Den Tag werden sie wohl nie vergessen: Vor genau einem Jahr brannte das Wohnhaus von Familie Grünthal in Algenstedt beinahe komplett aus. Am Jahrestag der Brandkatastrophe blickten sie am Montag nun zurück: auf ein Jahr voller schlimmer Erinnerungen aber auch auf ganz viel Hilfsbereitschaft und Anteilnahme.

Algenstedt. Sonntag, der 7. Februar 2010: Es ist etwa sieben Uhr morgens, als Bärbel Grünthal wach wird. Ungewöhnliche Geräusche sind der Grund dafür. Ein Knacken und Pochen. Zunächst habe sie gedacht, dass draußen jemand den Fußweg von Eis befreit, erzählt die Algenstedterin. Denn an ihr Schlafzimmer grenzt eigentlich nur ein unbewohnter Anbau. Aber noch etwas anderes ist ungewöhnlich: "Die Außenwand im Schlafzimmer war ganz warm." Und als sie kurz darauf das Fenster öffnet, wird ihr schlagartig klar, was gerade passiert: Denn draußen ist schon alles voller Rauch.

Bärbel Grünthal läuft sofort durch den Keller in den anderen Teil ihres Hauses. Dort wohnt Tochter Kathleen mit ihrem Mann Marcus Klipp und der siebenjährigen Lara. Und die weiß heute noch "ganz genau, wie es war", als ihre "Mama reingestürmt kam" und sie mahnte, sich ganz schnell anzuziehen. Bislang ist der Hausteil der jungen Familie nämlich noch nicht unmittelbar vom Feuer betroffen. Doch das soll sich kurz darauf ändern. Denn die Unterspannbahn auf dem Dach fängt Feuer und die Flammen breiten sich auf das komplette Wohngebäude aus.

"Gott sei Dank, dass wir alle draußen sind"

Glücklicherweise steht die Familie vollständig und unversehrt auf dem Hof. Bärbel Grünthal nur mit Schlappen an den Füßen. Aber das ist egal: "Ich habe nur gesagt: Gott sei Dank , dass wir alle draußen sind", erinnert sie sich. Tochter, Schwiegersohn und Enkelin. Alle sind da. Ihr Mann Werner ist zu dieser Zeit nicht zu Hause. Er ist in einer Reha-Maßnahme in der Kalbenser Median-Klinik und ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sein Elternhaus gerade abbrennt.

In Algenstedt haben in der Zwischenzeit bereits die Kameraden der Ortswehr begonnen, die Schläuche zu verlegen. "Zu dem Zeitpunkt haben wir alle noch gedacht, dass in zwei Stunden alles wieder gelöscht, und wir zurück ins Haus können", sagt Bärbel Grünthal. Denn jemand hatte den Rauch bemerkt und auch die Leitstelle bereits verständigt. Gardelegens Feuerwehr ist unterwegs. "Für die vereisten Straßenverhältnisse sind sie sicher auch sehr schnell da gewesen", ist Kathleen Grünthal überzeugt. "Aber es kam uns trotzdem wie eine Ewigkeit vor."

Für die junge Frau ist der Brand natürlich ein ebensolcher Schock wie für den Rest der Familie. Allerdings ist die Aufregung bei ihr nicht ganz ungefährlich, denn sie ist zu diesem Zeitpunkt im sechsten Monat schwanger. Neben ihrem klopft an diesem Morgen also auch noch ein ganz kleines Herz wie verrückt. Um ein Risiko auszuschließen wird sie ins Krankenhaus eingeliefert. Noch eine Sorge mehr für die Familie. Denn mittlerweile ist klar, dass der Brand mehr zerstören wird, als nur den Anbau. Am Ende brennt das Dach komplett ab und mit ihm die gesamte obere Etage. Und auch im Erdgeschoss ist fast alles kaputt. Was nicht den Flammen zum Opfer fällt, wird durch das Löschwasser zerstört oder arg in Mitleidenschaft gezogen. Vom Mobiliar und persönlichen Dingen der fünfköpfigen Familie bleibt nicht mehr viel übrig.

Und das muss Bärbel Grünthal einige Stunden später auch ihrem Mann beibringen. "Ich konnte das erst gar nicht glauben", erinnert sich Werner Grünthal. Was er dann kurz darauf mit eigenen Augen sieht, schockiert ihn dann doch. Noch zwei Nächte muss er in der Reha zubringen. Von Erholung kann da aber keine Rede mehr sein. Dem Praktiker in der Familie ist wohl zu diesem Zeitpunkt schon klar, wie viel Arbeit da auf alle zukommt.

"Wir waren erst einmal wie gelähmt"

Erst einmal "waren wir alle aber wie gelähmt", erinnert sich Kathleen Grünthal. Gemeinsam mit Mann und Tochter kommt sie zunächst bei den Schwiegereltern unter. Bärbel und Werner Grünthal ziehen zu ihrem Sohn nach Gardelegen. Plötzlich lebt der junge Mann wieder mit seinen Eltern zusammen. "Und das in einer Zweiraumwohnung", sagt Bärbel Grünthal und muss dann doch ein bisschen lachen, wenn sie sich erinnert, wie er sich nach der Nachtschicht durchs elterliche Schlafzimmer schlich, dass ja eigentlich sein Wohnzimmer war. Manches kann man eben nur mit Humor nehmen.

Und lächeln können auch alle in der Familie wieder, wenn sie an die unglaubliche Hilfe und Anteilnahme denken, die ihnen nach dem Brand entgegenschlug. An die Kindergärtnerin von Lara zum Beispiel, die die Kleine ersteinmal aus dem ganzen Chaos am Brandtag wegholt und mit zu sich nach Hause nimmt, an Nachbarn, die spontan ein Quartier anbieten oder die Feuerwehrleute versorgen. Da sind Menschen, die für die Familie eine Spendensammlung organisieren und Fußballer, die ein Benefizturnier ausrichten, da sind mitfühlende Worte und Angebote von überall her, da ist ein Möbelgeschäft, das der kleinen Lara ein komplettes Kinderzimmer spendiert und eine Wäscherei, die kostenlose Dienstleistungen anbietet. Da sind nicht zuletzt die Familienmitglieder; Grünthals Geschwister, die ohne zu zögern da sind – und da sind sogar Behördenmitarbeiter, die den Bauantrag der Familie zügiger bearbeiten als üblich, um den Wiederaufbau nicht noch länger hinauszögern. Denn der kann nach monatelangen Aufräumarbeiten erst im Sommer so richtig beginnen.

Allen Helfern sind die beiden Familie denn auch sehr, sehr dankbar, wie alle unisono versichern. "Das hat uns oft wieder Mut gemacht", versichert Werner Grünthal.

Für einen unter den vielen Helfern schlägt das Herz der kleinen Lara allerdings ganz besonders: Ein Feuerwehrmann, der noch einmal in das Haus zurückging, brachte nämlich nicht nur die Handtasche von Bärbel Grünthal mit raus, sondern auch die beiden kleinen Stoffhasen, die zu diesem Zeitpunkt noch in Laras Bettchen liegen und ohne die die Siebenjährige nicht einschlafen kann. "Ich habe auch ein Kind, ich kann das verstehen", habe der Kamerad gesagt, als ihn Bärbel Grünthal darum bat. Der kleinen Lara hat der Mann so wohl Riesenkummer erspart. "Für sie war es ohnehin am Schlimmsten", weiß ihre Mama.

Am Montag nun sitzt auf der Couch neben Oma und Opa, Lara und Kathleen Grünthal noch jemand, der zur Familie gehört: Der kleine Luis wurde im Juni geboren. Er hat gemeinsam mit seiner Mama zum Glück alles gut überstanden. Und das gilt wohl mittlerweile auch für alle anderen im Hause Grünthal/Klipp. Denn am Wochenende sind nach den Eltern nun auch die jungen Leute wieder in das Haus eingezogen.

"Das hat uns auch wieder Mut gemacht"

"Ich muss nur noch zwei Kisten auspacken", erzählt Lara stolz. "Sie ist wirklich glücklich, wieder hier zu sein", bestätigt ihre Mama. Und auch Bärbel und Werner Grünthal genießen es sichtlich, Kinder und Enkel wieder um sich zu haben. Auch wenn noch manche Türzarge oder Tapete fehlt.

Arbeit wird es in den nächsten Monaten auch noch genug geben. Aber vielleicht ist das auch gut so, denn die Erinnerungen an den Morgen vor genau einem Jahr, werden so nicht übermächtig. Denn "die Angst ist immer da", sagt Kathleen Grünthal. Obwohl mittlerweile fest steht, dass die Brandursache in einem elektrischen Fehler in der Hauptverteilung und nicht in der Verantwortung der Familie lag. Manchmal aber, wenn Kathleen Grünthal eine Sirene hört, den Geruch von verbrannten Steinen und Holz riecht, oder wenn Bärbel Grünthal an das unheimliche Knacken denkt, dass sie damals weckte, dann sind die Bilder wieder da.

Andere Bilder, Fotos der Familie, sind allerdings nicht mehr zu ersetzen. "Darüber sind wir sehr traurig", sagt die junge Frau. Dennoch: Am Montag schauen alle im Hause Grünthal/ Klipp schon wieder optimistisch in die Zukunft. Weil sie gesund und wieder beisammen sind, weil ihr Haus wieder aufgebaut wurde, aber auch, weil so viele Menschen in der Not an ihrer Seite standen. "Das" so sagt Bärbel Grünthal, "war schon ein richtig gutes Gefühl."