Hunderte Soldaten üben derzeit im Gefechtsübungszentrum Altmark für einen Notfall im Kosovo. Sie kommen zum Einsatz, wenn die Situation in dem Land eskaliert.

Letzlingen l Mit einem riesigen Baumstamm läuft eine Gruppe Männer auf die Soldaten zu. Sie nehmen den Stamm quer. Mit voller Wucht prallt er auf die Reihe aus Schutzschilden. Es kracht. Ein Soldat fällt zu Boden. Sofort ist er von den Angreifern umringt. Die anderen Soldaten sind wie erstarrt. Der Schreck steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Ein paar Sekunden vergehen, bis sie ihren Kameraden schützen und die Gegner mit Schlagstöcken in die Flucht schlagen.

Die Szene ist Teil einer Übung, die zurzeit auf dem Truppenübungsplatz Altmark läuft. Es sind Soldaten der sogenannten Operational Reserve Force. Es ist sozusagen die Notfalltruppe für den Kosovo. "Sie werden reingeflogen, wenn die Suppe am Kochen ist", sagt Oberstleutnant Michael Henneberg, der die Übung mit erarbeitet hat. Mindestens zweimal pro Jahr probt das Militär solche Ernstfälle im Gefechtsübungszentrum.

"Wir wollen keine KFOR-Schweine."

Demonstranten

Bamm, bamm, bamm - mit ihren Schlagstöcken schlagen die Soldaten im Takt auf ihre Schilde. Sie verschanzen sich hinter einer Wand aus Plastikschilden. Die Visiere ihrer Helme sind heruntergeklappt. Sie sind in Kampfbereitschaft. Vor ihnen steht eine Gruppe Demonstranten. Plötzlich springt einer von ihnen nach vorne. Er hat einen großen weißen Aufkleber in der Hand, der mitten auf dem Visier eines Soldaten landet. "Wir wollen keine KFOR-Schweine", schreien die Demonstranten aggressiv im Chor. Die Soldaten versuchen, ruhig zu bleiben.

Provokationen müssen sie aushalten können. Sie sind im Einsatz an der Tagesordnung. "Wir stellen hier Worst-Case-Szenarien nach", erklärt Hauptmann Christian Krusemark vom Gefechtsübungszentrum. Die Soldaten müssen auf den Ernstfall vorbereitet werden. Dazu gehören eben auch Demonstrationen. Ein Demonstrant springt vor. Er reißt einem der Soldaten den Schild runter. Das wird den Soldaten zu bunt. Sie zücken ihre Pfefferspraydosen und drängen die Demonstranten zurück auf den Marktplatz. Die Schlinge zieht sich immer enger um den Pulk. Panzerfahrzeuge stehen zwischen den Soldaten. Die Linien stehen. Die Menge ist eingekesselt. Die Militärs haben einen klaren Befehl: die Demonstration auflösen und die Menschenmenge vom Marktplatz drängen. Doch die Rechnung haben sie ohne die wütende Menge gemacht. Wurfgeschosse fliegen. Die Demonstranten schnappen sich Autoreifen und Stöcke und schleudern sie gegen die Armee.

"Das Spray ist aber nur Attrappe", sagt Presseoffizier Thomas Herzog. Daneben geht es aber kräftig zur Sache.

Die Großübung dauert zwei Wochen. Sie ist eine Wiederholung. Im Dezember musste der Test abgebrochen werden, erklärt Henneberg. Ein Virus habe der Truppe kräftig zugesetzt. Bei der Bundeswehr seien 60 bis 90 Soldaten betroffen gewesen.

An den ersten Tagen werden erst mehrere Szenarien einzeln geprobt. Anschließend folgt eine Drei-Tage-Übung mit nächtlicher Einsatzbereitschaft. Neben dem Auflösen von Demonstrationen trainieren die Soldaten, wie sie damit umgehen, wenn massenhaft Verletzte anfallen oder was sie tun müssen, um die kosovarische Polizei bei einer Festnahme zu unterstützen.

"Kopf runter und Luft anhalten!"

Demonstrant

Eine riesige Blechabdeckung wird zur Barrikade. Das Panzerfahrzeug muss stoppen. Die Gegner der Bundeswehr sitzen dahinter auf dem Boden. Sitzblockade. Die Soldaten setzen Gasmasken auf. "Kopf runter und Luft anhalten!", ruft einer der Demonstranten. Doch bevor die Bundeswehr mit Reizgas angreift, löst sich ein Teil der Blockade plötzlich auf. Die Statisten sammeln sich und planen den nächsten Angriff.

Die Gegner und Statisten sind Soldaten vom Ausbildungsverband des Gefechtsübungszentrums. Im Kontrollzentrum zeichnen derweil die Mitarbeiter Daten auf. Jeder Schritt der Soldaten wird mit moderner Technik auf die Computer übertragen und überwacht, jeder Funkspruch aufgezeichnet. Später bei der Auswertung werden sämtliche Fehler besprochen. Teils wird die Übung dafür unterbrochen.

Drei Demonstranten attackieren einen Soldaten am Rand und wollen die Kette durchbrechen. Sie ziehen ihm den Schild weg. Der Soldat wehrt sich. Er haut mit dem Schlagstock zu und trifft einen der Angreifer voll auf die Nase. Der Demonstrant torkelt und läuft weg. Die Reihen sind wieder geschlossen. Stück für Stück schiebt die Wand von Panzerfahrzeugen und Soldaten die Menge vom Platz.

Bei einem solchen Einsatz gebe es mehrere Eskalationsstufen, erklärt Krusemark. Diese reiche von der Drohgebärde bis zum vorletzten Mittel, dem Warnschuss. Und den musste die Bundeswehr auch 2009 nutzen, als sie mit ihren österreichischen Kollegen zum Notfall in den Kosovo ausrückte. Innerhalb einer Woche waren 750 Soldaten mit ihren Fahrzeugen am Einsatzort gewesen.

   

Bilder