Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Von Ilka Marten

Gardelegen. Ausschlafen, frühstücken, den Tag in Ruhe angehen - so könnte der Tag einer 70-Jährigen beginnen. Aber nicht der von Hannelore von Baehr. Stattdessen springt sie mit gemeinsam mit ihrem Mann Christian zur nächtlichen Stunde vertretungsweise auch mal als Zeitungsausträgerin ein. Stillsitzen ist nicht ihre Stärke, und wenn sie sitzt, dann stopft, strickt oder stickt sie.

Zu ihrem Hobby Hardanger-Sticken kam sie über einen Volkshochschulkurs, es war die Zeit nach der verlorenen Bürgermeisterwahl 2001. "Da hatte ich endlich Zeit dafür, ich wollte das lernen", sagt von Baehr. Inzwischen treffen sich 13 Frauen aus Wernitz, Gardelegen und Solpke alle zwei Wochen nachmittags bei ihr im Wohnzimmer ihres großes Hauses im Schlüsselkorb, in dem Hannelore von Baehr seit 1951 lebt. "Ich beköstige die Damen dann manchmal", fügt Ehemann Christian schmunzelnd hinzu.

Hannelore und Christian von Baehr, die sich aus Kindheitstagen kennen, heirateten am Freitag, 13. April 1963, in Gardelegen, erst im Standesamt, dann kirchlich in der Marienkirche. Die gebürtige Gardelegerin erinnert sich: "Wir hatten damals ein bisschen Schnee und ein bisschen Sonne." 1964 kam ihre Tochter Cathrin zur Welt, vier Jahre später Sohn Oliver. Das berufliche Leben von Hannelore von Baehr war abwechslungsreich: Nach dem Abitur absolvierte sie eine Lehre zur Gärtnerin, danach begann sie ein Studium als Heimerzieherin, das sie kurz vor Ende aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste. Als Heimerzieherin arbeitete sie dennoch, im Lehrlingswohnheim an der Isenschnibbe. 1963 stieg sie wieder in ihren alten Beruf ein, im Blumenladen auf dem Friedhof. Später wurde sie Abteilungsleiterin des Friedhofs- und Bestattungswesen - zunächst bei der Stadt, dann bei der Stadtwirtschaft.

1990 wurde sie Stadtdirektorin in Gardelegen, später erste Beigeordnete. Nach ihrer Kündigung durch den damaligen Bürgermeister Hartmut Krüger baute sie 1992 über eine Arbeitsmaßnahme den Kidclub am Jägerstieg auf. Von 1994 bis 2001 war sie Gardeleger Bürgermeisterin - eine Rolle, die sie liebte, in der sie aufging - ein Stück weit heute immer noch: "Ich bin jemand zum Anfassen und habe ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger. Ich möchte helfen, da wo Hilfe nötig ist." Auch wenn sie schon zehn Jahre keine Bürgermeisterin mehr ist, ist sie diesen Idealen treu geblieben. Ja, anstrengend seien die Jahre als Bürgermeisterin gewesen, auch weil sie keine Ausbildung im Verwaltungsbereich hatte und die Unterstützung einer eigenen Fraktion fehlte. "Es war von 0 auf 100", so von Baehr. Dankbar war sie damals für die Hilfe aus den Partnerstädten Gifhorn und Waltrop. Immer wieder traf sich von Baehr mit drei Pensionären aus der Gifhorner Verwaltung, "die mir unendlich bei so vielen Fragen und Problemen geholfen haben".

"Ich bin jemand zum Anfassen und habe ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger"

Ihr Blick zurück auf ihre sieben Jahre als Bürgermeisterin ist voller Genugtuung und wirkt in einigen Momenten verklärt, manchmal fast trotzig - auch, weil viele ihrer Sätze Kritik an ihrem Nachfolger Konrad Fuchs implizieren.

Hannelore von Baehr liebt die Natur, die frische Luft. Kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht mit ihrem Mann im kleinen Garten hinterm Haus oder in ihrem großen Gemüsegarten wirtschaftet. Als es so kalt war, fuhren beide oft in den Wald, um Brennholz zu sammeln. Davon brauchen von Baehrs eine Menge, nicht nur um den Kamin im Wohnzimmer zu heizen, sondern auch für die Sauna auf dem Hof, die einst Kaninchenstall war.

Kaninchen gibt es immer noch im Hause von Baehr, genau wie einen Kater, Hühner und eine Ente. Die sollte eigentlich Begleitung für einen Lauferpel sein, den ich geholt hatte, damit er die Schnecken wegfrisst, aber dann ist er plötzlich verstorben", erzählt die 70-Jährige.

Hat sie als Gärtnerin Lieblingsblumen? "Ja, die Gänseblümchen. Da habe ich schon als Kind immer Sträuße für meine Mutter zum Muttertag gepflückt, das war herrlich." Die Fensterbänke ihrer Wohnung schmücken viele Orchideen.

Seit Oktober hat von Baehr ein neues Hobby: Eisbaden. Zudem fährt sie regelmäßig Rad, geht zur Gymnastik, macht Nordic Walking, sucht gern Pilze, genießt Spaziergänge im Wald, löst Kreuzworträtsel, ist aktiv im Tourismusverein, und sie liest gern - zurzeit "Die Kastellanin" von Iny Lorentz. "Aber so ein Buch liegt immer länger bei mir, ich komme nicht so oft dazu", fügt sie fast enschuldigend hinzu.

Wenn die Zeit es zulässt, zieht sich Hannelore von Baehr zurück - und malt. Viele eigene, farbenfrohe Werke schmücken die Wände in den Wohnzimmern. Zum Urlaub kommt sie selten, "und wenn, wegen der Tiere nicht lange". Im April wird sie mit ihrem Mann vier Tage nach Süddeutschland fahren, um sich das Kloster Ettal und Schloss Neuschwanstein anzuschauen. 2010 machte das Paar eine Bus- und Schiffsreise zum Nordkap und den Lofoten. "Traumhaft", so von Baehr.

Aber jetzt ist erstmal kein Urlaub. Jetzt ist auch Stadtrat. Und auf die Arbeit im Stadtrat, in dem von Baehr seit 2005 für die Freie Liste sitzt, freut sie sich: "Das wird interessant."