Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt in den folgenden Ausgaben täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Hottendorf. Bei Marcus Odewald piept‘s. Und zwar recht vernehmlich aus zwölf winzig kleinen Schnäbelchen. Zwei der puscheligen Küken holt er einfach mal kurz aus dem Käfig unter der Wärmelampe hervor. "Gestern sind sie erst geschlüpft", sagt er stolz. Und irgendwie hat das Bild was Symbolisches. Er sei ja wohl auch das Küken im Stadtrat, bestätigt Marcus Odewald schmunzelnd. Denn tatsächlich ist der Hottendorfer mit seinen 23 Lenzen der jüngste Ratsherr in Gardelegen. 208 Stimmen brachten ihm bei der jüngsten Wahl ein sicheres Mandat.

So richtig geglaubt habe er zunächst allerdings nicht an einen Wahlerfolg, gibt Odewald zu. "Im Endeffekt freut man sich dann aber natürlich doch, wenn so viele Menschen einem so jungen Bengel ihre Stimme geben." Und so ist er sich des Vertrauens auch sehr bewusst, das die Hottendorfer nun in ihn setzten. Angst vor der neuen Herausforderung hat Odewald deshalb aber nicht. "Angst ist dazu da, um überwunden zu werden", sagt er selbstbewusst.

Dass mit der Arbeit im Rat nun aber auch viel Zeit verbunden sein wird, wisse er selbstverständlich. Und die werde er sich auch nehmen, verspricht er. Obgleich Zeit nicht eben das ist, wovon er ausreichend zur Verfügung hat.

Denn da ist zum einen natürlich die berufliche Karriere. Als ausgebildeter Lebensmitteltechniker arbeitet Odewald seit 2006 in einem großen Unternehmen in Calvörde. Der Betrieb mit dem Mutterkonzern im britischen Brigdwater produziert in der Hauptsache Erfrischungsgetränke. In Sachen Saft könne ihm also so schnell niemand was vormachen, sagt Odewald lachend. Denn dessen Chemie, Verpackung und Vermarktung wurde schließlich auch zu seiner Fachrichtung, als er im vergangenen Jahr seine Industriemeisterprüfung in Koblenz ablegte. Der Lehrgang war übrigens selbst finanziert. "Eine Investition in die Zukunft", ist der 23-Jährige sicher. Und ein weiterer Zukunftsplan wäre dann noch ein Auslandspraktikum im englischen Stammbetrieb. "So was macht sich gut in jeder Bewerbung", sagt Odewald, der offensichtlich noch nicht am Ende seiner beruflichen Pläne angekommen ist. Ein junger Mann also, der unbestritten weiß, was er will.

Aber er ist auch einer, der weiß, was er hat. Die Familie zum Beispiel ist wichtig für ihn. Und auch seinem Heimatdorf ist er sehr verbunden. "Der Zusammenhalt ist einfach noch da bei uns", findet Marcus Odewald. "Hier werden die Türen nicht einfach abends zu- und morgens wieder aufgemacht." In den Dörfern gebe es viele menschliche Kontakte. Und so sei nach der Gebietsreform das Wichtigste für ihn, "dass die Dörfer nicht austerben".

Apropos Aussterben - "nein", eine Freundin habe er nicht, verrät Marcus Odewald. "Irgendwie habe ich dafür auch gar keine Zeit." Und wäre da nicht das verschmitzte Zwinkern hinter der schicken Brille, würde man ihm das fast glauben. Denn angesichts der zahlreichen Hobbys käme er einer Freundin gegenüber doch oftmals in arge Terminnot.

Schließlich ist die Kommunalpolitik nicht die einzige seiner Freizeitaktivitäten. Obgleich er auch dafür bereits einiges an Freizeit aufwenden muss. Odewald ist nämlich nicht nur im Ortschaftsrat von Hottendorf vertreten, sondern auch Kreisvorsitzender der Jungsozialisten (Jusos). Seit gut fünf Jahren sei er Parteimitglied, erzählt er. "Ich wollte mich politisch engagieren." Und die SPD "passte da am besten zu mir".

"Reingeraten" in die Politik sei er allerdings durch seinen Onkel (Ortsbürgermeister Fred Odewald) und den Vater (Gemeinderat Günter Odewald), erzählt Marcus. "Wenn die beiden diskutiert haben, habe ich immer zugehört", und irgendwann "dann eben auch einfach mal mitdiskutiert."

Familiensache ist bei den Odewalds in Hottendorf aber noch eine weitere Freizeitbeschäftigung. Denn Vater und Sohn teilen auch das Interesse an der Feuerwehr. "Auch da bin ich schon als Kind immer mitgelaufen", erinnert sich Marcus Odewald. Aus dem kleinen Mitläufer wurde schließlich ein aktiver Kamerad. Und der macht derzeit sogar die Ausbildung zum Gruppenführer. Zwei Wochen lang dauert der Kurs an der Feuerwehrschule in Heyrothsberge. Neben Vater Günter Odewald und Matthias Klaus wird Marcus Odewald nach dessen Abschluss der dritte Gruppenführer in der Hottendorfer Wehr sein. Angst um fehlende Führungskräfte müssen sich die Kameraden und Bürger also in Zukunft wohl nicht machen.

Und das gilt ebenso für die Hege und Pflege der angrenzenden Wälder. Denn vor fünf Jahren legte Marcus Odewald auch noch erfolgreich das grüne Abitur ab. Seither geht er regelmäßig auf die Pirsch. "Obwohl ich eigentlich mehr ein Schönwetterjäger bin", sagt er lächelnd. "Es kommt nämlich nicht oft vor, dass ich was schieße." Wann er das letzte Stück zur Strecke brachte, kann er deshalb auch noch ganz genau sagen. "Das war ein Wildschwein und zwar am 6. November im vergangenen Jahr." Aber eigentlich, so Odewald, sei es mehr die Natur, die ihn in den Wald locke. "Man kann zwar auch aus dem Stubenfenster gucken, wenn man Natur sehen will. Ich gehe aber lieber selber raus."

Und dazu passt dann auch wieder das nächste Hobby des 23-Jährigen. Denn mit dem Rennrad fährt er ebenfalls desöfteren durch Wald und Flur. "Rund 40 Kilometer" sind da eine normale Strecke." Passend, dass ein Naturfan wie Odewald im Ausschuss für Bau, Verkehr und Umwelt arbeiten wird. Seine Priorität liege hier natürlich auf letzterem, versichert der Hottendorfer.

Und natürlich wird er seinen Heimatort und die Dörfer im Allgemeinen nicht aus dem Blick verlieren, wenn er künftig dort, im Hauptausschuss und im Stadtrat den Finger hebt. "Die Vereine vor allem sind wichtig", weiß Odewald. "Die halten alles zusammen".

Im Verein übrigens ist er gemeinsam mit Vater Günter auch als Rassegeflügelzüchter aktiv. Die puscheligen Küken unter der Wärmelampe in Odewalds Stall sind nämlich keine einfachen Haus- und Hofhühner, sondern edle Italiener. Auch noch eine Familiengeschichte also. "Zusammen macht so was doch einfach mehr Spaß", findet Odewald.

Teamfähig ist er also auf jeden Fall, der jüngste Ratsherr von Gardelegen. Eine gute Voraussetzung für die Arbeit im neuen Gremium. Manchmal sind auch "Küken" nämlich ganz schön schlau.