Am 28. November wurde in Gardelegen ein neuer Stadtrat gewählt. Die Volksstimme hat in vergangenen Wochen täglich einen der 36 Ratsherren und Ratsfrauen vorgestellt. Mit dem heutigen Teil endet die Serie.

Von Gesine Biermann

Gardelegen. "Ich muss zugeben, ich bin ein bischen aufgeregt", sagt Mandy Zepig schelmisch. So ein Porträt sei ja eine persönliche Geschichte, da habe sie natürlich vorher schon mal ein bisschen über sich nachgedacht. Und mit vertrauten Menschen gesprochen. "Mit Oma" zum Beispiel. Und die habe gemeint: "Kind, Du kannst ruhig sagen, dass Du früher mal Gruppenratsvorsitzende warst." War sie nämlich tatsächlich, verrät Mandy Zepig und lacht. Und Pionier war sie natürlich auch. Und stolz darauf. "So!" Und sie hat kein bisschen vor, sich dafür zu schämen. Schließlich wuchs sie - im Juni 1975 geboren - in der DDR auf. "Und ich hatte eine total glückliche Kindheit." Im Urlaub sei sie mit den Eltern und der kleinen Schwester an die Ostsee gefahren. "Und ich habe überhaupt nichts vermisst", sagt sie. Im Gegenteil. Die Erinnerungen an ihr Elterhaus in Hottendorf, an die Großeltern, die immer auch Bezugspersonen waren, haben auch heute noch einen großen Stellenwert für sie. Und auch jene an die Schulzeit in Jävenitz. Geografielehrer Dieter Hetebrüg ist damals Schulleiter an der POS. "Den fand ich super."

Die Mitgliedschaft in der Pionierorganisation war damals selbstverständlich. Spontan fällt ihr dazu allerdings eine drollige Geschichte ein: 1986 habe sie vor dem Kreistag nämlich eine Rede halten sollen, erzählt Zepig. Da ist sie elf. Das Thema: Altstoffsammlung. Einst Ehrensache für jeden Pionier. Im Kreistag sagt sie dazu also: "Ich wusste gar nicht, dass es in der DDR so viele Flaschen gibt." Die Lacher hatte sie auf ihrer Seite. Den Zeitungsartikel über ihre Rede "hat meine Oma heute immer noch."

Die geliebte Oma indes bleibt 1989 in Hottendorf zurück, als die Familie das Land verlässt. Die Eltern flüchten mit den Töchtern über die Prager Botschaft in die Bundesrepublik. In Bayern finden sie Arbeit. Doch schon nach Öffnung der Grenzen kehrt die Familie zurück nach Hottendorf. Den Ausschlag dazu gibt Tochter Mandy. Sie fährt nach dem Weihnachtsbesuch bei der Oma einfach nicht mehr weg. Zum einen hat sie Heimweh, "hier waren schließlich meine ganzen Freunde", zum anderen gefällt es ihr an der westdeutschen Schule nicht sonderlich. Und auch hier fällt ihr spontan eine Episode ein: Der Geografielehrer im Westen hatte sie damals ein bisschen hochnehmen wollen, erzählt sie, stellte das DDR-Mädchen vor die USA-Karte und ließ sie Fragen dazu beantworten. "Der wusste scheinbar nicht, dass wir den Klassenfeind besser kannten, als die." Die Anworten zur Topografie der Vereinigten Staaten kamen - "Dieter Hetebrüg sei Dank" - prompt. Der Lehrer im Westen staunte wohl nicht schlecht.

Und schließlich fällt ihr auch gleich noch ein anderer Lehrer ein, wenn sie so zurückdenkt. Einer, dem sie letztendlich zu verdanken habe, dass sie einige Zeit später im Gardeleger Gymnasium tatsächlich beginnt, die Klassiker der Literatur zu lesen - vielleicht auch als Ausgleich zum Mathe-Leistungskurs: "Ich weiß heute noch nicht, wie ich das geschafft habe", sagt Zepig. Ihr Deutschlehrer Karl-Heinz Eigl indes zeigt ihr die große Literatur. Die Liebe dazu hat bis heute gehalten. Derzeit liegt auf ihrem Nachttisch zum Beispiel Homers "Ilias".

"Ich finde es nicht gut, wenn man sich in die Tasche lügt"

Dennoch ist es nicht die Literatur, die nach dem Abitur zu ihrem beruflichen Lebensinhalt wird. "Ich wusste von Anfang an, dass ich Jura studieren will", sagt Zepig. "Irgendwie hatte ich es nämlich schon immer mit der Gerechtigkeit."

Und so stellt sich das Studium an der Martin-Luther-Universität in Halle denn auch beruflich als genau das Richtige heraus, das "Dorfmädchen" allerdings steht vor ganz unerwarteten Problemen. "Da kommt man plötzlich in die Großstadt und muss mit Fahrkartenautomaten und so was umgehen", sagt Zepig und lacht, "zu Anfang habe ich wohl ziemlich oft zu Hause angerufen. Aus der Telefonzelle."

Doch schließlich ist das "Dorfmädchen" eine Frohnatur. "Und wir waren eine gute Truppe", erinnert sie sich an die Studienkollegen. Viele neue Freude stehen in ihrem Adressbuch, als sie 2001 wieder in die Altmark zurückkommt. Fünf Jahre Studium und eineinhalb Jahre Referendariat liegen da hinter ihr.

Nach dem letzten halben Jahr ihrer Referendariatszeit bekommt sie schließlich eine Anstellung in einer Gardeleger Anwaltssozietät, in der ein gewisser Norbert Zepig einer der Partner ist. Und wie das Leben - in diesem Fall wohl vor allem die Liebe - so spielt, wird aus der beruflichen Partnerschaft auch eine persönliche. Wunschkind Amelie wird 2004 geboren. "Unser Wossi", sagt Mandy Zepig zwinkernd. Denn ihr Mann - 2009 heiratete sie ihren "Chef" - kommt aus den alten Bundesländern. "Funktioniert aber prima", versichert die einstige Gruppenratsvorsitzende fröhlich. "Auch wenn wir mal zu manchen Themen andere Auffassungen haben". Doch ihr Mann Norbert liebe das Leben hier im Osten sehr. "Und auch meine Familie und unseren Umgang miteinander." Denn Eltern und Schwester inklusive der geliebten Oma - die heute genau so gern Urenkelchen Amelie betreut, wie damals ihre Enkeltöchter - spielen eine große Rolle in ihrem Leben. "Unser Familienzusammenhalt ist immer noch sehr groß", sagt Zepig. Das sei ein gutes Gefühl, nach wie vor.

Gut fühlt sie sich aber auch, wenn sie politisch etwas bewegen kann. "Mein Hobby ist der Stadtrat", sagt sie spontan, befragt nach ihren Freizeitbeschäftigungen.

Auf die leichte Schulter nimmt sie das "Hobby" aber natürlich nicht. Gute Vorbereitung auf Stadtrats- und Ausschusssitzungen sind für sie selbstverständlich, ihr echtes Interesse an den lokalpolitischen Themen offenkundig, ihre kritischen Nachfragen sprichwörtlich. Politik ist eben nicht immer bequem. "Dafür aber spannend", wie Mandy Zepig findet. Schon weil die Menschen so verschieden seien. Und das nicht nur, weil sie unterschiedlichen Parteien angehören.

Aber Parteien seien ohnehin in der Kommunalpolitik nicht ganz so wichtig, sagt Zepig. Seit 2000 ist sie Mitglied der SPD. Seit 2006 SPD-Fraktionsvorsitzende. Gute Gesprächspartner finde sie aber durchaus auch in den anderen Fraktionen, versichert die Anwältin. Gespräche indes lohnten sich auch unter Politikern nur, "wenn jeder weiß, wovon er redet". Falls sie das mal nicht von sich sagen könne, halte sie sich persönlich lieber an den bekanntesten Spruch von Mario Barth, so Zepig augenzwinkernd. "Ja, genau an den."

Und was mag sie noch nicht, außer Leute, die reden, obwohl sie von der Materie keine Ahnung haben? Zepig überlegt kurz. "Ich finde es nicht gut, wenn man sich in die Tasche lügt", sagt sie. Menschen sollten auch sich selbst gegenüber ehrlich bleiben. Und was dagegen mag sie, die quirlige Stadträtin? Handarbeiten vielleicht? "Naja", sagt Zepig, "ich habe vor kurzem einen Puppenschal gehäkelt. Zählt das?" Aber dann fällt ihr doch noch was ein: Reisen stehen nämlich ganz hoch im Kurs, Lesen "klar" und nicht zuletzt die Arbeit im Förderverein der evangelischen Grundschule. "Das war trotz all des Widerstandes eine gute Sache, dass wir diese Schule ins Leben gerufen haben. Und dann haben natürlich auch Freundschaften einen hohen Stellenwert bei der 35-Jährigen, gute Gespräche mag sie, gemeinsam Lachen sowieso, lebhafte Diskussionen über Gott, die Welt und "natürlich" über Politik.

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