten Marck ist ein angenehmes und gesundes Geträncke, es vermehret die natürliche Wärme und giebt den Bürgern wegen der starcken Abfuhre sehr gute Nahrung. Es wird aus dem Hopfen gekocht, welcher daselbst in allen Gärten häuffig gezeuget, und wegen seiner Güte bis in Dännemarck geführet wird."

Aber alles Gute ist ja nie beisammen: Als der russische Zar, die preußischen Könige, der schwedische Naturforscher und der deutsche Lexicon-Redakteur mehrere Lanzen für das Garley brachen, da war der Stern des Gardeleger Bieres schon im Sinken begriffen. Andere Biere hatten ihm den Rang abgelaufen. Garley war schlichtweg aus der Mode gekommen.

Und damit endet der zweite Teil der Geschichte.