Täglich spazieren unter ihnen Menschen, Kinder spielen in der Nähe - die Wallbäume rund um Gardelegen müssen sicher sein. Regelmäßig werden sie deshalb von der Stadt kontrolliert. Wenn eine visuelle Beurteilung allerdings nicht mehr ausreicht, um die Baumstatik einzuschätzen, muss ein Experte ran. Konrad Meurer ist so ein Fachmann, der sich mit Bäumen auskennt.

Gardelegen. Sein Auto steht direkt unter den Lindenbäumen nahe dem Stadgraben. Passanten, die vorbeikommen, gucken skeptisch. Wird jetzt schon auf dem Wall geparkt, fragen ihre Blicke.

Doch das ist natürlich weiterhin verboten. Dass Konrad Meurer sein Auto so dicht bei sich haben muss, hat aber seine Richtigkeit und einen triftigen Grund: Denn hinten in seinem Kofferraum stehen empfindliche Anlagen. Komplizierte Messtechnik, mit einem Computer verbunden. Und um eine der Walllinden hat Meurer gerade einen Gurt gezogen. Zehn kleine Messgeräte sind daran befestigt. Kabel schlängeln sich von ihnen zu ebenso vielen Sensoren, die in der Baumrinde stecken, und auf die schlägt der Diplomforstingenieur jetzt mit einem winzigen Hammer.

"Bitte noch einmal klopfen", meldet sich plötzlich eine weibliche Stimme.

Huch? Der Mann ist doch allein. Spricht die Linde etwa mit ihm? "Kein Signal von Sensor sieben", informiert die unsichtbare Frau dann sogar ungefragt. Konrad Meurer schüttelt den Kopf, runzelt die Stirn, und brummelt etwas Unverständliches. Dann kontrolliert er eines der Messgeräte und klopft erneut mit dem Hämmerchen auf den kleinen Metallstift in der Rinde. "Alle Messpunkte sind vollständig erfasst", sagt die Dame jetzt. Und Konrad Meurers Gesichtsausdruck zufolge ist das eine gute Nachricht. Zufrieden schaut er auf ein etwa handygroßes Gerät in seiner Hand. Denn genau daher kam auch die Stimme. Mit den Bäumen spricht der Experte also doch nicht. Nur mit seiner Messstation. Und deren Sätze sind -ähnlich wie in einem Navigationsgerät - einfach vorgespeichert.

Eine Art Kommunikation zwischen ihm und den Bäumen ist es aber irgendwie doch, die der Baumexperte hier gerade führt. Mit dem Messgerät als Übersetzer. Denn schon kurze Zeit später verrät ihm das Display, wie es im Inneren der Linde aussieht. Und zwar längst nicht so gut, wie von außen. "Genau hier", sagt Meurer und deutet auf einen augenscheinlich unauffälligen Bereich, "ist ein großes Loch im Stamm."

Und das könnte im Laufe der Zeit durchaus gefährlich werden. Denn der Baum ist ein sogenannter Zwiesel. Sein Hauptstamm gabelt sich in zwei etwa gleich starke Äste. Diese ziehen den Baumstamm theoretisch auseinander. Wenn dann der Hauptstamm auch noch hohl ist, so wie sein Messgerät es ihm gerade anzeigt, könnte es gefährlich werden, sagt Meurer. Der Baum könnte sich spalten. Eine böse Falle für all jene, die gerade dann auf dem Wall unterwegs sind.

Wie und vor allem wie bald es unter dieser Linde gefährlich werden würde, kann Konrad Meurer allerdings erst den genaueren Daten entnehmen, die er später in seinem Büro noch einmal auswerten wird. Das Ergebnis legt er in den nächsten Tagen im Bauamt der Stadt vor. Die Behörde hatte dem Sachverständigen auch den Auftrag gegeben, diesen Baum, dazu sechs weitere Linden und eine Rosskastanie, die in der Nähe des Salzwedeler Tores steht, zu überprüfen.

Und das war gut so. Die Kastanie zum Beispiel sei ein mächtiger Baum, sagt Meurer. "Rund 80 Jahre alt", wie er schätzt. Doch auch sie hat leider "einen hohlen Bauch".

Dennoch muss hier vielleicht noch nicht gleich die Motorsäge angesetzt werden, hofft Meurer. Denn es gibt Möglichkeiten, ein Auseinanderbrechen gefährdeter Bäume zu verhindern. "Eine Gewindestange" zum Beispiel, die die beiden Zwieseläste miteinander verschraubt, oder auch "eine elastische Verbindung" weiter oben. Wo was angewandt wird, dafür gebe es ganz klare Vorgaben, sagt Meurer.

Ohne bestimmte Sicherungsmaßnahmen für manche Bäume könnten diese allerdings nicht erhalten werden, versichert der Fachmann. Denn sollte etwas passieren, "wird ein anderer Gutachter vor Ort sein", der den ungestürzten Baum dann gleich noch mal untersucht. Die Stadt wäre - gesetzt den Fall, sie hätte Sicherungsmaßnahmen versäumt - für einen Schaden haftbar.

Und genau deshalb werde der Zustand der Wallbäume auch etwa zweimal im Jahr kontrolliert, versichert Bauamtsleiter Engelhard Behrends. Bei einem so "sensiblen Bereich" wie dem Wall gehe die Stadt auf Nummer sicher, so Behrends. Sollte Meurer also noch den einen oder anderen Wackelkandidaten auf dem Wall finden, werde er den natürlich auch gleich messen. "Die Stadt hat mir hier weitgehend freie Hand gelassen", bestätigt er.

Dass er oft schon mit dem bloßen Auge erkennt, hinter welchen Baumes Rinde möglicherweise etwas im Argen liegt, ist nämlich nicht seiner komplizierten Messtechnik, sondern vor allem seiner Erfahrung geschuldet.

Indes, auch bei aller Erfahrung, aller Vorsicht, "eine absolute Sicherheit ist nie zu erreichen", sagt Meurer. Die Natur ist zuweilen eben auch unberechenbar. Sogar für einen, der mit Bäumen spricht.