Die Zukunft der Kinderbetreuung in Sachsen-Anhalt war Thema eines Forums am Montagnachmittag im Rathaussaal. Prominenter Gast war Sachsen-Anhalts Sozialminister Norbert Bischoff. Für ihn ist das Programm Bildung elementar der beste Ansatz, einer frühkindlichen Förderung gerecht zu werden. Er sprach sich zudem für eine Novellierung des Kinderförderungsgesetzes aus.

Gardelegen. Er wirkt sympathisch, seine Reden sind fundiert, er verspricht auch in Wahlkampfzeiten nichts, was er nicht halten kann. Sozialminister Norbert Bischoff referierte am Montagnachmittag im Rathaussaal über ein Thema, das seit seinem Amtsantritt vor anderthalb Jahren zu seinem Lieblingsthema geworden ist: über die frühkindliche Bildung im Elternhaus, in der Krippe, im Kindergarten und in der Grundschule. Im Publikum saßen überwiegend Zuhörer, die beruflich mit der Kinderbetreuung zu tun haben: Leiterinnen von Kindereinrichtungen, Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen.

"Der Grundstein wird in den ersten zehn Jahren gelegt. Von daher ist Bildung elementar ein guter Ansatz in Sachsen-Anhalt", betonte Bischoff, denn das Sprichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" habe durchaus seine Berechtigung. "Wir haben viele Kinder mit schwierigen Startpositionen. Von daher müssten die meisten Mittel in die frühkindliche Bildung gesteckt werden", sagte Bischoff, was ihm den Beifall der Anwesenden einbrachte.

"Kinder sind von Anfang an neugierig auf das Leben, sie wollen das Leben entdecken", sagte Bischoff. Dabei seien alle unterschiedlich. Keiner könne zur gleichen Zeit sprechen, lesen, rechnen. "Das gibt es nicht, und das wäre in der frühkindlichen Bildung auch der falsche Ansatz", stellte Bischoff klar. Mit dem Programm Bildung elementar werden die Kinder da abgeholt, wo sie sind, und die Stärken der Kinder ausgebaut.

Wenn man diesen Ansatz zugrunde lege, werde auch deutlich, dass die Regelung der Halbtagsbetreuung für Kinder arbeitsloser Eltern der falsche Weg sei. "Als ich im Landtag war, habe ich das Gesetz damals mitbeschlossen, dass für Kinder, deren Eltern nicht berufstätig sind, eine Halbtagsbetreuung ausreicht, auch unter dem Aspekt der Erstverantwortung der Eltern. Das sehe ich heute anders", gestand Bischoff. Gerade die Kinder hätten eine Ganztagsbetreuung mit Bildungsangeboten nötig. "In den betroffenen Familien sind die Eltern oft überfordert, vor allem jene Eltern, die sich schon in der zweiten Generation aufgegeben haben. Wir brauchen wieder einen Ganztagsanspruch für alle Kinder", sagte Bischoff. In Sachsen-Anhalt werden 98 Prozent der Kinder in Kinderkrippen oder Kindergärten betreut. 60 Prozent hätten einen Anspruch auf eine Ganztagsbetreuung. "Wir können es uns nicht erlauben, dass die anderen Kinder keinen ausreichenden Zugang zu frühkindlicher Bildung erhalten, denn die werden später zu Schulabbrechern, haben keine oder kaum Chancen in der Schule, in der Ausbildung oder auf dem Arbeitsmarkt", betonte Bischoff. Wie wichtig das Thema sei, zeige auch die Einrichtung eines Zentrums für frühkindliche Bildung an der Fachhochschule Stendal. Aus diesen Gründen will sich Bischoff für eine Novellierung des Kinderförderungsgesetzes einsetzen. Ob das jedoch passiert, liege in der Entscheidungshoheit des Landtages, so Bischoff.

Er plädierte auch für eine Änderung der Betreuungsschlüssel, die derzeit im Kindergarten bei einer Erzieherin und zwölf Kindern liege. Diese Änderung hatte zuvor Brunhilde Schreiber, Leiterin der Kita an der OdF-Straße, angemahnt. "Aber heute wird in vielen Einrichtungen schon nicht mehr in starren Gruppen, sondern in anderen Formen, wie beispielsweise altersübergreifend, gearbeitet", sagte Bischoff. Überhaupt würden heute viele Einrichtungen davon leben, wie sich die Erzieher gemeinsam mit den Eltern engagieren. Ein sehr schönes Projekt, das die Neugierde fördere, sei das Haus der kleinen Forscher. Damit würden schon die Jüngsten an die Naturwissenschaften herangezogen.

Unbedingt zu ändern sei auch die Finanzierungsfrage. "Wir haben jetzt ein System, das völlig undurchschaubar ist, selbst für mich als Minister. Wir brauchen eine klare, einfache Finanzierung, brauchen mehr Flexibilität, und wir brauchen mehr Tagesmütter", stellte Bischoff klar. Ebenso müsse es künftig eine stärkere Kooperation zwischen Kindergärten und Tagesmüttern geben.

"Ich hoffe, dass sich der neue Landtag ab Mai, Juni mit dieser Thematik beschäftigt. Wir brauchen eine intensive Diskussion mit allen Beteiligten. Ich will dazu auch die Wissenschaft mit ins Boot holen, wenn es um Bildung elementar geht. Wenn wir also die Kinder von sich aus stark machen, werden wir in fünf bis sechs Jahren erste Erfolge haben, denn mit der Schule beginnt nicht der Ernst des Lebens. Das ist Unsinn. Mit der Schule beginnt die Freude des Lebens", sagte Bischoff.

Das bestätigte auch Petra Müller, die Leiterin der integrativen Kindertagesstätte Arche Noah. "Ich kann Ihre Prioritätenliste sehr gut annehmen", sagte sie zu Bischoff. Bildung elementar, die Förderung der Selbstbildungskompetenz der Kinder, sei eine ganz tolle Sache. In der Arche Noah werde nach diesem Programm gearbeitet. Allerdings müsse in der Erzieherausbildung Bildung elementar auch einfließen, forderte Müller.

Dass verstärkt auch Tagesmütter in die Kinderbetreuung einbezogen werden sollen, begrüßte vom Grundsatz her Iris Kosch, Vorsitzende des Tagesmüttervereines Altmark. "Die Tagesmütter erhalten keine Landesmittel. Von den Elternbeiträgen allein können die nicht existieren. Deshalb gibt es kaum noch Tagesmütter", schilderte Kosch die Situation.

Auch in dieser Frage sei er noch an das jetzige Kinderförderungsgesetz gebunden, so Bischoff. Das sei ebenfalls ein Problem, das mit einer Novellierung des Gesetzes geklärt werden müsse.