Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme stellt täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vor.

Von Jörg Marten

Wannefeld. Er sei ein Mann, der sagt, was er denkt. Und genau so ist Gustav Wienecke den Wannefeldern bekannt - und seit einem Jahr auch den Gardelegern. In der Debatte um die Aufwandsentschädigungen hat Wienecke an vorderster Front Position bezogen für die finanzielle Anerkennung der Arbeit der Ortsbürgermeister - und er hatte dabei kein Blatt vor dem Mund genommen. Eine Offenheit, mit der nicht alle gut umgehen können. Manchen ist Wienecke zu direkt. Er weiß das. Stören tut es ihn nicht.

Am 31. Oktober 1950 wurde Gustav Wienecke in Solpke-Süd geboren. Sein Großvater war dort schon Bürgermeister. Seine Eltern haben dort einen Hof, der Vater ist Landwirt, seine Mutter, die Krankenschwester gelernt hat, hilft auf dem Hof. Ende der 50er Jahre muss der Betrieb in die LPG eintreten. Wenig später, 1960, stirbt sein Vater mit 40 Jahren. Gustav Wienecke ist da neun Jahre alt, sein älterer Bruder zehn, seine Schwester sechs, sein jüngster Bruder wird mit einem halben Jahr Halbwaise. "Meine Mutter war 29 Jahre alt damals", erinnert sich Wienecke. Auch sie wird früh sterben.

Gustav Wienecke besucht die POS in Solpke. "Ich war nicht immer ein Musterschüler", sagt er. Nach der achten Klasse ging er ab: "Ich musste in der Landwirt lernen." Wienecke lernt im Gardeleger Volksgut Isenschnibbe Agrotechniker, schließt die Ausbildung nach drei Jahren mit sehr guten Ergebnissen ab.

Es folgen drei Jahre bei der NVA in Prora auf Rügen. 1972 kehrt er zurück nach Solpke-Süd, bleibt der Landwirtschaft treu, geht aber in die Verwaltung. Im Rat für Land- und Nahrungsgüterwirtschaft beginnt er seine Arbeit als Jugendreferent, betreut später die Landjugend der LPG im Landkreis, betreut auch die Messe der Meister von Morgen, erstellt Jugendförderungspläne.

"Bei mir stimmen Worte und Taten noch überein. Wienecke ist ehrlich, das bleibt auch so"

Zehn Jahre arbeitet er anschließend im Kreisbetrieb für Landtechnik (KfL), war dort Vorsitzender der Betriebsgewerkschaftsleitung. In der Außenstelle des Staatlichen Forstbetriebes in Letzlingen arbeitet Wienecke im Fuhrpark, fährt Langholz ab aus den Wäldern.

"Mit der Wende wurde ich von heute auf morgen entlassen", erinnert er sich. Vier Wochen sei er arbeitslos gewesen, dann sei er aber "zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort" gewesen. Das Arbeitsamt, geleitet damals von Otto Volber, den er aus GST-Tagen kennt, vermittelt ihm eine Arbeit als Fahrer für ein Tabakvertriebsunternehmen. Am 1. August 1990 beginnt er seine Tätigkeit, macht noch eine kaufmännische Lehre. Nach drei Jahren wird er Tourenleiter. Den Wagen voller Zigaretten, fährt Nichtraucher Wienecke die Kundschaft im ganzen Land an. 2007 baut die Firma Personal ab. Nach 17 Jahren in ihren Diensten geht Wienecke in den Vorruhestand.

Es gibt auch so genug zu tun.

1977 war er aus Solpke-Süd nach Wannefeld gezogen. "Die Liebe hat mich hergezogen", erzählt er. Seither wohnt er im Elternhaus seiner Frau Annedore. Dort lebt das Paar gemeinsam mit Schwiegervater Rudolf Brühl (85) und Tochter Stefanie (22). Die arbeitet in der Personalabteilung einer Bäckerei. "Sie will hierbeiben", sagt Wienecke. Er kennt den Trend der Jugend abzuwandern, wegzugehen aus der Altmark. Er ist froh, dass seine Tochter bleiben will.

Schon in den 80ern engagierte er sich im Gemeinderat für die Gemeinde, blieb dort auch nach der Wende aktiv, wurde Nachfolger von Bürgermeister Eberhard Müller. Seit der Eingemeindung ist er Ortsbürgermeister.

"Ein schöne Aufgabe", sagt Wienecke: "Das füllt einen aus." Er sitzt am Tisch in dem Nebengebäude seines Hauses, inzwischen zum Partyraum ausgebaut, ein Raum, der auch sein Gemeindebüro war und noch immer ist, auch wenn er nun Ortsbürgermeister ist. Schön sei es, "wenn man den Bürgern helfen kann", sagt er. Und dann, ganz selbstverständlich, charakterisiert er sich selbst: "Bei mir stimmen Worte und Taten noch überein. Wienecke ist ehrlich, das bleibt auch so."

"Wenn es heißt, es geht zum Angeln, dann werde ich unruhig"

Ein Mann, der mit der Heimat und der Natur verwachsen ist. Er ist leidenschaftlicher Angler. An den Letzlinger Teichen wirft er seine Angel aus, am Mittellandanal geht er auf die Jagd nach Barsch, Zander, Wels, Hecht oder Karpfen. Doch die heimatlichen Gewässer reichen Wienecke nicht: "Einmal im Jahr fahren wir nach Rostock zum Heringsangeln." Wenn der Hering zum Laichen in die Brackgewässer kommt, wird Nachschub für die heimische Kühltruhe gefangen. 200 bis 300 Stück an einem Tag - dann geht´s ab nach Hause: Rollmops, Brathering, Matjes, Salat: "Ich mache alles selbst", erzählt Wienecke. Gesalzen wird mit groben Meersalz. Seine Frau begleitet ihn nach Rostock - doch die geht dann auch mal shoppen, erzählt er schmunzelnd. Neulich wollte seine Annedore mal das Salzen übernehmen. "Da habe ich gemeckert", sagt Wienecke: "Das mache ich selbst." Dann greift er nach dem Kuchenstück. Das hat seine Frau gebacken.

Zweimal im Jahr geht es raus auf die Ostsee: Dann wird die Hochseerute ausgeworfen, wenn Wienecke auf Dorsch angelt. "Gebratenes Filet, zart wie ein Schnitzel, also wunderbar", schwärmt Wienecke: "Wenn es heißt, es geht zum Angeln, dann werde ich unruhig." Draußen aber, in der Natur am Kanal, oft in Begleitung seiner Frau, dann kann er abschalten: "Da hört man die Natur."

Im Freien ist Wienecke gern: "Wir sind ja fast noch Selbstversorger", sagt er. Gemüse, Kartoffeln, Enten, Gänse, Kaninchen. In mehreren Gärten wird angebaut und geerntet. Dazu kommen 16 Hektar Wald, die Wienecke durchforstet: "Derzeit gibt es viel Bruchholz." Hinter seinem Haus hat er Brennholz für seine umschaltbare Holz- und Gasheizung gestapelt "Ich bin nur draußen", sagt Wienecke: "Bewegung ist das A und O."

Dienstags geht er zum Dienstabend der örtlichen Feuerwehr: "Zu 90 Prozent nehme ich daran teil", sagt der ausgebildete Maschinist. Seit er nicht mehr berufstätig ist, steht er der Wehr auch am Tage für Einsätze zur Verfügung.

Er sei ein sehr sozialer Mensch, sagt Wienecke über sich: "Ich kann schlecht Nein sagen." Er habe aber immer eine "offene Meinung" und sei auch "gern bereit, darüber zu diskutieren". Es sei aber "kein sturer Kopf", sagt der Wannefelder, sondern auch bereit zu Kompromissen. "Ich bin nicht so knallhart und sage: Bis hierher und aus."

Aber er ist ein Perfektionist: "Nur so halbe Sachen machen, da könnte ich ausflippen", sagt er: "Alles muss seine Ordnung haben. Was ich anfange, mache ich auch zu Ende." Und er fordere viel: "Was ich von mir verlange, verlange ich auch von anderen." Ja, sagt der Wannefelder, "ich bin direkt. Manchmal stoße ich damit an, aber ich bin damit immer gut gefahren."

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