Liebe geht durch den Magen. Das erfuhren die Teilnehmer der diesjährigen Valentinswanderung in Kalbe nicht nur anhand trockener Theorie. Zum wiederholten Male hatte der Tourismusverein Kalbe zu einer solchen Veranstaltung eingeladen. Die Beteiligung war mit etwa 20 Teilnehmern zwar recht überschaubar. Doch wurde für den einstelligen Obolus, der zuvor von jedem Wanderer zu entrichten war, doch einiges geboten.

Kalbe. "Hat´s zum Valentin gefroren, ist der Winter lang verloren." Diese alte Bauernregel, vorgetragen von der Kalbenser Sagenerzählerin Katharina (Elisabeth Ozminski), ließ die Teilnehmer der diesjährigen Valentinswanderung hoffen. Auf ein baldiges Ende der kalten Jahreszeit nämlich. Denn die machte am Sonnabendabend doch zu schaffen.

Zwei Tage vor dem eigentlichen Termin – erst heute ist schließlich der Tag aller Verliebten – hatte der Tourismusverein Kalbe zur traditionellen Veranstaltung eingeladen. Bei Temperaturen, die deutlich unter dem Gefrierpunkt lagen, setzte sich der Tross kurz nach 18 Uhr am Center-Hotel in Bewegung. Angeführt vom Schutzpatron aller Verliebten, dem Heiligen Valentin, in dessen Kostüm wie immer Jens Wede, Lebensgefährte der Tourismusvereins-Vorsitzenden Melissa Schmidt, steckte.

Doch bevor es so richtig losgehen konnte, wurde jedem Teilnehmer erst einmal ein Herz auf die Wange gedrückt. Im wahrsten Sinn des Wortes. Im Schein der Fackeln, die vor dem Hotel entzündet wurden, funktelten die kleinen Aufkleber, die da in jedem Gesicht hafteten, vor sich hin.

Und dann gab es auch schon den ersten Schnaps. Er sollte die Teilnehmer vor dem Start noch einmal so richtig durchwärmen. Lange hielt die Wirkung allerdings nicht an. Schon beim ersten Zwischenstopp, den der Tross am alten Friedhof einlegte, traten die ersten Valentinswanderer wegen der Kälte von einem Bein aufs andere. Auch Sagenerzählerin Katharina beklagte, dass sie nun ja ihre Handschuhe ausziehen müsse, um besser in ihrem kleinen Büchlein blättern zu können. Das enthielt nämlich neben Sagen und alten Bauernregeln auch Stichpunkte zur Kalbenser Stadtgeschichte. Mehr brauchte es für Katharina nicht, um umfassend darüber berichten zu können. Schließlich steckte unter ihrem historischen Gewand eine versierte Stadtführerin. Und die zeigte den Wanderern auf dem alten Friedhof die Gedenkstätte der Familie von Alvensleben, die die Entwicklung Kalbes über viele Jahrhunderte maßgeblich mitbestimmt hat. In Ermangelung von leuchtenden Straßenlaternen halfen eine kleine Taschenlampe und die lodernden Fackeln weiter.

<6>Sie leuchteten den Wande-rern auch den Weg durch den finsteren Roten Wall. Dieser führt direkt zur Kleinen Milde. Dort angekommen, zückte die Sagenerzählerin erneut ihr kleines Büchlein und erklärte die Tradition des Hopfenanbaus, die die Kalbenser im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) sogar mal vor einem Angriff der Franzosen bewahrt haben soll. Diese sollen nämlich die aus dem morgendlichen Nebel auftauchenden Hopfengerüste, immerhin Hunderte an der Zahl, für Lanzen und Bajonette gehalten – und vor dieser scheinbaren Übermacht Reißaus genommen haben.

Natürlich erläuterte die Sagenerzählerin auch, warum Kalbe die Stadt der 100 Brücken genannt wird. Diesen Namen hat sie den vielen kleinen Stegen über die Kleine und die Große Milde zu verdanken.

"Wir sind doch hier alle erwachsen"

Der Weg führte die Wanderer dann weiter an das zweitälteste Haus der Stadt. Es stammt von 1697 und gehört der Kalbenser Kräuterfee Ruth Schwarzer. Die empfing die Gruppe bereits an ihrer Haustier. Mit einem Korb voller Gewürze. Doch es waren nicht irgendwelche Kräuter, sondern solche, denen nachgesagt wird, sie hätten aphrodisierende Wirkung. So wie der Chilipfeffer. "Aber Vorsicht!", mahnte Ruth Schwarzer. "Der wirkt auf alle Schleimhäute. Das sollten Sie bedenken, wenn Sie dann hinterher den Partner anfassen", lachte die Kräuterfee und nahm alljenen, die sich ob dieser Worte ein bisschen genierten, den Grund für die Schamesröte: "Wir sind doch hier alle erwachsen", so Schwarzer. Nicht umsonst hieß diese Station der Wanderung "Gewürze – nicht nur für den Gaumen". Genau die fanden sich dann auch in jenem Kakaotrunk wieder, der den Teilnehmern wenig später im Landhotel Zum Pottkuchen kredenzt wurde.

Doch zuvor gab es erst noch einen Abstecher in die von unzähligen Kerzen erleuchtete Kirche St. Nikolai. Dort wurden die Teilnehmer der Valentinswanderung bereits von den vier aus Gardelegen, Laatzke und Seethen stammenden Musikschülerinnen Susanne Kremer, Charlotte Grabert, Camilla Metelka und Miriam Heckert empfangen. Mit ihrem mehrstimmigen Gesang sorgten sie für so manch wohlige Gänsehaut bei den Zuhörern. Und es sollte an diesem Abend nicht der letzte Auftritt der vier Mädchen bleiben.

Doch erst einmal ging es weiter zum Landhotel. An dessen Eingangstür wurden die Wanderer durch einen ganz besonderen Willkommensgruß empfangen. Die Inhaber Doreen und Stefan Quisdorf hatten Pralinés und kleine Flyer an das historische Holz gebunden. Jeder Gast konnte sich daran bedienen.

Und dann wurde sie serviert: Die Heiße Schokolade, bei deren Zubereitung Amor Pate gestanden haben soll. Doch erst einmal erzielte das Getränk vor allem eine Wirkung: Es wärmte auf. Doch auch der ausgezeichnete Geschmack ließ viele Wanderer ins Schwärmen geraten. Das Ehepaar Quisdorf, das die Gäste auf dem Hof des Hotels bewirtete, hatte zudem einen weiteren Liebestrank über offenem Feuer zubereitet. Er war natürlich nicht fertig aus der Glühweinflasche, sondern unter Anwendung ganz spezieller Zutaten in den Topf gegossen worden.

Damit gestärkt machten sich die Wanderer dann auf zur letzten Station des Abends: Das Café Friedenseck. Hier wurden sie nicht nur von Wirt Andé Tepper und seinem Team, sondern auch von Kartenlegerin Daniela Mettner erwartet. Die Frau aus Lübbars war einst von Melissa Schmidt und Jens Wede auf einem Mittelaltermarkt entdeckt – und sogleich für die Valentinswanderung engagiert worden. Wer wollte, konnte sich von ihr in die Tarotkarten blicken lassen.

Dazu erklang noch einmal der zauberhafte Gesang der vier Musikschülerinnen, die nun nicht nur ihre Stimmen, sondern auch ein paar Instrumente erklingen ließen. Und weil die Wanderer ja gelernt hatten, dass Liebe durch den Magen geht, konnten sie sich nun auch ihr ganz eigenes Liebesmenü à la carte auswählen.