Michael Birnstiel und seine Tochter Nele haben ihr Ziel klar vor den Augen: Sie wollen Ende des Jahres in eine eigene Wohnung ziehen. Die Zeit in Polvitz genießt der Vater mit seiner Tochter sehr.

Polvitz l Ein Stengel und zwei strahlende Blüten - kaum treffender könnte das Bild sein, das im Wohnzimmer des Polvitzer Kinder- und Jugendhauses hängt. Die Familie, die Kraft für alle Mitglieder gibt und sie zum Strahlen bringt. Eine kleine Familie sind Michael Birnstiel und seine dreijährige Tochter Nele, die seit Juli in der Wohngruppe für junge Eltern mit Kindern unter sechs Jahren leben. Die Zeit dort ist ihre Chance für eine Zukunft auf ein gemeinsames Leben - wenn alles klappt, Ende des Jahres in einer eigenen Wohnung.

Sieben junge Eltern zwischen 16 und 32 mit insgesamt acht Kindern unter sechs Jahren leben derzeit in Polvitz in der Eltern-Kind-Einrichtung. Drei Babys werden in Kürze erwartet. Michael Birnstiel ist als Papa mit Kind dort eine Ausnahme. "Es sind fast immer Frauen, die wir mit Kindern aufnehmen", sagt Hausleiterin Andrea Herms. Umso wohltuender sei es, dass auch mal ein Mann dabei sei.

Er wollte seine Tochter nicht verlieren

Aufregende Monate liegen hinter Birnstiel. Im vergangenen Jahr trennte sich die Familie, "und ich wollte Nele nicht verlieren", erzählt der 27-Jährige. Es war für ihn persönlich ein ganz großer Schritt und eine absolute Wandlung: vom Vater, der auf Montage und im Schichtsystem arbeitet ("Man verpasst da so viel, ist außen vor."), auf Vollzeit-Papa: inklusive aller schönen tagtäglichen Begebenheiten mit kleinem Kind und nervraubenden Bockereien. Die Umstellung war nicht einfach: "Ich hatte große Ängste, was mich erwartet." Und dazu das Jugendamt, das die gemeinsame Zeit von Papa und Tochter in der Einrichtung zur Bedingung machte.

Er sei erst skeptisch gewesen bei der Vorstellung, mit Nele in einem Heim zu leben, erzählt der junge Vater. "Ich habe ja auch gedacht, so verkehrt mache ich es doch gar nicht." Jetzt, nach einem Dreivierteljahr, fällt sein Fazit absolut positiv aus. "Es war damals ein kompletter Neustart für uns beide. Nun sind wir hier angekommen, fühlen uns sehr wohl", sagt Birnstiel. Und die Perspektive ist klar: "Wir möchten gern Ende des Jahres in eine eigene Wohnung ziehen." In vielen Situationen sei das Leben mit Kind anstrengend, doch inzwischen "haben wir uns beide sehr gut kennengelernt, die Zeit hier tut uns sehr gut", erzählt er. Er selbst sei gelassener und sicherer geworden. Gemeinsame Zeit ist das Stichwort für Andrea Herms: "Nur wenn die Eltern Zeit mit ihren Kindern verbringen, können sich die Beziehungen festigen. Die Eltern sollen ihre Kinder genießen können." Nicht bei allen, die in der Einrichtung für einen Zeitraum bis zu zwei Jahren untergebracht sind, gibt es am Ende ein Happy End mit dem Einzug in eine eigene Wohnung. "Es gibt auch die Option, dass die Kinder in Pflegefamilien vermittelt werden", so Herms.

In Polvitz sollen die jungen Eltern fit gemacht werden für ihren späteren Alltag als Familie. Nichts kommt von alleine: kochen, spielen, essen, Arzttermine vereinbaren, Zimmer aufräumen, Haushaltsführung. Doch es gibt Begleitung durch die Erzieher. "Sie geben einem viele Tipps, die mir sehr geholfen haben", sagt der junge Vater. Etwa auch durch die Video-Interaktionsanalyse, wo Birnstiel bewusst gemacht wurde, was schon sehr gut in der Vater-Kind-Beziehung funktioniert.

Tagtäglich viel gemeinsame Zeit

Und jetzt sind der Papa und seine Tochter an einem Punkt, wo er sagt: "Ich bin für jede Minute, die ich sie habe, dankbar." Es sind die kleinen Momente, "wenn sie auf den Schoß gekrabbelt kommt und einfach kuscheln will". Und es ist die tägliche Zeit, die er mit Nele genießt. Jeden Nachmittag, jedes Wochenende verbringen sie. Nele geht gern reiten, Papa Michael kümmert sich um die Reittherapie-Pferde.

Birnstiels Ziel für die Zukunft ist klar: "Ich möchte Familie und Arbeit unter einen Hut bringen." Dass dies als alleinerziehender Vater nicht einfach werden wird für den elektrotechnischen Assistenten, der auf Arbeitssuche ist, weiß er. "Da muss man Arbeitgebern viel erklären und am besten auch zeigen, was man kann." Es sei wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, er werde geduldig dranbleiben. Doch das Wichtigste ist: "Mein kleines fröhliches Mädchen."