Ein Grundstück in Güssefeld mit Wohnhaus und Scheune für nur einen Euro? Was sich las wie ein Schnäppchen, war zwar am Ende keines. Der Hof Dorfstraße 3 fand dennoch einen Käufer. Ein polnischer Herr ist seit Dienstag Güssefelder.

Gardelegen/Güssefeld l Zwangsversteigerungstermin im Gardeleger Amtsgericht, Raum 303. In der letzten Reihe sitzt ein einzelner Herr, der geschäftsmäßig in seinen Unterlagen blättert, in der ersten sitzen zwei Männer und flüstern leise miteinander. Es geht zwar um kein Verbrechen, so ein Gerichtssaal hat aber dennoch irgendwie etwas Einschüchterndes. Alle harren der Dinge, die da kommen sollen.

Und die kommen in Gestalt der zuständigen Rechtspflegerin: "Sind Beteiligte (also Gläubiger) anwesend?", fragt sie energisch mitten in die Stille hinein. Die Anwesenden schütteln den Kopf. Die Dame nimmt vorn am Richtertisch Platz, alle sind gespannt.

Denn es geht an diesem Morgen offensichtlich um ein echtes Schnäppchen, genauer um ein Grundstück in Güssefeld, Güssfelder Dorfstraße 2 - 1760 Quadratmeter echtes Bauland, erschlossen, zum Preis von sage und schreibe nur einem einzigen Euro.

Der Eigentümer ist seit Jahren verschollen

Das sich das Ganze dann doch nicht so lukrativ darstellt, macht die zuständige Rechtspflegerin aber schnell klar. Denn wer hier mitsteigert, erwirbt auch noch eine "Wohnhaus- und eine Scheunenruine mit Anbau, beide errichtet vor 1900", die offenbar so desolat sind, dass ein Sachverständiger selbst unter Berücksichtigung des Gundstücks nur noch einen Verkehrswert im negativen Bereich ausrechnete. Der derzeitige Wert des Grundstückes betrage "minus 29700 Euro", beziffert die Rechtspflegerin, deshalb sei "symbolisch ein Euro veranschlagt". Die im Grundbuch eingetragenen Sicherheiten - im Volksmund Hypotheken - in Höhe von 312862,01 Euro gingen allerdings nicht auf den neuen Eigentümer über, erklärt die Fachfrau weiter. Das Grundstück werde lastenfrei versteigert. Immerhin etwas.

Dann gibt`s noch ein paar Angaben zum Grund der Zwangsversteigerung. Neben dem Namen des Eigentümers erfahren die Anwesenden, dass in diesem Fall das Finanzamt Braunschweig Ansprüche geltend macht, und zwar 106003 Euro "plus Gerichtskosten." Die ersten Beschlagnahme erfolgte bereits im April 2014. Da sei der Eigentümer aber längst verschwunden gewesen, flüstert einer der beiden Männer in der ersten Reihe auf Nachfrage. Die beiden sind offenbar Insider, weil selbst Güssefelder, wie sich im anschließenden Gespräch herausstellt. Denn zum Plaudern ist dann ab 10.09 Uhr an diesem Morgen genau eine halbe Stunde Zeit. So lange könnten nun nämlich Angebote abgegeben werden, erläutert die Rechtspflegerin.

Doch die bleiben aus. Denn in Wirklichkeit ist es dann eben doch nicht nur dieser eine symbolische Euro, sondern mindestens 2312,43. Neben der Stadt Kalbe, die 30,25 Euro anteilige Grundsteuer und Flächennutzungsgebühr haben will, müssen 2282,18 Euro Gerichtskosten ausgeglichen werden, hatte die Dame am Richtertisch zuvor erläutert. "Wer möchte bieten?", fragt sie dann. Die drei potenziellen Interessenten schweigen. So viel wollten sie nicht ausgeben, verraten die beiden Güssefelder schließlich auf Nachfrage. Denn eigentlich könnten sie mit dem Grundstück nichts anfangen: "Wir wollten es kaufen und alles abreißen, damit dieser Schandfleck verschwindet", erklärt der ältere. Davon gebe es nämlich schon genug in ihrem schönen Dorf.

Ersteigerer hat noch keine genauen Vorstellungen

Und so zieht sich die halbe Stunde im Gerichtssaal 303 zäh hin. Dann aber sorgt der Herr in der letzten Reihe genau eine Minute vor Ablauf der Frist für eine Überraschung: "Ja", sagt er, er wolle bieten. Und zwar genau die Mindestsumme, also 2312,43 Euro. Und da die beiden Güssefelder nicht erhöhen, bekommt er am Ende auch den Zuschlag.

Was er mit seinem neuen Grundstück machen will, weiß der Mann mit Wohnsitz in Suderburg (Landkreis Uelzen), der sich mit einem gültigen polnischen Personalausweis legitimiert, zwar noch nicht so recht, er kennt das Haus aber offenbar seit Ende der 90iger Jahre, war selbst schon vor Ort. Er werde sich nun erstmal mit dem Bauamt in Verbindung setzen, sagt er vage. Es werde ja sicher Auflagen geben. Ein j Haus, das vermietet werden könnte, schwebt ihm offenbar vor. Ein eher ungewöhnlicher Plan für eine Region, deren Bewohner jährlich weniger werden.

 

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