Um ein Thema, das in Jävenitz so offen noch nie angesprochen wurde, ging es am Dienstagabend in der Aula der Jävenitzer Grundschule. Torsten Haarseim und Maik Matthies hatten zum Vortrag über den Massenmord an KZ-Häftlingen im Wald bei Jävenitz eingeladen.

Jävenitz l Es ist auch ein Stück Familiengeschichte, über das der Jävenitzer Maik Matthies in Zusammenarbeit mit dem Gardeleger Torsten Haarseim recherchiert hat. Denn es war Fritz Matthies, Urgroßvater von Maik Matthies, der im April 1945 Bürgermeister von Jävenitz war und eine maßgebliche Rolle bei der Rettung von KZ-Häftlingen spielte.

Am 12. April kam eine Gruppe von 125 KZ-Häftlingen auf einem der Todesmärsche über Kloster Neuendorf nach Jävenitz. Sie war in Begleitung von zwei Soldaten und wurde in der Schultzschen Scheune untergebracht. Bürgermeister Fritz Matthies wies an, dass für die Häftlinge Kartoffeln gekocht werden sollten. Am Morgen des 13. April führten Fallschirmjäger eine Gruppe von 31 Häftlingen zu einem Wald bei Jävenitz. "Diese Männer haben die Häftlinge den Quellen nach aber anständig behandelt", berichtete Torsten Haarseim. Im Laufe des Tages kamen dann SS-Führer, die die Gruppe in den Wald scheuchten und die nun Fliehenden erschossen und verscharrten.

"Die Amerikaner kommen, und dann seid ihr frei."

Bürgermeister Erich Matthies

Es waren aber auch Häftlinge entkommen. Woraufhin SS-Männer die Hitlerjungen im Dorf anstachelten, "auf Jagd zu gehen". Die Jungen sollen es dann "Zebrajagd" genannt haben. Vier der Geflohenen wurden bei Hottendorf erschossen. Ihre Gräber sind auf dem Friedhof zu finden. In der Nacht soll der Ortsgruppenleiter von Jävenitz, Friedrich Schweinecke, dem Fuhrunternehmer Erich Matthies, Bruder des Bürgermeisters und somit Urgroßonkel von Maik Matthies, befohlen haben, die verbliebenen Häftlinge nach Gardelegen zur Remonteschule zu bringen.

Allein, um Zeit zu gewinnen, fuhr Erich Matthies mit seinem Traktor und zwei Anhängern einen Umweg über Trüstedt und Kassieck. An der Remonte wurden sie abgewiesen und fuhren zurück nach Jävenitz, wo der Bürgermeister die 96 Häftlinge in einer Scheune unterbrachte und sie anwies, sich ruhig zu verhalten. "Die Amerikaner kommen, und dann seid ihr frei", soll er gesagt haben. Und so kam es dazu, dass diese 96 Menschen am 15. April befreit wurden und die Anweisung erging, sie mit Essen, ziviler Kleidung und einem Bett zu versorgen.

Das Thema des Massenmordes an 31 KZ-Häftlingen, die nach einem der Todesmärsche in Jävenitz ihre letzte Station fanden, sei im Ort durchaus bekannt, nur sei darüber noch nie wirklich offen gesprochen worden, sagte Torsten Haarseim. "Die meisten haben davon gehört oder wissen etwas. Aber immer nur punktuell, wie wir erfahren haben", erklärte er.

"Es war doch schlimm genug. Warum alles wieder hochholen?"

Eine Zeitzeugin

In diesem Fazit wurde er von Maik Matthies bestätigt, als er berichtete, wie er im Gespräch mit einer Zeitzeugin nach Informationen suchte. Die alte Dame habe gesagt: "Mein Gott, das ist alles so lange her. Es war doch schlimm genug. Warum muss man das wieder hochholen?"

Eben diese Einstellung hat den beiden Initiatoren der Aufarbeitung eines Stückes Orts- und Zeitgeschichte die Arbeit nicht leichter gemacht. Dass das Thema die Jävenitzer jedoch sehr interessiert, zeigte die Zahl der Besucher des Vortrages am Dienstagabend in der Aula der Grundschule. Mehr als 80 Gäste konnten Torsten Haarseim und Maik Matthies begrüßen.

Dass es kaum Aufzeichnungen aus dieser Zeit gibt, führte Maik Matthies bei der Angabe der Quellen für die Recherche an. Ganz vereinzelt waren Aufzeichnungen in unterschiedlichen Veröffentlichungen zu finden, in denen der Ort Jävenitz erwähnt wurde. So etwa in dem britischen Magazin "After the battle", das sich auf einer Seite mit dem Geschehen und dem Schicksal der KZ-Häftlinge in Jävenitz befasste. Auf zwei Seiten des Buches "Die Todesmärsche 1944/45", verfasst von Daniel Blatman, einem israelischen Professor, finden sich weitere Aufzeichnungen über Jävenitz.

Eine weitere gesicherte Primärquelle fand Maik Matthies in Amsterdam, im Niederländischen Institut für die Dokumentation des Holocausts (NIOD). In diesem Institut sind Verhörprotokolle der US-Army archiviert, anhand derer sich das Zeitgeschehen in etwa nachvollziehen lässt. So konnte der Jävenitzer, dessen Urgroßvater 1945 Bürgermeister war, daraus erlesen, dass zwei Überlebende des Todesmarsches zu Protokoll gegeben hatten, in Jävenitz auf ihre Retter getroffen zu sein, die sie mit Kleidung und Essen versorgt hatten. Sicher ist auch, dass die Amerikaner Akten über Verhöre mit Einwohnern des Ortes, mit Mitgliedern des Volkssturmes, mit Soldaten, mit Hitlerjungen und den örtlichen Mitgliedern der NSDAP geführt hatten. Die wurden jedoch an die russische Besatzung übergeben und sind in Deutschland zumindest nicht auffindbar. "Wahrscheinlich müsste man dafür nach Moskau fahren, um Aufzeichnungen zu finden", mutmaßte Maik Matthies.

Im Anschluss an den Vortrag, bei dem die Zuhörer aufgefordert waren, gern zu unterbrechen, falls sie Informationen beitragen konnten, kamen sowohl die Gäste miteinander als auch mit den Vortragenden ins Gespräch. Unter anderem bedankte sich der Kreisvorsitzende des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge, Hans-Joachim Becker, für den Vortrag.

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