Es war eine Lesung, in der eigentlich gar nicht so viel gelesen wurde. Trotzdem lernten die Jungen und Mädchen der zweiten Klasse aus der Estedter Grundschule gestern den Helden aus Tina Kemnitz\'s Buch prima kennen. Der nämlich spielt gern mit Sachen, die manchmal gar nicht so zum Spielen taugen. Dafür aber mit viel Fantasie. Und die haben die Estedter Schulkinder natürlich auch.

Estedt. Andere Schriftsteller bringen nur ihr Buch mit, wenn sie zu einer Lesung fahren. Kinderbuchautorin Tina Kemnitz hatte gestern zusätzlich ihren halben Hausstand dabei: Toilettenpapier und einen Knopf, eine Kerze, Waschlappen und Besteck, einen Klobürste oder Zahnpasta.

Ihr Buch "Kaspar Dreidoppel" hatte sie aber natürlich auch im Gepäck. Der nämlich, so versicherte Kemnitz den Kindern, die ihr gespannt in der Estedter Bibliothek gegenübersaßen, "spielt am liebsten mit solchen Sachen". Zum Beweis hatte die Besucherin sogar eine Tonaufnahme von Kasper dabei. Sie hatte Kaspar beim Spielen wohl heimlich belauscht. Und da hatte sich der Bursche doch tatsächlich einen Hammer, eine Zeitung, ein Weinglas und ein Ei zum Spielen ausgesucht.

Dass die Zweitklässler dies alles allein beim Zuhören errieten, ließ die Autorin dann ordentlich staunen. Schließlich gehöre mächtig viel Fantasie dazu, versicherte sie den Kindern. Doch genau um die ging es der fröhlichen Autorin natürlich. Denn wer Fantasie hat, braucht ja vielleicht gar keinen Computer. Obwohl sich auch ihr Kaspar im Kinderbuch genau so einen ganz dringend wünscht, wie die Kinder dann aus ihrem Buch erfuhren.

Doch Kaspers Mutter hat nicht so viel Geld. Sie nämlich zieht ihren Sohn allein groß. So muss Kaspar leider auf vieles verzichten; auch auf eine Geburtstagsparty oder eine Urlaubsreise. Eben deshalb flüchtet der schließlich auch immer wieder in eine Fantasiewelt.

Und in die nahm Tina Kemnitz die Jungs und Mädchen gestern einfach mit: Die Bibliothek verwandelte sich in eine Theaterbühne und die Kinder in Schauspieler, ein Waschlappen war da plötzlich "Kommissarin Olga" und die "natürlich unbenutzte" Klobürste wahlweise ein "voll krasser Typ mit Igelfrisur" oder auch ein Mikrophon. Und das aus einer einfachen Haushaltskerze lediglich das "Opfer M." wurde, passierte nur, weil ihren kleinen Assistenten nicht ganz so schnell ein coolerer Name für die Kerze einfiel.

Immer zwischendurch las Tina Kemnitz, die übrigens nicht nur Bücher schreibt, sondern auch eine studierte Sprechwissenschaftlerin und außerdem selbst Mutter von zwei Kindern ist, den Estedter Schülern dann mal wieder ein Stück aus Kaspar Dreidoppels Abenteuern vor. So dass die Lesestunde am Ende viel zu schnell vorbei und so mancher der Jungs und Mädchen fast ein bisschen traurig war, dass der neue Freund aus dem Kinderbuch nicht selbst in ihre Klasse geht.

Was ihnen der Held in ihrem Kinderbuch gestern Vormittag allerdings beibrachte - und Tina Kemnitz mit ihrer fröhlichen, ausdrucksstarken und unkomlizierten Art natürlich auch - können sie ja nun auch zu Hause ausprobieren. Und dabei mit verwandelten Waschlappen oder Kerzen vielleicht die eine oder andere Stunde ohne PC und Elektronikspiele, dafür nur in ihrer eigenen Fantasiewelt verbringen. Für alle anderen kommt Tina Kemnitz bestimmt bald mal wieder in Estedt vorbei.