Sie machen Theater für junge Leute. Lustige Stücke, aber auch nachdenkliche. Sie beziehen ihr Publikum mit ein, stellen Fragen und lassen die Jungs und Mädchen sogar mitspielen. Auf der Bühne indes wird nur Englisch gesprochen. Eine tolle Erfahrung für die Schüler der Gardeleger Karl-Marx-Schule.

Gardelegen. Eine herzensgute Mutter, eine clevere Tochter und zwei dusselige Söhne, dazu ein Drache und eine Bettlerin - die Figuren, die sich gestern in der Aula der Gardeleger Karl-Marx-Schule tummeln, sind irgendwie vertraut. Und das ist kein Zufall. Autor Peter Griffith hatte sich offiziell von den Gebrüdern Grimm motivieren lassen. Und so können die Jungs und Mädchen, auch wenn sie vielleicht nicht jedes Wort verstehen, doch zumindest kombinieren, was da so alles passiert.

Und es passiert allerhand auf der improvisierten Bühne. Vor allem aber ist es lustig, was die vier Engländer erzählen. Algernon und Marmaduke, die beiden selbstbewussten Jungs, die gleich zu Beginn des Märchens losziehen, um ihr Glück zu machen, sind nämlich so richtig schön tolpatschig. Selbst der böse Dragon (engl. für Drache) ist irgendwie niedlich anzuschauen, und der listigen Bettlerin merken sogar die jüngsten Zuschauer aus der fünften Klasse allein an ihrer Mimik an, dass sie unter ihren Lumpen vermutlich gar nicht so friert, wie sie behauptet.

Denn schließlich friert sie auf Englisch - "I\'m so cold" -, und auch die eitlen Jungs sind eben auf Englisch eitel und nicht auf Deutsch. Doch ihr synchrones "We are so good looking", verstehen die Kinder prima und lachen laut über Samuel Griffiths und Hamish Stansfeld, die in den Kostümen der beiden selbstverliebten Brüder stecken. Und Lachen klingt sowieso in jeder Sprache gleich.

Doch sind es zu Beginn noch ausschließlich die lustigen Passagen, die die Fünft- bis Siebtklässler bei der Stange halten, so verfolgen sie mit fortlaufender Handlung immer aufmerksamer, wie die Geschichte nun weitergeht. Irgendwie haben die vier Muttersprachler sie plötzlich bei ihrem Ehrgeiz gepackt. Sie wollen verstehen, nicht nur sehen, was da vor sich geht.

Und ein bisschen haben sie sich wohl mittlerweile auch an deren Aussprache gewöhnt. Die nämlich klingt doch irgendwie anders, als wenn ein Deutscher Englisch spricht. Zudem sprechen Samuel und Hamish - genau so wie ihre beiden Schauspielkolleginnen Jane Crawshaw und Victoria Blunt - besonders deutlich. Und fragen auch schon mal nach, wenn sie vor den Kindern stehen: "Do you remember my name?", will die Mutter der beiden Tolpatsche da zum Beispiel bei ihrem zweiten Auftritt von den Zuschauern in den vorderen Reihen wissen. Und nach einem erschrockenen "Nö", kommt dann doch die richtige Antwort. Und zwar auf Englisch: "You are Miss Grump."

Und als beinahe rund eineinhalb Stunden später das Theaterstück zu Ende ist und die Schüler die Schauspieler mit einem lauten Applaus verabschiedet haben - dass vielleicht noch eine Zugabe erklatscht werden könnte, wissen sie in diesem Alter vielleicht noch nicht -, bleiben viele der Jungs und Mädchen einfach noch da, lassen sich von Jane, Victoria, Hamish oder Samuel Autogramme auf ihre Schulhefte oder auch mal auf den Arm geben und plaudern sogar noch einige Minuten mit den jungen Schauspielern des White Horse Theatres, versichern, dass ihnen das Stück gefallen hat und fragen auch noch dies und das. Wieder in Englisch. Denn die vier sprechen tatsächlich fast kein Wort Deutsch. Das zumindest versichert Jane Crawshaw den Kindern, die sie danach fragen, und dann lacht sie fröhlich. Grund genug dazu hat sie. Schließlich ist sie die Heldin und hat gerade den bösen Drachen besiegt und ihren Brüdern eine Lektion erteilt.

Ihre nächste Lektion - oder besser "next lesson" - im Englischunterricht werden die Karl-Marx-Schüler demnächst wohl auch mit anderem Interesse verfolgen als gewöhnlich. Denn das Stück habe ihnen sicher vermittelt, "was für ein schönes Gefühl es ist, wenn man Englisch versteht", ist sich Englischlehrerin Uta Preuß sicher.

Lena-Marike Landmann aus der sechsten Klasse jedenfalls konnte "ganz schön viel" verstehen, Fünftklässler Kevin Ziegenbalg "das meiste" und sein Klassenkamerad Robin Meinka sogar "alles".

Die vier Schauspieler freut das natürlich besonders. Denn dasselbe haben sie gleich noch einmal vor an diesem Vormittag. Für die achten bis zehnten Klassen haben sie nämlich auch ein Stück mitgebracht. "Sticks and Stones" heißt es. "Mobbing" sei das Thema, erzählt Jane Crawshaw. Hier sei das Vokabular natürlich auch ein bisschen anspruchsvoller als beim Märchen "Weasel in the Sack", das die jüngeren Schüler gestern erleben durften.

Alle Klassen seien übrigens auf die Grammatik und Vokabeln der Stücke vorbereitet worden, versicherte Uta Preuß. Und für das Vergnügen sorgte das tolle Team vom White Horse Theatre.