Stendal/Letzlingen l "Das muss die Kammer erst einmal verarbeiten; wir haben jetzt ein ganz anderes Bild." Mit diesen Worten schloss die Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Stendal, Richterin Simone Henze-von Staden, den Verhandlungstag im Prozess um die angebliche Vergewaltigung einer Wachschutzangestellten durch ihren Kollegen auf dem Truppenübungsplatz bei Letzlingen und vertagte sich auf den 14. August. Die Tat soll sich am 6. Oktober 2012 ereignet haben.

Der Prozesstag hatte einiges von dem, was die angeblich vergewaltigte Frau als Opfer erlebt haben will und als Zeugin dem Gericht geschildert hatte, offensichtlich bei allen Prozessbeteiligten stark ins Wanken gebracht. Selbst der Anwalt, der die Frau als Nebenklägerin im Prozess vertritt, schien etwas ratlos. Die Frau selbst war am Donnerstag nicht erschienen, was auch den Anwalt verwunderte, weil sie ihn davon wohl nicht in Kenntnis gesetzt hatte. Als Nebenklägerin muss sie aber auch nicht am Prozess teilnehmen.

Wie berichtet, geht es seit dem 12. Juni vor dem Landgericht darum, ob die junge Frau während einer Streifenfahrt im Rahmen ihres "Militärwachdienstes" auf dem Truppenübungsplatz Altmark Nord von einem 30-Jährigen zu sexuellen Handlungen gezwungen wurde. Oder ob der Sex einvernehmlich war, wie der Angeklagte angibt. Zum Zeitpunkt der Streifenfahrt, bei der es zur Vergewaltigung gekommen sein soll, waren beide mit Pistolen bewaffnet.

Zwei der Vorgesetzten von der im brandenburgischen Herzberg ansässigen Wachschutzfirma, bei der der Angeklagte und die angeblich vergewaltigte Frau bis zu ihrer Suspendierung und Entwaffnung tätig waren, hatten die einen längeren Zeitraum dokumentierenden Wachdienstbücher des Truppenübungsplatzes dabei. Und da gab es Widersprüche zu den Angaben der Frau.

Die hatte unter anderem angegeben, dass sie einen Vorgesetzten vor dem Vorfall darum gebeten habe, sie nicht mehr mit dem Angeklagten zusammen auf Streife zu schicken. Daraufhin hätte der Vorgesetzte sie getrennt, und sie hätten etwa drei Monate keinen Dienst zusammen gehabt.

"Der Vorwurf stand im Raum; die Gerüchteküche kochte. Das musste abgeklärt werden." - Zeuge

Doch keiner der Vorgesetzten konnte das bestätigen. Und auch die als Dokument geltenden Wachdienstbücher widerlegten die Angaben. "Ich hätte dem Anliegen sofort entsprochen", sagte ein als Schlüsselzeuge geltender Wachschutzführer aus. Hätte die Frau nicht Strafanzeige erstattet, hätte er es "im eigenen Namen" gemacht. "Der Vorwurf stand im Raum; die Gerüchteküche kochte. Das musste abgeklärt werden", sagte der 29-Jährige.

Anhand der Wachdienstbücher stellte das Gericht weitere Unstimmigkeiten zur Aussage fest. Ob die Frau nun noch einmal in den Zeugenstand muss oder wie geplant am 14. August die Plädoyers gehalten und das Urteil gesprochen werden, blieb offen. Beim vorherigen Verhandlungstag Mitte Juli hatte es nur eine Zeugenaussage eines Bundeswehrverwaltungsbeamten gegeben, die wenig zur Aufklärung beitragen konnte. Zwei weitere Zeugen konnten nicht gehört werden, da sie keine Aussagegenehmigungen vorweisen konnten.