Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Gardelegen. Zwei Schulrekorde an der Karl-Marx-Schule hält sie noch immer: "Speerwurf und Kugelstoßen", sagt Petra Müller und lacht. Und dann ist da noch dieses Foto in der Willi-Friedrichs-Sporthalle. Friedrichs, bekannter Sportler aus Gardelegen und Namensgeber der Halle, gibt den Startschuss, Klein Petra und Ute Buchheister stehen am Start.

Viel Sport habe sie früher gemacht, erzählt die 49-jährige Gardelegerin. Leichtathletik im Trainingszentrum, später Siebenkampf. Nun aber komme sie nicht mehr dazu. "Bestimmt 20 Mal" habe sie sich beim Volleyball angemeldet, sagt Müller – und fügt schmunzelnd hinzu: "Das wird."

Petra Müller stammt von der Küste, wurde am 6. Oktober 1961 in Wismar geboren – drei ältere Schwestern waren schon da. Doch schon mit einem Jahr zieht die Familie nach Gardelegen. Ihr Vater, Offizier bei den Grenztruppen, ist dorthin versetzt worden. Grundschule, EOS, Abitur.

Ihre Hobbys sind Sport und Literatur. Die will sie zum Beruf machen. An der Pädagogischen Hochschule Erich Weinert studiert sie Sport und Deutsch. Während des Studiums wird ihr erstes Kind Franz geboren. Vater Jörg Müller arbeitet in der FdJ-Initiative Berlin. Sie hatte ihn 1980 kennen gelernt – auf dem Sportplatz in Gardelegen.

Das Staatsexamen für Deutsch schon in der Tasche, erkrankt Petra Müller schwer. Das Studium könnte sie beenden – wenn sie Staatsbürgerkunde studieren würde. Das will sie nicht. "Meine Eltern, und Schwestern waren in der Partei. Ich habe vieles hinterfragt damals", erzählt Müller: "Veränderte Sichtweisen waren mir schon immer wichtig."

Müller hört mit dem Studium auf, arbeitet von 1987 bis 1989 mit geistigbehinderten gehörlosen Kindern in Uchtspringe, ihr Studium wird als Erzieherausbildung anerkannt. Zwischendurch arbeitet sie auch in Berlin, tauscht ihren Verdienst dort in 200 DM um und kauft sich einen Shell-Parka und eine Latzhose.

1988/89. In Uchtspringe wird Müller gefragt, SED-Mitglied zu werden, immer mehr ihrer Freunde stellen einen Ausreiseantrag. "Ich konnte nicht verstehen, dass die Staatsführung das alles negiert hat", erzählt sie. Das sei ihr "zu viel Heuchelei" gewesen.

"Mit einem Perlonbeutel" machen sich Petra Müller, ihr Mann Jörg (geheiratet hatten sie 1986) und Sohn Franz Ende September 1989 auf den Weg in den Westen. Die Eltern wissen davon nichts, nur eine Schwester ist eingeweiht. Mit dem Zug nach Prag, nachts mit dem Taxi zur Deutschen Botschaft. Petra Müller und Franz dürfen rein – ihr Mann muss draußen bleiben. "Das war total überfüllt", erinnert sich Müller. Vieles aus diesen Tagen hat sie verdrängt – ihr Sohn Franz aber erinnert sich noch daran, dass Leute auf den Treppen geschlafen haben. Nach nur drei Tagen dürfen sie ausreisen – mit Zügen über DDR-Gebiet. "Ganz krass" sei das gewesen: die Züge von innen abgeschlossen, die Fahrt durch die Heimat, das Einkassieren der Personalausweise durch Stasileute im Zug.

In Hof, auf dem Bahnsteig, steht Lothar Löffler, SPD-Fraktionsführer im Stadrat. Er lädt die kleine Familie ein. "Ich habe meinem Mann zugeflüstert: "Das ist bestimmt ein Pfarrer‘", erinnert sich Müller. Die Chemie stimmt, die Familie bleibt einige Wochen bei Löfflers, bevor Müllers eine eigene Wohnung beziehen. Jörg Müller findet Arbeit, seine Frau macht ein Praktikum an einer konfessionellen Schule für geistigbehinderte Kinder, wird als Lehrkraft übernommen, lernt viel, macht in Würzburg ihren Abschluss als Heilpädagogin – und hat Schwierigkeiten, einen Kindergartenplatz für Franz zu finden.

Endlich findet sei einen, in einem Kindergarten mit konfessioneller Bindung. Franz ist irritiert: "Die nageln Jesus ans Kreuz. Wer zieht die Nägel wieder raus? Das tut doch weh."

In ihrer Schule wird sie gefragt, wie es mit ihrer eigenen konfessionellen Bindung aussieht – das nämlich sei entscheidend für die Weiterbeschäftigung. Der örtliche Pfarrer bescheinigt ihr nach vielen Gesprächen, auf einem guten Weg zu sein. Das reicht. "Ich war damals mit einer Situation konfrontiert, die ich heute wieder erlebe", sagt Müller – und meint damit die Vorschrift kirchlicher Arbeitgeber, ausschließlich Menschen mit konfessioneller Bindung anzustellen. Das findet sie – und sie zögert ein bisschen – "diskussionswürdig".

1993 wird Sohn Konstantin in Hof geboren, ein Jahr später ziehen Müllers aus familiären Gründen zurück nach Gardelegen. "Keine einfache Entscheidung" sei das gewesen: "Ich hätte mir auch gut vorstellen können, da unten zu bleiben", sagt Müller. In Gardelegen erlebt sie dann "beredte Blicke", die alle eines sagen: "Hat wohl nicht geklappt im Westen." Sie habe bei all dem eher das Gefühl gehabt, "eine ganz spannende Zeit verpasst zu haben".

1994 beginnt sie, in der mobilen Frühförderung zu arbeiten. 1996 kommt Tochter Magdalena zur Welt. Der Weg zum Glauben findet seinen Abschluss: Petra Müller lässt sich gemeinsam mit Sohn Konstantin von Pfarrer Horst Dietmann taufen.

1999 wird sie Leiterin der integrativen Kindertagesstätte Arche Noah – eine Einrichtung in Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde. Ebenfalls 1999 steigt Müller in die Lokalpolitik ein, angesprochen vom damaligen SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Heinz Pyrr. Sie wird als Parteilose in den Stadtrat gewählt, setzt dann eine Legisalturperiode aus, weil sie in Berlin die Ausbildung zur Supervisorin absolviert, wird 2009 erneut in den Rat gewählt. Das Interesse für Kommunalpolitik hatte damals in Hof Lothar Löffler geweckt. Er hatte Müller mit zum Fraktionsstammtisch genommen, wo die junge Ostdeutsche Einblick erhielt in politische Themen und Abläufe.

Doch 2009 erkrankt Müller erneut schwer. Beide Erkrankungen haben ihr Leben verändert. "Ich bin ohnehin eine lebensfreudige Frau", erzählt Müller: "Das hat sich noch intensiviert. Ich freue mich auf jeden Tag, auf jeden Menschen, dem ich begegne, auf alle Unwägbarkeiten."

Freunde schätzen sie als Gesprächspartnerin, die zuhört, die einen herrlichen Humor hat und dabei auch gern mal über sich selbst lacht. Menschen, vor allem die Familie, sind ihr wichtig, die Gespräche, die Diskussionen, das Zuhören und das gemeinsame Lachen, Bewegung auch – und damit meint sie auch die Bewegung im Leben. Petra Müller liebt Literatur, Kino, Theater, feiert gern, genießt die Plauderstunden mit ihrer besten Freundin Mandy Zepig, die schon mal bis weit nach Mitternacht dauern können. Das alles – auch ihr Engagement für die evangelische Grundschule – würde aber nicht funktionieren, wenn ihr Mann Jörg daheim nicht so viele Aufgaben übernehmen würde, betont Müller.

"Entweder man lebt, oder man ist konsequent", sagt Müller und lacht. Und noch ein Satz gefalle ihr gut: "Wer nicht verrückt ist, ist nicht normal." Sie mag dieses Wortspiel: Etwas als verrückt, also etwas aus einer anderen Perspektive zu betrachten. "Ich mag verrückte Leute", sagt Müller.