Tierheimleiterin Petra Gewasda will mehr Geld für die Arbeit im Tierheim haben. Und sie droht der Stadt. "Wenn sich nichts ändert", sagt sie, "machen wir zum Sachsen-Anhalt-Tag zu. Dann soll die Stadt mal sehen, wie es ist, wenn hier überall Hunde und Katzen umherlaufen".

Gardelegen. Nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte ist das Gardeleger Tierheim in Not. Die Einnahmen reichten hinten und vorne nicht, die Arbeitskräftesituation sei genauso katastrophal, erklärt die ehrenamtliche Tierheimleiterin Petra Gewasda.

Genau bis gestern halfen noch drei Teilnehmer einer sogenannten Arbeitsgelegenheit (Ein-Euro-Job) in der Einrichtung mit. Ab heute sind deren Verträge mit dem VHS-Bildungswerk ausgelaufen. David Vogel sei einer von ihnen, sagt Petra Gewasda: "Er wollte gern weiterhin bei uns arbeiten, hat sich auch beim Arbeitsamt in Gardelegen nach einem Ein-Euro-Job erkundigt. Das wurde abgelehnt. Und wenn wir selbst beim Arbeitsamt anrufen", so Gewasda resigniert, "dann bekommen wir immer nur die Auskunft, dass wir nicht unterstützt werden".

Das jedoch sei nicht richtig, versichert Yvonne Papke, Pressesprecherin in der Agentur für Arbeit in Stendal. "Bei Vorliegen der Voraussetzungen" - die Arbeit muss wettbewerbsneutral, zusätzlich und von öffentlichem Interesse sein - "sind Maßnahmen im Tierheim möglich". Die Agentur für Arbeit vergebe allerdings selbst keine Ein-Euro-Jobs, sondern bewillige lediglich die Maßnahmen, die von Trägern eingereicht werden müssten - so wie die Maßnahmen, die noch bis gestern liefen. Und auch eine erneute Bewilligung solcher Maßnahmen sei durchaus möglich, so Papke: "Doch derzeit liegt uns vom Gardeleger Tierheim überhaupt kein Antrag vor."

Nicht möglich sei indes eine "Zuweisung ganz bestimmter, gewünschter Personen", erläutert Papke, auch wenn sich die Helfer noch so gut eingearbeitet hätten. Zudem dürften Ein-Euro-Jobber auch keine unmittelbaren Vereinsaufgaben, beispielsweise bei der Pflege der Tiere, Reinigungsarbeiten und ähnliches übernehmen. Mögliche Arbeiten im Tierheim seien indes die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Verhaltenstraining und Präsentation von Tieren oder die Erweiterung der Käfige und Gehege.

"Dafür würde ich gar nichts mehr machen"

Ein-Euro-Jobber mit solchen Aufgaben zu betrauen, hält Petra Gewasdas Salzwedeler Kollegin Bärbel Domke indes für eine "Utopie". Auch im Salzwedeler Tierheim kenne man die Vorgaben der Arbeitsagentur, bestätigt Domke. "ierpräsentationen? Öffentlichkeitsarbeit? Verhaltenstraining? Leute, die über Ein-Euro-Jobbs vermittelt würden, "haben doch schon zu tun, morgens um 9 Uhr pünktlich hier zu sein". Und eine Erweiterung der Käfige und Gehege? "Wie soll das gehen, wenn kein Geld da ist?", fragt Domke lakonisch.

Dabei erscheinen die Zuschüsse, mit denen die Salzwedeler Tierschützer jährlich rechnen können, für Gardeleger Verhältnisse paradiesisch. "90 Cent pro Einwohner" zahlt die Stadt Salzwedel jährlich, beziffert Jutta Domke. "Von Arendsee bekommen wir 75 Cent. Das ist natürlich alles viel zu wenig", versichert die ehrenamtliche Tierheimmitarbeiterin. Auch weil nach der Gebietsreform in Salzwedel keinerlei Anpassungen erfolgten.

Diese ist in Gardelegen zwar vorgenommen worden - die Stadt hat ihre für 2011 avisierten Zuschüsse bereits auf die neue Zahl von 24 000 Einwohner abgestellt -, allerdings muss das Gardeleger Tierheim mit einem Betrag von nur 50 Cent pro Einwohner auskommen. Und das auch nur, wenn der städtische Haushalt "zustande kommt", wie Bürgermeister Konrad Fuchs betont. Solange bleibt selbst die Summe von 12 000 Euro nur ein Verwaltungsvorschlag.

"Dafür würde ich gar nichts mehr machen", sagt Jutta Domke vom Tierheim Salzwedel. Und genau so will es jetzt auch Petra Gewasda halten. "Wir machen das nicht mehr", versichert sie im Gespräch mit der Volksstimme. Denn von den 12 000 Euro würden 6000 Euro für die Bezahlung einer Mitarbeiterin benötigt, so "dass wir von dem Geld ja nichts mehr bezahlen können", sagt Gewasda. Und die Rechnungen sind hoch. 2000 Euro Verlust habe das Gardeleger Tierheim 2010 gemacht, rechnet sie vor. Den rund 34 000 Euro Einnahmen aus Zuschüssen von Gardelegen (8000 Euro), Kalbe (7309 Euro) und dem Altmarkkreis (500 Euro pauschal gibt es jährlich aus dem Kreishaushalt für die "Inschutznahme von Tieren, die Haltern aus gesetzlichen Gründen abgenommen werden") sowie aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen standen im vergangenen Jahr rund 36 000 Euro Ausgaben gegenüber.

"Allein 19 757 Euro Tierarztkosten" seien angefallen, zählt Gewasda auf. Dazu kämen enorme Mengen Tierfutter und Katzenstreu, Heizungs- und Stromkosten. Neben den Sorgen um die fehlenden Arbeitskräfte seien die Tierschützer also immer in Finanznot. "Dabei schmeißen die überall so viel Geld raus", sagt Gewasda. Ihr falle da zum Beispiel das Thema Sachsen-Anhalt-Tag ein: "Und wir sollen mit 50 Cent pro Bürger auskommen?" Da mache sie eben das Tierheim kurz vor dem Sachsen-Anhalt-Tag zu, droht sie. "Ich weiß, ich habe so was schon öfter gesagt. Aber diesmal machen wir ernst." Erst wenn Hunde und Katzen überall auf den Straßen rumlaufen würden, würden die Verantwortlichen wohl merken, dass es so nicht weitergehe.

"Dabei schmeißen die überall so viel Geld raus"

Eine Meinung, die auch Jutta Domke vertritt: "Wir reißen uns hier als Tierschützer die Beine aus dem Hintern", schimpft die Salzwedelerin. Nur anerkannt würde das nicht. "Insgesamt rund 700 000 Hunde und Katzen hätte die Einrichtung in Salzwedel in den vergangenen 20 Jahren aufgenommen, versorgt und vermittelt", rechnet sie vor: "Stellen Sie sich mal vor, wie es wäre, wenn die alle noch auf den Straßen rumlaufen würden!" Zumal da auch "einige ziemlich gefährliche" Tiere dabei gewesen seien. Es seien eindeutig politische Entscheidungen, sprich die fehlenden kommunalen Zuschüsse, die die Tierheime "ruinierten, so Domke.

Wie hoch ein solcher Zuschuss sein muss, um kostendeckend arbeiten zu können, kann Dieter Lusznat, Leiter des Stendaler Tierheimes, für seine Einrichtung beziffern: "Wir bekommen 1,41 Euro pro Einwohner", so Lusznat auf Anfrage. Und zwar von fast jeder der neun Einheits- oder Verbandsgemeinden: "Damit kann man einen auskömmlichen Betriebsablauf organisieren."

Und das sehen anscheinend auch andere Kommunen so. Und zwar auch in Bezug auf das Gardeleger Tierheim. Denn die Einheitsgemeinde Kalbe zahlte bereits im vergangenen Jahr 10 309 Euro an die Einrichtung. Bei 7309 Euro sind das genau 1,41 Euro pro Kopf. Für dieses Jahr haben die Kalbenser sogar 13 000 Euro in ihren Haushalt eingestellt. Und das, obwohl sich die Gemeinde in der Konsolidierung befindet. Denn die Inobhutnahme der Tiere in ihrem Bereich sehe Kalbe als Pflichtaufgabe, so Bürgermeister Karsten Ruth auf Anfrage. Vor einiger Zeit habe sich die Kommune Angebote zur Absicherung dieser Aufgabe jeweils vom Gardeleger und Salzwedeler Tierheim machen lassen. Beide seien etwa gleich hoch gewesen. Gardelegen habe aber zudem einen 24-Stunden-Dienst angeboten. "Wir haben mit dem Gardeleger Tierheim einen guten Partner an unserer Seite", sagt Karsten Ruth. Warum Gardelegen nur 50 Cent für deren Arbeit zahle, kann er nicht nachvollziehen.

Nicht nachvollziehen kann indes Stendals Tierheimleiter Dieter Lusznat die Ankündigung der Gardeleger Kollegin, das Tierheim zu schließen. "So kann ich nicht verhandeln", betont er: "Mit Extremen kommt niemand weiter. Das A und O ist eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt." Und Lusznat sagt auch: "Wenn die nicht gegeben ist, dann kann man gleich zumachen." Genau das hat der Tierschutzverein Gardelegen/Klötze als Betreiber des Gardeleger Tierheimes offenbar vor.