#NULL#Zylinder und Frack machen noch keinen Otto Reutter. Doch wer Meigl Hoffmann ins Gesicht guckt, stutzt aufgrund seiner Ähnlichkeit mit dem Gardeleger Original. Am Donnerstagabend zeigte er, dass er auch stimmlich nah an Reutter dran ist.

Von Philip Najdzion

Gardelegen. Schmunzeln, wippende Füße und lautes Lachen - Meigl Hoffmann bringt als Otto Reutter gute Laune in das Schützenhaus. Doch plötzlich ist es still. Hoffmann sitzt auf der Bühne. Ein Koffer steht neben ihm. Er holt einen Brief heraus: "Vom Kriegsministerium", liest er vor. Es ist die Nachricht vom Tod des Sohnes von Otto Reutter. "Hochachtungsvoll Müller im Auftrag" steht unter dem Brief, so kalt im Herzen und seelenlos wie Krieg nun einmal ist. Gefühlvoll zeigt Meigl Hoffmann die andere Seite des Lebemannes - die verletzliche, traurige und nachdenklich kritische. "Ich möchte erwachen im Sonnenschein und es soll alles wie früher sein", singt er mit trauriger, sanfter Stimme. "Er ruht in Frankreich, ich lebe noch heut\'." Es ist der emotionalste Augenblick des Abends. Kein Lachen, keine wippenden Füße mehr, die Mundwinkel des Publikums erstarren. Stille.

Doch dann Geschepper, Bahnhofskrach - der Zug fährt weiter ins Berlin der 20er Jahre. "Ich kann det Tempo nicht vertragen." Hoffmann singt von der schnelllebigen Zeit, dem Trubel und Lärm, den vielen wechselnden Damenbekanntschaften eines Freundes und nackten Frauen in den Revues. Da ist er wieder, der Lebemann Reutter, mit keckem Augenzwinkern und Berliner Schnauze. Und da sind sie wieder, die wippenden Füße, das Schmunzeln und das Lachen. Und da ist auch das Gefühl wieder, mitten in den 20er Jahren zu sein, im Wintergarten.

Schließlich Hoffmann im Frack: Die Hände hat er vor dem Bauch verschränkt. Schultern nach hinten, Bauch raus. Er bewegt sich kaum. Umso mehr fällt jede Mimik auf. Und sein Gesicht - er sieht dem jungen Otto Reutter so ähnlich. Er grinst, schmunzelt und spielt einfach souverän. Grandios erzählt er: "Ich hab zuviel Angst vor meiner Frau". Das Taschentuch zum Schniefen, die ängstlichen Blicke und immer wieder dieses Glitzern in den Augen, das zeigt: Hier hat es jemand faustdick hinter den Ohren.

Und dann die Sprache des frühen 20. Jahrhunderts. Im wahrsten Sinne ein Wortschatz. Denn wer ist heute noch "so verzückt"? Natürlich stets mit schnodderiger Berliner Aussprache gesprochen wie bei "Ick wundere mir über jar nischt mehr".

Eine gute Stunde kann sich das Publikum wie auf einer Zeitreise fühlen. Und dafür bekommt der Leipziger Künstler viel Applaus. Zum Schluss gibt es sogar eine Zugabe. Beim Überzieher läuft Hoffmann, der am Piano von Karsten Wolf begleitet wird, noch einmal zu Hochform auf. Ruckartig schaut er nach dem Überzieher, variiert das Tempo von schnell zu sachte und bringt die Menschen zum Lachen.

So auch Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD). Er hatte den Auftritt im Rahmen des Landtagswahlkampfes möglich gemacht. Etwa 90 Besucher kamen am Donnerstagabend zu seiner Kul-Tour. Bei dieser gab es neben dem Auftritt von Hofmann aber auch Politik - einen kurzen Videofilm und eine Gesprächsrunde mit Gardelegens Bürgermeister Konrad Fuchs und dem SPD-Landtagsabgeordneten und -kandidat Jürgen Barth.

Anschließend konnten sich alle wieder beim Auftritt Meigl Hoffmanns entspannen. Fuchs jedenfalls war von dessen Reutter-Interpretation begeistert: "Er ist der Beste."