Schwimmen will gelernt sein. Die Gardeleger Grundschüler lernen das in der dritten Klassen. Jede Schule hat ihre eigene Art. Ein Unterrichtstag an der Otto-Reutter-Schule.

Gardelegen. Krampfhaft krallt sich ein Schüler an die Wand des Schwimmbeckens. Er hat Angst. Das Schwimmbecken ist an dieser Stelle 3,80 Meter tief. Er bewegt sich bloß am Rand entlang, traut sich noch nicht loszulassen. Sportlehrerin Kathrin von Baehr spricht ihm Mut zu. Minuten später strampelt der Junge schon fleißig ohne die Hände am Rand.

In den Gardeleger Grundschulen lernen die Schüler in der dritten Klasse schwimmen. Die drei Schulen der Innenstadt fahren dazu nach Stendal in die Altmark-Oase. Für die Schüler ist das eine schöne Abwechslung.

Es ist 9.20 Uhr. Die Drittklässler der Reutter-Grundschule haben bereits eine Stunde Mathe und eine Stunde Deutsch hinter sich. Schnell werden die Taschen in den Flur geworfen. Im Laufschritt geht es noch mal aufs Klo. In Zweierreihen stellen sie sich im Flur auf. "Durchzählen", sagt Sportlehrerin Edelgard Kubbe. Dann gehen die 24 Schüler zum Bus.

Der Bustransport werde wie der Eintritt von der Kommune übernommen, erklärt Hauptamtsleiter Klaus Richter. Für die drei Grundschulen in der Stadt kostet dies gut 6100 Euro. Im ersten Halbjahr fuhr die Goethe- gemeinsam mit der Wander-Grundschule. Jetzt im zweiten Halbjahr sind die Otto-Reutter-Schüler dran.

Um 9.28 Uhr geht es los. Fast jeder Drittklässler hat sich einen eigenen Doppelsitz gesichert. Es ist still im Bus. Viele Schüler spielen mit ihrem Nintendo DS. Hier und da liest einer ein Buch, die anderen quatschen. Um 10 Uhr erreicht der Bus Stendal. Die Kinder setzen ihre Mützen auf. "Erst wenn die Schienen kommen", ruft Denny Köppen, als ein Klassenkamerad sich seine Jacke anziehen will. Dann kommt der Bahnübergang. Der Bus huckelt. "Hui", rufen die Kinder vergnügt und wippen mit. Ein paar Minuten später erreichen sie das Stendaler Hallenbad.

Von 2004 bis 2008 fiel diese Art von Unterricht der Sparpolitik zum Opfer. Die Schüler lernten im Blockunterricht im Freibad Zienau. Ein Runderlass des Kultusministeriums vom Juli 2007 besagte jedoch, dass dies nur in begründeten Fällen angewendet werden solle. Es schrieb zudem vor, dass der Unterricht für die Schüler kostenfrei sein müsse.

Heute bietet lediglich die Grundschule Jävenitz Kompaktunterricht an, erklärt Richter. Die Grundschulen Mieste und Solpke fahren gemeinsam nach Haldensleben, Kosten laut Richter 5500 Euro. Dort lernen auch die Letzlinger Grundschüler Schwimmen, was die damalige Gemeinde 2000 Euro gekostet habe. Die Estedter Schüler nutzen das Bad in Salzwedel. Der Unterricht kostet 2000 Euro.

Stendal, 10.15 Uhr. "Acht Bahnen zum Warmschwimmen", sagt Kubbe. Die zwölf Schwimmer springen ins Wasser. Nebenan üben die Nichtschwimmer. Sie haben noch Schwimmhilfen. Sportlehrerin Kathrin von Baehr geht neben dem Becken her. "Das machst du ganz prima", lobt sie einen Schüler. "Ihr seid ja fast keine Nichtschwimmer mehr", sagt sie motivierend zu den Jungen und Mädchen.

Unterstützt werden die beiden Lehrerinnen von Claudia Pohl. Sie ist die Mutter von Oliver. Sie spricht seinen Mitschülern gut zu, passt auf, dass niemand etwas in dem Bad vergisst und kümmert sich um all das, was die Lehrerinnen nicht schaffen können. "Das ist ganz wichtig für uns. Wir können uns auf sie verlassen", sagt von Baehr.

Am Rand sitzen sechs Schüler. "Das sind die Gar-nicht-Schwimmer", erklärt von Baehr. Sie müssen warten, bis die anderen fertig sind. Denn manche seien noch nie in ihrem Leben im Wasser gewesen und haben regelrecht Angst. Die beiden Lehrerinnen müssen sich intensiv um sie kümmern. Sogar zwei Eltern sind mitgefahren, um ihren Kindern zu helfen. Einmal rutschen und dann duschen, heißt es für die anderen Kinder um 10.50 Uhr.

"Es sind viel mehr Kinder geworden, denen der Kontakt zu Wasser komplett fehlt", sagt die Sportlehrerin. Über die Ursachen könne sie nur mutmaßen. Die Schüler säßen mehr vorm Computer. Und in Gardelegen gibt es nun einmal keine Schwimmhalle. Ein weiterer Grund sind die Eltern. "Wir haben da nicht genug drauf geachtet", erklärt ein Vater, der seine Tochter zum Schwimmunterricht begleitet und ihr helfen muss.

Doch der Unterricht zeige Erfolg. "Nächstes Mal sind wir schon 19 in der Schwimmergruppe, zu Beginn waren es grade mal knapp 10", sagt von Baehr. Seit sie Lehrerin ist, hätten alle Schüler Schwimmen gelernt.

Und auch ihre Kollegin Gudrun Jacobs, Sportlehrerin an der Goethe-Schule, bestätigt den Erfolg. Von den sieben Nichtschwimmern zu Schuljahresbeginn hätten alle mindestens das Seepferdchen erreicht. "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr", sagt sie, und schließlich sei es für die Sicherheit der Kinder wichtig. "Schwimmen gehört einfach dazu", erklärt Jacobs.

Und dann gibt es im Bad noch eine besondere Motivation. "Alle Nichtschwimmer im Wellenbad begeben sich bitte in den Flachbereich. Wir starten die Wellen", ertönt die Durchsage.

11.30 Uhr. Teils erschöpft, sitzen die Kinder in der Eingangshalle des Bades. "Das habt ihr sehr schön gemacht", lobt Edelgard Kubbe. Claudia Pohl föhnt Sylvia Jansohn die Haare. Damian-Jonas Wiesel beißt noch schnell in seine Wurststulle. 11.37 Uhr. "So, anziehen", ruft Kubbe. Zurück im Bus ist es wieder still. Um kurz nach 12 Uhr sind die Schüler wieder an der Schule. Jetzt gibt es Essen. Ein langer Vormittag liegt hinter ihnen.

Am Ende des Schuljahres gibt es dann Noten. Für eine Zwei müssen die Kinder 200 Meter Brust schwimmen, einen Startsprung vom Block machen, vom Drei-Meter-Turm springen, 10 Meter tauchen und zwei Ringe aus tiefem Wasser holen.