Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Von Gesine Biermann

Gardelegen. Es gibt Jahreszahlen, die jeder mit geschichtlichen Ereignissen verbindet. 1939 ist eine davon. In diesem Jahr beginnt Hitler seinen Krieg gegen den Rest der Welt. In diesem Jahr wird Walter Thürer als Zweitjüngster von insgesamt sieben Kindern in Halle geboren. 1943 siedelt die Familie überraschend in das ostpreußische Dörfchen nahe Lodz über. Warum sie damals gen Osten zogen? "Ich weiß es nicht", sagt Thürer. An jenen schicksalhaften Tag zwei Jahre später, im August 1945, erinnert er sich indes noch genau: "Wir kriegten Bescheid: In sechs Stunden sollten wir aus der Stadt heraus sein." Der Vater wird abgeholt, die Mutter bricht allein mit ihren Kindern auf ins Ungewisse. "Ich weiß noch, dass mein kleiner Bruder ein rotes Kissen festgehalten hat", erzählt Thürer. Zwei Jahre alt ist der Jüngste damals. Thürer ist fünf. "Es war eiskalt, es lag Schnee", sagt er, "und überall sind die Menschen verreckt. Krieg ist das Schlimmste, was es gibt." Die Erlebnisse jener Zeit haben sich festgebrannt, in seinem Kopf. Noch heute sind die Bilder manchmal da, wenn er es gar nicht erwartet.

Erst ein Jahr nach Kriegsende findet die Mutter in Halle schließlich ihre die beiden ältesten Söhne wieder. Überlebt hat auch der Vater. Der jedoch bleibt im westlichen Teil des geteilten Landes. Die Familie sieht ihn nie wieder.

Dennoch schaffen es alle durch die folgenden Hungerjahre. "Damals", sagt Thürer, "waren wir tatsächlich arm. Manchmal gab es nur alle drei Tage etwas zu essen." Erst mit der DDR-Gründung sei das Leben einfacher geworden. Da geht er längst in Halle zur Volksschule. "48 Jungen waren wir in der Klasse", erinnert er sich. Trotzdem habe Disziplin geherrscht.

Und es ist denn wohl auch diese Zeit, die ihn fürs Leben prägt. "Denn wir hatten gute Lehrer damals", erzählt Thürer. Und als er Jahre später gefragt wird, ob er gern Lehrer werden würde - längst hat er Volks- und Mittelschule, sogar eine Lehre als Elektromonteur im Kali-Bergbau hinter sich - zögert er nicht lange, holt das Abitur nach und beginnt an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Halle schließlich sein Lehrerstudium in der Fachrichtung Mathematik/Physik, das er in Erfurt beendet. Ein sehr praxisbezogenes Studium übrigens: "Ehe ein Lehrer heute vor einer echten Klasse steht, vergehen doch Jahre", sagt Thürer. Damals seien Studenten schon im zweiten Studienjahr auf leibhaftige Schüler getroffen. "Manches war damals auch vernünftiger geregelt", sagt er.

Das Berufsleben für den jungen Pädagogen beginnt schließlich in Magdeburg. Dort heiratet Thürer eine Kollegin. Die Ehe, aus der zwei Töchter hervorgehen, hält indes nicht. 1980 zieht er dann zu seiner zweiten Frau nach Gardelegen und wird dort Direktor an der Karl-Marx-Schule. An diese Zeit erinnere er sich sehr gern, versichert Thürer: "Wir waren ein gutes Team." Auch wenn materielle Probleme damals allen das Leben schwermachten. Laufend war zum Beispiel die Heizung in der Schule kaputt. Improvisation stand deshalb auf der Tagesordnung. Sogar die Küchenfrauen waren Meister darin. Denn sie müssen zu dieser Zeit 1400 Portionen täglich kochen, "und zwar auch dann, wenn das bestellte Fleisch mal wieder nicht kam."

Mit Hochachtung denke er deshalb heute noch an seine Kollegen an der Schule zurück, sagt Thürer. Die allerdings verlässt er 1988. Die Abteilung Volksbildung macht ihn zum Schulinspektor, ein Jahr später zum Direktor des pädagogischen Kreiskabinettes, das die Lehrerweiterbildung organisierte. "Damals", erzählt Thürer, "mussten sich Lehrer mehrere Wochen im Jahr fortbilden". Neben der überbewerteten ideologischen Seite sei das fachlich, pädagogisch und didaktisch aber eine durchaus gute und sinnvolle Sache gewesen. "Und es war immer während der Ferien", fügt er zwinkernd hinzu.

Bis 1992 ist Thürer dort beschäftigt, kehrt nach der Wende wieder in seinen Beruf zurück, wird in Kalbe stellvertretender Direktor, unterrichtet bis 2003, geht mit 64 Jahren schließlich in Pension und ist seither - so gibt er lächelnd zu - "einer der Rentner, die niemals Zeit haben".

"Werden Sie bloß kein Rentner, da haben Sie mehr zu tun als je zuvor"

Das liegt natürlich auch an den zahlreichen Hobbys, die Thürer hat. Lesen zum Beispiel - hauptsächlich Naturwissenschaftliches und Geschichtliches - und Reisen gehört ebenfalls dazu; am liebsten allerdings ist dem 71-Jährigen ganz eindeutig sein Garten. Darin nämlich werkelt er so richtig mit Leidenschaft. Und zudem vollkommen ökologisch, denn chemische Pflanzenschutzmittel sind absolut tabu in der Thürerschen Oase hinter dem Haus.

Die Küche dagegen nicht. "Ich koche nämlich sehr gern", verrät Thürer. Und auch das bisschen Haushalt schultert er allein, hilft daneben sogar noch seiner Lebensgefährtin in ihrem großen Garten und übernimmt für ihre Enkelkinder dann und wann auch schon mal Chauffeurdienste. "Werden Sie bloß kein Rentner", sagt Thürer lachend, "da haben Sie mehr zu tun als je zuvor". Denn natürlich ist Thürer auch selbst schon längst Opa. "Sechs Enkel und sogar schon zwei Urenkel" gehören zu seiner Familie. Und alle sind gut geraten, stehen mit beiden Beinen im Leben. Eine Enkelin sogar auf Zehenspitzen - sie ist Tanzpädagogin an der Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden, erzählt Thürer stolz. Und so ist sein Leben tatsächlich ordentlich ausgefüllt.

Seit rund sieben Jahren erübrigt der Gardeleger neben der Physik, Mathematik, Historie, Touristik und Botanik allerdings auch noch einen großen Teil seiner Zeit für die Politik. Thürer ist seit 2004 Mitglied im Stadtrat. "Und ich habe Gefallen daran", versichert er. Für den neuen Rat der großen Stadt wünscht er sich vor allem, "dass wir uns so zusammenfinden, dass wir nicht nur die Interessen von einzelnen Gruppen durchsetzen". Ganz wichtig sei zudem, "sich erst einmal alles anzugucken".

Eben das kennen seine Stadtratskollegen von ihm auch nicht anders. Thürer nämlich ist einer, der gern alles mit eigenen Augen sieht. Oft war er in der Vergangenheit der einzige Stadtrat, der vor der Beschlussfassung "schon mal vor Ort war", um sich "ein Bild zu machen". So manches Mal bekamen seine Argumente in den Augen der anderen deshalb ganz besonderes Gewicht.

Und daran wird sich wohl auch künftig nichts ändern. Denn wann immer demnächst die neuen Ratskollegen aus den Dörfern die Belange der kleinen Ortschaften vertreten werden, kann Thürer sagen: "Ich war schon da, ich hab mir das schon mal angeschaut!" Denn er hat in den vergangenen Wochen tatsächlich alle Dörfer besucht. "Ich wollte einfach mal eine Vorstellung davon bekommen, welche Dimension die neue Stadt jetzt hat", sagt Thürer und betont: "Unsere Dörfer sehen übrigens alle gepflegt aus."

Dass das Pronomen dabei ganz selbstverständlich aus seinem Mund kommt, merkt er gar nicht. "Unsere Dörfer!" Bei mehr als der Hälfte seiner Ratskollegen dürfte er damit wohl einen Stein im Brett haben.

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