Über acht Steine mit eingravierten Namen "stolpern" die Gardeleger bereits im Stadtgebiet. Bald werden es noch mehr sein. Ende Juni sollen 15 Stolpersteine für Mitglieder der Gardeleger Familie Behrens dazukommen, die einst dem Holocaust zum Opfer fielen. Urheber der Stolperstein-Aktion sind erneut Gardeleger Gymnasiasten.

Gardelegen l Nein, richtig stolpern soll natürlich niemand über ihre Steine. Zumindest nicht im Sinne des Wortes. Die Menschen sollen davor stehenbleiben, schauen, innehalten und so sinngemäß eben doch über diese Namen stolpern, die da in Stein gemeißelt sind. Immer wieder und noch lange Zeit. Das zumindest wünschen sich die Jugendlichen der AG Stolpersteine von ihrer Aktion.

Seit vielen Monaten beschäftigen sich die Gardeleger Gymnasiasten aus der elften und mittlerweile auch aus der neunten Klassenstufe nämlich schon mit den Schicksalen von Gardeleger Juden, die dem menschenfeindlichen Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen sind. Sie waren einst ins städtische Leben integriert, bis sie ausgeschlossen, beschimpft und schließlich ermordet wurden. Ihre Namen, so finden alle Schüler, die in der AG mitarbeiten, dürfen nicht vergesen werden.

"Die Familie Behrens war groß, es gab so viele Kinder."

Tabea Kreutz, 11. Klasse

Acht Stolpersteine mit jüdischen Namen und Daten haben sie deshalb bereits von Künstler und Stolperstein-Aktionsgründer Gunter Demnig anfertigen und verlegen lassen. Und Ende Juni werden 15 neue hinzukommen. Alle gehören zur Gardeleger Familie Behrens. Gelebt hatte sie vor ihrer Deportierung zum Beispiel in Häusern an der Salzwedeler Torstraße, der Sandstraße oder der Thälmannstraße. Und dort sollen die Steine dann auch platziert werden.

Näheres über den Ablauf der Aktion haben die AG-Mitglieder aus beiden Klassenstufen gestern mit ihrer Lehrerin Andrea Müller besprochen. Doch zuvor war natürlich wieder viel Recherche nötig. "Denn die Familie Behrens war groß, es gab so viele Kinder", erklärte Tabea Kreutz, die sich besonders engagiert mit der geschichtlichen Aufarbeitung der jüdischen Schicksale befasst hatte.

Eine Riesenhilfe bei ihrer Arbeit ist den AG-Mitgliedern natürlich immer noch das Buch, das die verstorbene Gardelegerin Gisela Bunge einst über die Schicksale jüdischer Familien in Gardelegen schrieb.

"Alle Daten müssen wir nun zu Gunter Demnig schicken." - Lehrerin Andrea Müller

Und selbstverständlich gibt es die Dokumentation als Klassensatz im Gardeleger Geschwister-Scholl-Gymnasium. Doch manche Geschichte ließen sich die Schüler eben doch lieber selbst erzählen. Zum Beispiel vom Gardeleger Karl-Heinz Reuschel, dem Schwiegersohn von Gisela Bunge, der viele Fragen beantworten konnte. Mit seiner Hilfe stellten die Schüler zum Beispiel fest, dass es Verbindungen der Familie Behrens nach Berlin oder nach Calvörde gegeben hatte, "wo ja bereits Stolpersteine existieren", sagte Tabea.

Das Ergebnis ihrer umfangreichen Recherche sind nun 15 Namen. Sie alle gehören zur Familie Behrens. "Alle Daten müssen wir jetzt bis zum 27. März zu Gunter Demnig schicken", erläuterte Lehrerin Andrea Müller, die die AG betreut. Der Künstler fertigt dann wieder einen Vordruck an, der zur Kontrolle noch einmal an die Gardeleger zurückgesandt wird. Ist alles in Ordnung, werden die 15 Steine dann produziert. Und bereits jetzt steht fest, wann sie einbetoniert werden, nämlich am 28. Juni ab 11 Uhr.

Die Finanzierung ist übrigens bereits gesichert. Ein Stolperstein kostet immerhin 120 Euro. Einiges an Geld hatten die Schüler selbst mit verschiedenen Aktionen hereinbekommen, anderes kam durch private und gewerbliche Spenden dazu.

"Geholfen hat uns diesmal vor allem eine Spende der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt", erinnerte Andrea Müller.

Wie bei der ersten Aktion soll es zur Verlegung der neuen Steine am 28. Juni auch wieder ein Programm geben. Und auch dessen Inhalt haben die Jugendlichen gestern besprochen. Denn schließlich soll es diesmal ebenso feierlich werden wie im vergangenen Jahr im Oktober, als die ersten acht Steine im Pflaster vor den einstigen Wohnhäusern Gardeleger Juden versenkt wurden.

"Es gibt immer noch Leute, die die Stolpersteine nicht kennen."
- Karla Steinecke

Dass immer wieder Menschen vor ihren Steinen stehenbleiben, dessen sind sich die Jugendlichen übrigens sicher. Oft würden sie auch darauf angesprochen, versicherte Alina Wolfowski. Und die Arbeitsgeminschaft hat sogar schon Post bekommen: Einen Brief von einer Familie aus Dresden, die die Schüler für ihr Engagement lobte und auch einen Stein sponserte.

"Manchmal staune ich aber schon, dass es immer noch Leute gibt, die die Stolpersteine nicht kennen", sagte Karla Steinecke.

Doch dagegen unternehmen die Schüler ja nun wieder einen neuen Schritt. Bei 15 neuen Namen in Stein gemeißelt, da werden ganz sicher viele weitere - vielleicht bislang uninteressierte Gardeleger - irgendwann darüber "stolpern".