Pfarrer Andreas Lorenz feiert heute Geburtstag - den 50. Für ihn selbst kein besonderer Geburtstag, sagt der Katholik. Dennoch feiert er ihn auf besondere Weise: mit einer Messe in der Gardeleger Kirche St. Michael. Dort erwartet der Priester Gäste aus dem gesamten Bereich seiner katholischen Pfarrei St. Hildegard - aber auch Angehörige und Wegbegleiter der vergangenen Jahrzehnte.

Gardelegen. Als er als 16-Jähriger einmal den Gedanken hatte, was er wohl als 50-Jähriger mache, lag die Antwort im Dunkeln. "Damals hatte ich keine großen Erwartungen, das war doch noch so weit weg", erinnert sich Andreas Lorenz. Doch der Blickwinkel hat sich geändert: Als Schüler habe sich der Vormittag im Klassenraum nur so hingezogen, "heute kommt es einem vor, als ob die Zeit viel schneller vergeht", sagt der gebürtige Oschersleber. Heute von 50 Jahre erblickte er dort das Licht der Welt als jüngster von drei Brüdern. Als der Abschluss der Polytechnischen Oberschule nahte, machte sich auch Andreas Lorenz so seine Gedanken über die Zukunft. Aufgewachsen in einer katholischen Familie und als Ministrant gut mit den Gottesdienstabläufen vertraut, sei ihm der Gedanke gekommen, Priester zu werden. Das wurde er dann auch - doch erst einige Jahre später. "Ich bin ein eher vorsichtiger Mensch", sagt Lorenz von sich, "also habe ich lieber erst einen Beruf gelernt." Denn in der DDR wäre ein Theologiestudium nicht anerkannt worden, wenn er nicht gleich im Anschluss als Theologe gearbeitet hätte. "Dann bin ich auf einen seltsamen Beruf gekommen", erzählt der Pfarrer: An einer medizinischen Fachschule wurde er zum Hygieneinspektor ausgebildet. "Wenn ich heute noch mal die Wahl hätte, dann würde ich wohl was Praktisches wie Elektriker oder Koch lernen", sagt der 50-Jährige.

Drei Jahre arbeitete Lorenz als Hygieneinspektor, von 1980 bis 1982 besuchte er die Abendschule und holte das Abitur nach. "Mit großem Erfolg. Ich war bald der Drittbeste", erzählt der Pfarrer - und fügt lächelnd hinzu: "Als wir nur noch drei Leute in der Gruppe waren." Dann leistete er eineinhalb Jahre seinen Dienst in der DDR-Armee, um das vor dem Studium zu erledigen.

Und dann nahm er das in Angriff, was er schon lange wollte: ein katholisches Theologiestudium. Nach einem einjährigen Sprachkurs in Schöneiche bei Berlin, in dem alte Sprachen wie Latein und Griechisch gelehrt wurden, studierte Andreas Lorenz ab 1985 neun Semester in Erfurt. Die Prüfungen fielen dann in die Wendemonate Ende 1989. "Das war für uns eine spannende Zeit", erzählt er. Die Prüfungen standen an, "da waren wir für jede Ablenkung dankbar". Eine Ablenkung etwa wie die, die Stasi-Zentrale in Erfurt zu bewachen, damit keine Akten vernichtet werden konnten. Ab und zu fahre er noch nach Erfurt und freue sich, wie sich die Stadt entwickelt.

Ab 1990 folgten mehrere Praktika, unter anderem in Magdeburg und Eisleben. Am 29. Juni 1991 wurde Andreas Lorenz in Magdeburg zum Priester geweiht - also kann er in wenigen Monaten auch noch 20 Jahre im Priesteramt feiern. Zeitz war die erste Stelle für den jungen Vikar, vier Jahre blieb er dort. Von 1995 bis 2000 war er in der Lutherstadt Eisleben eingesetzt, danach als Pfarrer in Alsleben und Güsen bei Bernburg.

Im Zuge von Umstrukturierungen führte es Andreas Lorenz im Oktober 2006 nach Gardelegen. Dort trat er in der katholischen Gemeinde die Nachfolge von Pfarrer Johannes Eisele an, der in den Ruhestand ging. Seit fünf Jahren ist er für die Katholiken aus den Regionen Gardelegen, Oebisfelde, Mieste, Klötze, Beetzendorf und Kalbe zuständig. Seit vergangenem Jahr gehören sie alle zur neuen Pfarrei St. Hildegard. Anfangs habe er sich an den Namen erst gewöhnen müssen, räumt der Pfarrer ein, doch mittlerweile gefällt er ihm sehr gut. Auch, weil er Stoff für ein Sprachspiel bietet: Hilde-Gard-elegen.

"Gardelegen war eine Entdeckung für mich"

"Gardelegen war vor fünf Jahren eine Entdeckung für mich. Es ist wirklich eine Top-Stadt", sagt Lorenz, schränkt aber ein: "Eine Perle, die keiner kennt." Im Norden Sachsen-Anhalts fühlt er sich wohl, auch wenn er sagt: "Die Altmark ist schon was Eigenes." Die Landschaft hat es ihm angetan. Früher hat er sie oft mit dem Fahrrad erkundet, "das müsste ich wieder mehr machen", sagt Lorenz und legt schmunzelnd die Hand auf den Bauch.

Der Pfarrer lacht gern - auch über sich. Dass er nicht alles so verbissen sieht, zählt er zu seinen Stärken, ebenso seine Toleranz. Was ihn hingegen ärgert, ist "dummes, unqualifiziertes Gequatsche".

Dass es ihm in Gardelegen so gut gefällt, hat auch mit den Männern und Frauen in seiner Pfarrei zu tun: "Ich habe das Gefühl, dass ich gut angenommen bin." Er bekomme viel Hilfe in der Gemeinde.

Was er in der Weite der Altmark und seiner Pfarrei für sich entdeckt hat, sind Hörbücher. Bei den Autofahrten oder Spaziergängen mit Hündin Sara - vor zehn Jahren war er von einem Tag auf den anderen zum Haustier gekommen, weil ein älteres Ehepaar wegen einer Allergie Sara nicht mehr behalten konnte - hört er Historisches, Krimis oder Reportagen. Fast immer hat er den MP 3-Player dabei, lädt sich aus dem Internet regelmäßig Neues herunter. Sein erstes Hörbuch war eines über Käpt\'n Blaubär, gesprochen von Dirk Bach. Musik hört er zwar auch, manchmal Klassik, doch zur Unterhaltung bevorzugt er das gesprochene Wort. Musikalisch sei er nicht, räumt Lorenz ein. Aber wenn er es wäre, dann würde er Akkordeon spielen.

Viel Fernsehen schaut der Pfarrer nicht, "aber missen möchte ich den Fernseher auch nicht". Denn interessante Reportagen schaut er gern. Auch über Reisen. Erst vor ein paar Tagen waren Andreas Lorenz und ein Freund in Rom. Aber eher durch Zufall. Geplant war eine Reise nach Ägypten, schon lange ein Wunsch des 50-Jährigen. Doch die Unruhen durchkreuzten die Pläne. Bei der Internetsuche nach einer preiswerten Alternative stieß Lorenz auf Rom. Vor 17, 18 Jahren war er schon einmal dort - und auch diesmal kehrte er begeistert zurück. Zur Papstaudienz habe er es zwar nicht geschafft, aber bei einem Gebet habe er aus der Ferne den Heiligen Vater gesehen. Doch auch so gab es ausreichend zu sehen in der Ewigen Stadt. Ägypten steht weiterhin auf der Liste der Wunschreiseziele, aber auch Israel und China. Ganze Regalzeilen im Pfarramt sind gefüllt mit Reiseliteratur, darunter viele Geo-Ausgaben.

Über Rom wird er heute Abend sicher auch den Gratulanten erzählen. Denn nach der Messe in der St. Michaelskirche wird im Schützenhaus gefeiert. "Ein Programm muss es nicht geben. Ich sehe so einen Geburtstag als Begegnung, als gute Gelegenheit zum Wiedersehen - einfach zusammensitzen und erzählen." Zuvor aber gestaltet er selbst die Messe zu seinem Geburtstag. Eine exakt ausgearbeitete Predigt wird er auch heute nicht haben. "Ich mache mir nur Stichpunkte und versuche, frei zu sprechen."

Für ein Interview im Gemeindebrief danach gefragt, wer er gern für einen Tag sein würde, zitierte Andreas Lorenz Reinhard Mey: ",Es gibt Tage, das wünscht\' ich, ich wär mein Hund.\' Wäre mal ein neuer Blickwinkel."