Mit dem Modesalon Henriett schließt eines der letzten alteingesessenen Geschäfte in der Gardeleger Innenstadt. Nach dem Verkauf ihres Hauses zieht sich die Inhaberin Henriette di Pol zurück.

Gardelegen l Rote Lippen, eine adrette Kurzhaarfrisur, knallrote Fingernägel - Nein, wie 71 sieht Henriette di Pol nicht aus. Und das Alter sei auch nicht der Grund, warum sie ihr Geschäft aufgibt, betont sie. "Ich habe das Haus verkauft, und die neuen Besitzer wollen den Laden für sich nutzen", sagt Henriette di Pol. Mit dem Modesalon Henriett schließt eines der letzten alteingesessenen Geschäfte in der Gardeleger Innenstadt.

Die Regale sind fast alle ausgeräumt. Wo früher die Festkleider hingen, herrscht gähnende Leere. Nur an einer Wand hängen noch Hosen, Jäckchen und ein schickes rotes Kleid.

"Ich habe hier mein Herzblut reingesteckt."

Henriette di Pol

Die Schaufenster sind leer. Dabei waren sie stets das Steckenpferd von Henriette di Pol. Dreimal beteiligte sie sich an Wettbewerben der Industrie- und Handelskammer und holte jedes Mal Preise - zweimal den ersten. Kein Wunder, schließlich hat Henriette di Pol Schaufensterdekorateurin gelernt. Sie ließ sich zur Verkäuferin weiterbilden und arbeitete im Haus der Dame an der Nicolaistraße. Nach der Wende eröffnete sie 1991 ihr eigenes Geschäft.

Die 71-Jährige hat die Laufstegmode der Großstädte nach Gardelegen gebracht. "Wir haben Messen in Düsseldorf, Berlin, Hamburg und Leipzig besucht", sagt die Inhaberin. Anspruchsvolle Damenmode hätte ihren Laden immer ausgemacht.

Jetzt steht sie neben den leer gefegten Regalen. Ein Monat Ausverkauf liegt hinter ihr. "Ich habe hier mein Herzblut reingesteckt", sagt sie. Ihr Laden sei für viele Menschen aus der Region ein Anlaufpunkt in der Innenstadt gewesen. Viele Kunden hätten in den vergangenen Wochen Geschenke wie Blumen vorbeigebracht und ihr Bedauern mitgeteilt. "Wir sind regelrecht überschüttet worden. Ich bin überwältigt von so viel Wertschätzung", erzählt die 71-Jährige. "Die Wehmut kommt, glaube ich, erst hinterher, wenn ich zu Hause sitze", sagt di Pol.

"Eine anziehende Ära geht zu Ende" hatte sie ihren Kunden geschrieben. "Das Geschäft wird mir schon fehlen", sagt sie. Was sie mit der vielen Freizeit anfangen möchte? "Ich muss mir etwas suchen. Ich bin nicht der Typ Hausfrau und Garten", sagt die 71-Jährige. Doch darüber habe sie sich noch keine Gedanken machen können.

Sie sei in den vergangenen Wochen einfach zu viel mit dem Organisieren des Auszugs beschäftigt gewesen, sagt sie, als sie gestern - am letzten Verkaufstag - in ihrem Laden steht.

Zwischen den leeren Regalen sticht eine knallige Handtasche hervor. Und zieht den Blick von Conny Rusch auf sich. Sie ist gestern eine der letzten Kundinnen.

"Passt das zu meinem schwarzen Kleid für die Silvesterparty", fragt sie. Und sofort ist Henriette di Pol in ihrem Element - der Stress scheint komplett ausgeblendet. "Das ist der Hingucker. Dann müssen Sie das Tuch auch noch mit dazu nehmen", erklärt Henriette di Pol.