Das war Neuland für die Landespolitiker der Linken. Von der Künstlerstadt Kalbe hatten sie zwar im Vorfeld schon gehört. Doch wie das Projekt tatsächlich umgesetzt wird, davon machten sie sich in dieser Woche bei einem Arbeitsbesuch persönlich ein Bild.

Kalbe l "Wir sind im Moment noch im Rausch", sagte Künstlerstadt-Initiatorin Corinna Köbele, als sie in dieser Woche einen Arbeitskreis der Linken-Landtagsfraktion in Kalbe begrüßte. Denn am Abend zuvor hatten Köbele und ihre Mitstreiter den diesjährigen Demografiepreis des Landes Sachsen-Anhalt entgegengenommen (Volksstimme berichtete). Es war bereits die fünfte Auszeichnung seit Juni 2013. Damals war der Künstlerstadt-Verein ins Leben gerufen worden. "Und wir sind stolz auf das, was wir in dieser kurzen Zeit geschafft haben. Aber es steckt auch viel Arbeit dahinter, die ausschließlich ehrenamtlich erfolgt", betonte Köbele.

Die Landespolitiker der Linken zeigten sich sehr interessiert an dem Künstlerstadt-Projekt, in dessen Rahmen Leerstand genutzt wird, um neue Lebensqualität herzustellen. Immerhin, so die Initiatorin, kämen mit den Stipendiaten junge Menschen in die Region, die diese sonst wahrscheinlich nie für sich entdeckt hätten und denen nun deutlich gemacht werden könne, "dass man sehr wohl sehr gut hier leben kann und dass die Menschen hier sehr gastfreundlich sind, auch wenn oft anderes behauptet wird", so Köbele. Zudem würden die Stipendiaten mit ihrer Kreativität und den Veranstaltungsangeboten, die daraus entstünden, das soziale Miteinander fördern.

Nach einem ersten Gespräch im Rathaus, an dem auch Bürgermeister Karsten Ruth teilnahm, ging es in die Wohn- und Atelierräume der Künstlerstadt. Sie alle stünden nur zur Verfügung, weil die Geschäftsführung der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft "viel Mut bewiesen" habe, als es darum gegangen sei, die Kunststudenten unterzubringen. Und dann seien da ja ihre fleißigen Helfer gewesen, welche die Räume, die teils 20 Jahre und länger leer gestanden hätten, wieder auf Vordermann gebracht hätten, berichtete Köbele. Und nicht nur Dagmar Zoschke, die Vorsitzende des Gesundheits- und Sozialausschusses im Landtag, zeigte sich sehr interessiert, sondern auch ihre anwesenden Fraktionskollegen.

"Bis zum Jahr 2025 rutschen wir auf 6500 Einwohner ab."

Bürgermeister Karsten Ruth

Diese waren zuvor von Bürgermeister Ruth auch schon über die Besonderheiten der Einheitsgemeinde Kalbe informiert worden und wie wichtig es angesichts des demografischen Wandels sei, auf solches ehrenamtliche Engagement wie das von Corinna Köbele und Co. setzen zu können. "Denn bis zum Jahr 2025 rutschen wir laut Prognose auf 6500 Einwohner ab." Aktuell seien es noch um die 8000, so Ruth. Dennoch seien eine Fusion mit der Stadt Gardelegen aufgrund des riesigen Flächengebildes beziehungsweise eine Fusion mit der Einheitsgemeinde Arendsee oder Klötze aufgrund fehlender, gewachsener Strukturen kaum vermittelbar. Und der Weg in den Landkreis Stendal sei bekanntlich versperrt.

Ruth nutzte die Gelegenheit, an die Landespolitiker der Linken zu appellieren, sich für eine bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen einzusetzen. Nach den jetzt vorliegenden Zahlen erhalte die Einheitsgemeinde Kalbe, die seit 2013 endlich wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen könne, im nächsten Jahr eine halbe Million Euro weniger an Landeszuweisungen. Ähnlich gehe es dem Altmarkkreis, was sich letztlich wohl wieder zu einer Erhöhung der Kreisumlage führen werde. "Und ich weiß wirklich nicht, an welcher Schraube wir finanziell noch drehen sollen. Ich bin", so der Bürgermeister, "ein Stück weit ratlos".