Es grünt und blüht allerorten, das feuchtwarme Wetter lässt auch das Unkraut ins Kraut schießen. Wer ihm auf Gehwegen nicht zu Leibe rückt, riskiert indes ein Knöllchen. Die Gerechtigkeit bei der Verteilung der gelben Zettel zweifelt aber so mancher Bürger an.

Gardelegen l Links ein gepflegtes Grundstück, rechts ein ebenso ordentliches, in der Mitte ein Schandfleck. Die Hauseigentümer an der Jävenitzer Robinienstraße ärgern sich über einen aus ihrer Mitte. Der oder die ist allerdings aushäusig. Unbewohnt verlottert das Grundstück zusehens. "Ich musste schon die Hecke schneiden, weil sie den halben Gehweg einnimmt", sagt Peter Urban. Er ist einer der Nachbarn und steht derzeit vor der Frage, wer hier zuständig ist, wenn so massiv die Straßenreinigungssatzung von Jävenitz missachtet wird. Denn die gilt auch dreieinhalb Jahre nach der Gebietsreform tatsächlich noch, bestätigt Birgit Matthies vom Gardeleger Ordnungsamt. Sie unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der Gardeleger Satzung. "Überall, auch in den Ortsteilen muss einmal wöchentlich der Gehweg und die Gosse gereinigt werden." Das werde auch kontrolliert. Offensichtlich auch in Jävenitz. Etliche Nachbarn hätten eine Erinnerung erhalten, bestätigt Peter Urban. "Die haben auch saubergemacht." Nur der eine eben nicht.

Solche Fälle, sagt Matthies bedauernd, seien tatsächlich schwierig und langwierig. Zwar würden Erinnerungen und kostenpflichtige Aufforderungen versandt, gegen unbelehrbare Hauseigentümer könne indes nur schwer vorgegangen werden. Insbesondere wenn es mehrere Besitzer gibt, die Eigentumsverhältnisse ungeklärt oder die Eigentümer mittellos sind, ist die Satzung in Einzelfällen schwer durchzusetzen. Deshalb appelliert Matthies auch an die Vernunft aller: "Wir wollen es doch alle ordentlich haben", sagt sie. Aber das funktioniere eben nur, wenn jeder sich beteiligt.

Und eigentlich halten sich ja auch die meisten Bürger daran. Und wer es mal vergisst, ist dann vielleicht auch nicht böse über eine kleine gelbe Erinnerung, so wie sie vor einigen Wochen auch im Briefkasten einer Leserin aus Wiepke steckt. Die findet zwar selbst nach eingehender Kontrolle "nur zwei Grasbüschel" am Borstein vor ihrem Haus, dessen Gehweg eigentlich regelmäßig gepflegt wird, als brave Mitbürgerin entfernt sie diese aber natürlich umgehend, wohl wissend, dass solch ein Kehrknöllchen ja schließlich nichts kostet.

Stadtmitarbeiter kommen mit der Pflege nicht nach

Doch da hatte sie sich geirrt. Mitte Juni, also zwei Monate nach der Erinnerung, erhält sie einen Kostenbescheid über 15 Euro. Auf telefonische Anfrage erklärt ihr die für Wiepke zuständige Außendienstmitarbeiterin, dieser sei rechtmäßig. Es sei nun mal nicht sauber gewesen. Punktum.

Daran mag die Wiepkerin nicht glauben, zahlt deshalb zwar umgehend den Betrag, legt aber gleichzeitig Widerspruch ein. Anstelle einer Antwort - die übrigens bis heute noch nicht kam - erhält sie drei Tage später einen Bußgeldbescheid. Aus den 15 Euro wurden 43,50 Euro, da sie nicht gezahlt habe.

Nach einem entrüsteten Protest wird der Bußgeldbescheid seitens der Außendienstmitarbeiterin dann zwar mündlich zurückgenommen, die 15 Euro gebe es aber nicht zurück, hört die Wiepkerin, die aber nicht nur aus diesem Grund ärgerlich ist. Angesichts der vielen ungepflegten kommunalen Grundstücke sei eine solche Vorgehensweise vollkommen unverständlich, findet sie.

Ein Argument, das neben ihr auch Peter Urban und mit ihm viele Leser anführen. Der Tenor: Wenn die Stadt nicht vor der eigenen Tür kehrt, warum gibt es dann für Bürger gelbe Knöllchen?

Birgit Matthies seufzt hörbar bei dieser Nachfrage. Ja, auch die Stadt werde angemahnt, sagt sie. Zugegebenermaßen kommen die Mitarbeiter bei dem derzeitig wuchernden Grün aber auch nicht immer nach. Ach ja: Den Fall der Wiepkerin kennt Birgit Matthies offenbar. Hier sei etwas unglücklich gelaufen, bestätigt sie. "Wir prüfen das."