Busfahrten für zehn Cent, Straßenhunde, Märkte mit Unmengen an Auberginen, Zucchinis, Weintrauben, Äpfeln, Pflaumen oder Nüssen, Alleen, Parks, Pferdewagen und Schlaglöcher in uns unbekanntem Ausmaß - all das sind Eindrücke aus der Region Moldau.

Chisinau l Ich bin nun schon gut einen Monat hier und fühle mich schon fast heimisch in Chisinau. Das katholische Sozialzentrum Casa Providentei ist für mich zugleich Arbeitsstelle und Wohnhaus. Mein Tag beginnt gewöhnlich gegen 9.30 Uhr mit Vorbereitungen für die Aktivitäten im Tageszentrum für Senioren, bis jetzt waren das vor allem Bastelarbeiten. Gegen 11 Uhr kommen dann die ersten Besucher ins Zentrum, für mich ist das die Gelegenheit, Gespräche zu führen, zuzuhören, Spiele zu spielen.

Die Geschichten, die man dabei hört, sind lustig oder bedrückend. Keiner der Rentner bekommt monatlich mehr als 100 Euro, obwohl alle von ihnen mehrere Jahrzehnte gearbeitet haben. Man spürt ebenso Dankbarkeit für das kostenlose Mittagessen wie Verbitterung über das neue Moldau. "Wir werden nicht mehr gebraucht", ist das bestimmende Gefühl. "Früher war es besser", resultiert oft daraus. Die Kritik geht an die korrupte Regierung, an die Jugend, der die Alten egal seien, an die gestiegenen Preise. Was ich geben kann, ist vor allem meine Zeit. Zeit, um Schicksale zu hören, Zeit, um einfach nach dem Befinden zu fragen oder sich die neuesten Anekdoten anzuhören.

"Einmal in der Woche bin ich den ganzen Vormittag in der Küche und schäle Kartoffeln oder Möhren."

Um 12 Uhr beginnt dann der anstrengende Teil des Tages - die Arbeit bei der Essensausgabe. Täglich kommen rund 150 Menschen, vor allem Rentner in zwei Schichten in die Suppenküche. Dann müssen zwei Gänge ausgeteilt werden, Teller wieder abgeräumt und die Räume geputzt werden, bevor um 13 Uhr die zweite Schicht kommt - das ganze Prozedere also nochmal abläuft. Nach meiner Mittagspause bin ich dann im Altenzentrum, wo wir entweder verschiedene Sachen basteln, einen Film schauen, singen oder ich nach deutschen Wörtern ausgefragt werde. Einmal in der Woche bin ich zudem den ganzen Vormittag in der Küche und schäle vor allem ungeahnte Mengen an Kartoffeln oder Möhren. Die Dimensionen dort sind für mich sowieso völlig neu, mannshohe Suppenlöffel und Töpfe, 2,50 Meter hohe Kühlschränke und Tiefkühlschränke und riesige Säcke mit Gemüse.

In meiner Freizeit gebe ich jetzt noch Deutschunterricht für Anfänger. Der Kulturverein "Hoffnung" hat mich engagiert, und nun habe ich eine kleine Gruppe von etwa fünf Schülern unterschiedlichen Alters, denen ich vom Russischen ausgehend versuche ein bisschen was von der deutschen Sprache zu vermitteln.

Ansonsten sind meine Mitfreiwilligen und ich viel unterwegs, treffen uns mit anderen Freiwilligen, die es hier in recht großer Zahl gibt, gehen auf Konzerte oder erkunden die Stadt. Was dabei ins Auge fällt, sind die vielen Bäume an den Straßen und die Parks, Chisinau ist wirklich eine außerordentlich grüne Stadt. Außerdem gibt es verschiedene Märkte, auf denen man eigentlich alles findet, was man braucht, von Secondhand-Kleidung über Wasserhähne bis hin zu frischen Tomaten.

Interessant ist in Moldau die sprachliche Zweiteilung - es sprechen nahezu alle Menschen Rumänisch und Russisch, was dazu führt, dass verrückteste Vermischungen entstehen. Allerdings ist es bei den älteren Menschen so, dass einige von ihnen nur Russisch sprechen, und in der jungen Generation dagegen trifft man auch auf Leute, für die Russisch eine Fremdsprache ist.

"Man spürt die Dankbarkeit und Freude ebenso wie die Anstrengungen des alltäglichen Lebens."

Das Sozialzentrum, in dem ich arbeite, liefert einmal im Monat Lebensmittelpakete an Bedürftige auf dem Land aus. Ich durfte in diesem Monat mitfahren. Das hinterließ wirklich tiefe Eindrücke. Ich traf auf einen blinden alten Mann, der sich durch sein Haus und seinen Garten tastet, auf eine Frau, der ein Bein amputiert wurde und bei der auch bald das zweite folgt. Man spürt selbst als Besucher die Dankbarkeit und Freude ebenso wie die Anstrengungen des alltäglichen Lebens. Die Häuser sind meistens flach und alt, einfach ausgestattet und von einem großem Garten umgeben, in dem man das Nötigste selbst anbaut. In der Mitte des Dorfes, gleich neben dem staubigen Dorfplatz mit der Bushaltestelle, befindet sich eine Ruine - vor 30 Jahren hatte man hier begonnen eine Schule zu bauen, fertiggestellt wurde sie nie.

Erlebnisse gibt es auch online unter www.moldovacalling.wordpress.com.

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