Einmal quer durch das Leben gehen die Themen, zu denen Karla Pagel Kurzgeschichten und Gedichte schreibt. Beim dritten Kaminabend auf dem Gutshof in Zichtau las die Gardelegerin aus einigen ihrer Manuskripte.

Von Anke Kohl

Zichtau. "Früher fielen mir diese Sachen immer dann ein, wenn ich gar nicht schreiben konnte", erzählt die ehemalige Lehrerin für Deutsch, Kunsterziehung und Musik. Etwa auf dem Weg zur Arbeit und in ähnlichen Situationen, in denen man eben weder Papier und Stift zur Hand noch Zeit dafür hat. Doch seit sie im Ruhestand ist, gibt es dieses Problem seltener. Davon zeugten am Freitagabend viele nachdenklich machende, Erinnerungen hervorrufende, aber auch humorvolle Geschichten und Gedichte. Rund 40 Zuhörer saßen am Kamin im alten Kornspeicher des Gutshofes und lauschten den gelesenen Worten.

Häuser, mit all ihren unbekannten Geheimnissen, ihren Unzulänglichkeiten und dem, was ihre Bewohner und Gäste in ihnen sehen und erleben, galt der erste Teil des Abends. Dass Häuser eine Seele haben, glaubt Karla Pagel ganz sicher. Denn selbst wenn es sie schon lang nicht mehr gibt, so erinnert manchmal vielleicht nur ein alter Schlüssel zu einer längst nicht mehr existenten Tür an jenes Haus und all die schönen Erlebnisse darin. Wer ein Haus baut, gibt ihm mit den Wünschen und Vorstellungen von der Zukunft eine Seele, und wer ein Haus kauft, der muss die Seele darin spüren und fühlen, dass diese vier Wände zu ihm passen. Was es mit ihrem eigenen Haus auf sich hat, erfuhren die Zuhörer von Karla Pagel auch. Schließlich sind es in ihren Geschichten und Gedichten die Stimmungen und Situationen, denen sie etwas mehr Dauer geben möchte, die sie "aufzuheben" versucht, erklärt Pagel.

Wie sich die "Zusammenarbeit" mit ihrem Schutzengel gestaltete, brachte so manches Lächeln bei den Zuhörenden hervor. Schon die Überlegung, wo das kleine geflügelte Geschenk denn hingehöre, wollte gut überlegt sein. Ins Auto? Nein, "nur" als Beifahrerin bringe sie dem Fahrzeuglenker allein schon durch ihre Kommentare ausreichend Sicherheit. Das wissende Lächeln bei den Damen und Herren im Raum bestätigte, dass diese Situation durchaus alltäglich sein kann. Und als Karla Pagel sodann feststellte: "Blieb nur noch die Küche" als Platz für den Schutzengel, veränderte sich das Lächeln ein klein wenig in ein verständnisvolles Grinsen.

Auch über den Tod hat Karla Pagel geschrieben. "Wir tragen sie alle in uns, die vor uns waren", erzählt sie respektvoll von den Ahnen und berührend zugleich. Den plötzlichen Tod eines Kindes, das Herzmedikamente schluckte, statt der erwarteten bunten Süßigkeiten, verarbeitete die Gardelegerin in berührenden Worten. Vielleicht gilt ja auch für dieses Gedicht ihr Grundsatz: "Manches kann man eigentlich nur in Form eines Gedichtes aussprechen und - wie ich empfinde - lebt man dadurch intensiver".

Mit wahren Schätzen, von Kindern bis Krempel, begann der zweite Teil der Lesung mit Karla Pagel. Erinnerungen kamen schon bei der ersten Geschichte auf. So hätte es in ihrer Kindheit nichts Schöneres gegeben, als in Mutters Schrank zu stöbern, sich lange, spitzenbesetzte Kleider anzuziehen und Hochzeit zu spielen. Eigentlich sogar nur Hochzeitsvorbereitungen, denn zur Zeremonie sei es fast nie gekommen, weil Mutter dann schon nach Hause kam und die Sachen schnell wieder zurückgeräumt werden mussten, damit es keinen Ärger gäbe. Ganz deutlich zu erkennen war, dass sowohl die älteren Zuhörerinnen als auch die jüngeren in jenem Alter genau das gleiche Spiel gespielt hatten. Lachfältchen um Augen und Mund zeugten augenblicklich vom eigenen wunderbaren Blick in die Vergangenheit.

Zunächst verwirrend, dann faszinierend wirkte der Vergleich zwischen Kindern und Kakteen. Sie sind gleich, stellte Karla Pagel in einem ihrer Gedichte fest. Sie wachsen langsam und brauchen viel Geduld. Beide können leicht verletzen. Sie brauchen Wärme und Sonne. Und dann würden sie eines Tages in bunten Farben erblühen. Offen blieb das Ende der Geschichte um Lara und Lilly. Die beiden kaum Vierjährigen horteten Schätze in Form vom Eicheln und Kastanien, die sie als Bohnen bezeichneten. Nur zögernd gaben sie einige davon ab, und dann waren es augenscheinlich auch nur die, von denen sie glaubten, sie wegen Mangel an perfekter Form abgeben zu können. Einzig der Trost blieb, dass die Oma ganz bestimmt eine der Ketten bekäme, die beide aus ihren Bohneschätzen basteln würden. Das die Großmutter ob soviel Schatzhüterei selbst darüber skeptisch dachte, verstanden die Gäste des Kaminabends einmal mehr wissend lächelnd.

"Gedichte in eigener Sache" bildeten den Abschluss der Lesung. Darin verarbeitet Karla Pagel, die seit zehn Jahren im Ruhestand ist, das Alter oder vielleicht doch nur das Altern. Den Spiegel erklärt sie darin zu ihrem Feind, der brutal ein von Sorgen und Jahren geprägtes Gesicht zeigt. "Das Alter hat mich leider überlistet", schreibt die Autorin, um schließlich zu dem Schluss zu kommen: "Doch es hat sich nur in den Falten eingenistet und in dem grauen Haar! Sonst bin ich immer noch, die ich einst war!"

Bilder