Es gibt nicht mehr viele seiner Art. Längst ist die gute alte Schuhreparatur aus der Mode gekommen. Doch viele Kalbenser wissen durchaus zu schätzen, dass es ihn in ihrer Stadt noch gibt, den guten alten Schuhmacher - in ihrem Fall Maik Bock.

Kalbe l Wer sich in Kalbe die Hacken abläuft, nimmt anschließend seine Schuhe in die Hand und trägt sie zu ihm. Denn er kann sie fast immer wieder ganz machen, und tut es auch, zum Glück für viele Kalbenser, die diese Dienstleistung tatsächlich noch in Anspruch nehmen können. Maik Bock aus Kalbe hat nämlich einen Beruf, den jeder kennt, und der dennoch nicht mehr oft ausgeübt wird. Er ist Schuhmacher. Und zwar einer, der sein Handwerk noch von der Pike auf gelernt hat.

Dabei stand das 1986, also zu tiefsten DDR-Zeiten, ganz sicher nicht auf der Berufswunschliste des gebürtigen Kalbensers. Der damals 16-jährige wollte nämlich viel lieber Elektriker werden. Es war seine Gesundheit, die das verhinderte. Auf Anraten seiner Hausärztin tat sich Bock also anderweitig um. Und auch die DDR-Berufsberatung tat das für ihn mit und wurde fündig. Und weil es schließlich auch ein Handwerksberuf war, den sie ihm vorschlugen, schlug er ein und unterschrieb bereits seinen Lehrvertrag, als alle seine Mitschüler noch auf der Suche nach einem Lehrbetrieb waren.

Was zum Angeben sei sein Berufswunsch damals allerdings nicht gewesen, gibt Bock zu. So manchen gutmütigen Spott habe er aushalten müssen. Abgebracht hat ihn das von seiner Entscheidung aber dennoch nicht.

In einer republikoffenen Klasse im thüringischen Ohr-druf, beginnt er schließlich seine praktische Lehrausbildung. Sein Lehrbetrieb selbst ist allerdings näher dran an der Heimat. Es ist der Dienstleistungsbetrieb (DLB) Stendal. Bock lernt, wie aus einem Schaft und einer Sohle auf dem Leisten ein Schuh entsteht. Heute kann er sich noch gut an die ersten Arbeiten erinnern. Zum Beispiel daran, dass er winzige Babyschuhe nähen oder auch mal getragene Lederschuhe schwarz färben musste, wenn jemand unerwartet einen Trauerfall in der Familie hatte und es wieder mal keine schwarzen Schuhe zu kaufen gab. Die DDR-Misswirtschaft ließ grüßen. Und die war auch dafür verantwortlich, dass er sein Gesellenstück, ein Paar schicke Freizeitschuhe, nicht einmal selbst ablaufen durfte. Auch die wurden nämlich verkauft. Manches vergisst man eben nie.

Sein Gesellenstück darf er nicht behalten

Gut erinnern kann sich Bock aber auch noch an viele schönen Momente. Denn als junger Geselle darf er schließlich 1988 nach abgeschlossener Lehre im Dienstleistungsbetrieb seiner Heimatstadt Kalbe schustern. Und damals "schusterte" man sich im wahrsten Sinne des Wortes so manches "zu" - und zwar meist unter der Hand.

Das war zwar nicht immer das, was man gerade haben wollte. Aber schließlich war Bock als gelernter DDR-Bürger ja auch gelernter Improvisierer. Und weil er dazu ja eben auch noch gelernter Schuhmacher war, machte er zum Beispiel bei Bedarf aus Herrenwesternstiefeln einfach Damenwesternstiefel. Ein Geschick, das sich auch finanziell rechnete.

Zudem wird aus Bock, zwei weiteren Schuhmachern, einer Regenschirmreparateurin und den Kollegen der Nähmaschinenreparaturabteilung ein gutes Team.

Doch dann ereilt den Kalbenser das, was damals wohl alle jungen Männer am meisten fürchten. Er muss zur NVA. Und als er zurückkommt, in Stiefeln, die er nicht selbst geschustert hat, gibt es seinen Arbeitgeber irgendwie nicht mehr. Er war der Wende und ihren seltsamen Wendungen zum Opfer gefallen. Bock ist also 1989 plötzlich arbeitslos, obwohl ihm eigentlich nie gekündigt wurde. "Und zwar bis heute nicht", wie er scherzend versichert.

Mitte 1990 legt sich das Schicksal dann wieder in die Kurve. Maik Bock bekommt nämlich das Angebot, das komplette Inventar der ehemaligen Schuhmacherwerkstatt des einstigen DLB Kalbe zu kaufen. Der 20-Jährige überlegt nicht lange, nimmt einen Privatkredit auf und damit sein berufliches Leben selbst in die Hand. In einem Erdgeschossraum seines Elternhauses finden Näh- und Ausputzmaschine, viele Kleinwerkzeuge und sogar noch Restmaterialbestände an Leder und Hacken einen Platz. "Auf einem kleinen Fahrradanhänger habe ich alles hergeholt", erinnert sich Bock lachend.

Das Jahr 1990 wird für ihn somit das Jahr eines beruflichen Neubeginns. Fortan muss der junge Geselle, der noch gar nicht so viel Berufserfahrung sammeln konnte, auf eigenen Füßen stehen. Arbeiten war das eine, die Buchhaltung das andere. Kalkulation, bislang ein Fremdwort, wurde nun lebensnotwendig. An seine erste Einnahme, nämlich 4,62 DM für einen reparierten Absatz, kann sich Bock noch gut erinnern. Doch würde das reichen? Und auch ein "Luxus", wie krank zu werden, war nicht drin. Gut, dass er auch den berüchtigten DDR-Kraftkleber Chemisol mitgenommen hatte. "Einmal die Nase darüber gehalten, und jede Erkältung war wie weggeblasen", versichert Bock rückblickend und mit Augenzwinkern.

Er ist also nicht leicht, der Anfang. Dazu kommt natürlich auch die Neubundesbürgermentalität, billige Schuhe zu kaufen und einfach wegzuschmeißen, wenn sie abgelaufen waren. Zum Glück für den jungen Kalbenser denken aber längst nicht alle so. Und so läuft sein Geschäft auch gut an. Zwischendurch erledigt Bock sogar einige ganz spezielle Aufträge, wie jenen für "Domina Sonja", die sich handgefertigte Fuß- und Handfesseln plus Halskrause maßanfertigen lässt, oder an das Geschirr samt Laufleine für drei unternehmungslustige Landschildkröten. "Todschick", sagt Bock. Dass ihm sein Handwerk auch heute noch Spaß macht, kann er nicht verleugnen.

Leben indes könnte er heute nicht mehr davon. Dass er in seiner kleinen Werkstatt in der Gardelegener Straße 38 in Kalbe immer noch Schuhe repariert, ist nun der Nebenjob, wenn auch ein durchaus immer noch gewinnbringender.

Homepage bringt Spezialaufträge

Seinen Lebensunterhalt verdient der heute 44-Jährige mittlerweile als Freier Mitarbeiter für die Tageszeitungen der Region. Meist bleibt der Kalbenser Schuster also nicht bei seinen Leisten, sondern fährt zu Terminen und bringt von dort aus die neusten Berichte mit. Seit rund 15 Jahren kennen ihn die meisten Kalbenser als den rasenden Reporter mit der Kamera vorm Bauch.

Und doch will Bock seinen Ausbildungsberuf und die derbe Lederschürze nicht an den sprichwörtlichen Nagel hängen. Denn immer noch gibt es viele Kunden, die froh sind, dass es jemanden gibt, der ihre Lieblingsschuhe wieder ganz machen kann.

Seit er eine eigene Homepage hat, gehen in der kleinen Werkstatt übrigens sogar mal Spezialaufträge ein. Zudem schickt man ihm Schuhe. Manchmal aus anderen Bundesländern, öfter natürlich aus der Region. Denn es gibt sie eben nicht mehr überall, die Schuhmacher, die es noch richtig können - und auch tun. Maik Bock tut es im kommenden Sommer übrigens genau seit 25 Jahren.