Vertrauen ist nötig, wenn ein Seelsorger sich um die Seelen sorgen will - besonders bei Menschen in Notlagen oder an Orten, an denen man nicht so gerne ist. Im Krankenhaus etwa. Dort, wo die Weißkittel der Ärzte und Schwestern den Schein der Sterilität verbreiten. Bisher gingen dort die Krankenhausseelsorger in Gardelegen und Salzwedel nicht im weißen Kittel los, um Trost oder ein gutes Wort zu spenden oder um einfach zuzuhören. Das ist nun anders. Nun ist Alexander Becker Klinikseelsorger. Ein Mann, der lieber kein Vertrauen schaffen will. Denn um Vertrauen zu schaffen, muss man reden. Das mag Becker nicht so. Vielleicht hat er deshalb einen weißen Kittel angezogen, um gleich zu zeigen: Abstand halten. Da bekommt der Begriff Halbgott in Weiß eine ganz neue Bedeutung. "Es geht um Hilfestellung beim Durchlaufen von Krisen bis hin zur Selbst-/Wiederfindung in der neuen Lebenslage und dies immer in dem Ausmaß, in dem der Patient es sich wünscht und sich öffnet", sagt Becker. Das heißt: Er sagt es nicht, er lässt es schreiben. So was macht beim Altmark-Klinikum die Pressestelle. Sprechen möchte Becker nicht mit uns. Und das Krankenhaus möchte auch nicht, dass wir mit ihm sprechen. "Das, was wir übermittelt haben, sollte reichen", teilte Pressesprecherin Doreen Lahl-Mollenhauer mit - und hatte dafür extra noch mal mit ihrer Chefin, der Direktionsassistentin Carolin Steinfeld, gesprochen. Ein Mann, der Ansprechpartner sein will für Patienten, die sich ihm öffnen sollen, scheint unfähig zu sein, sich selbst zu öffnen. Immerhin erfahren wir in der Pressemitteilung, dass Alexander Becker 40 Jahre alt ist "und der evangelischen Kirche zugehörig" ist. Ist er Baptist, gehört er einer Brudergemeinde an oder der evangelisch-methodistischen Kirche? Wir wissen es nicht, wir können ihn auch nicht fragen, den Mann im weißen Kittel. Der spricht ja nicht. Liest er, spielt er Fußball, schreibt er Krimis, guckt er gern die Schwarzwaldklinik? Wir wissen es nicht, wir können ihn nicht fragen, den schweigsamen Herrn Becker. Seine Seelsorgegespräche laufen vermutlich auch eher nonverbal ab: Da werden Zettel über das Deckbett hin- und hergeschoben. Wir hätten ihn auch gern gefragt, ob er den Posten, der jahrelang bestens mit zwei heimischen Pastoren besetzt war, nur erhalten hat, weil seine Frau eine Medizinerin ist und nicht ans Altmark-Klinikum gewechselt wäre, wenn er nicht die beiden Pastoren hätte beerben können. Das hätten wir gern gefragt, aber er redet ja nicht. Wir haben das auch die Pressedamen gefragt. Und die wussten davon gar nichts. Dafür hatten die uns ja vorher schon schriftlich die wirklich wichtigen Dinge mitgeteilt: dass "Chefarzt Dr. Michael Schoof, Ärztlicher Direktor des Krankenhauses in Gardelegen, sich freut, mit Herrn Becker einen qualifizierten Klinikseelsorger begrüßen zu können". Und auch "die Pflegedirektorin des Altmark-Klinikums, Birgit Riehs, kann dies nur bekräftigen". "Gerade in der Altmark, wo viele Einwohner sich persönlich kennen und miteinander verwandt sind, verlangt die Klinikseelsorge viel Fingerspitzengefühl und besondere Achtung der Schweigepflicht", zitieren die Pressedamen ihren neuen Seelsorger. Das mit der Schweigepflicht scheint im Krankenhaus besonders wörtlich genommen zu werden. Dort heißt es lieber: Schreib\' mal wieder. Reden ist aber auch nicht immer die Sache der Stadtverwaltung. Schreiben aber auch nicht. Sie handelt lieber. Hier ein Grabstein zu locker? Dort noch einer? Da wird nicht lange gefackelt, da wird nicht geredet, da wird umgeschubst. Mancherorts heißt das Störung der Totenruhe, im Amtsdeutsch heißt das Gefahrenabwehr. Anderswo werden Zettel an die Steine geklebt oder Schildchen in den Boden gepiekt, um die Hinterbliebenen auf die kipplige Lage aufmerksam zu machen. Die Stadt zeigt: Es geht auch anders. Dann merken die Bürgern wenigstens gleich, welch\' Brack auf Opas Grab steht - pardon: stand. Nun liegt er ja. Wenn das so weiter geht, wird der Umzug zum Sachsen-Anhalt-Tag immer kürzer. Kein Dorfgemeinschaftshaus in Dannefeld - und schon prügeln die Hunnebrössel mit ihren langen Stöcken keine Besucher des Landesfestes, sondern schmollen lieber in ihrer Ortschaft. Gut für die Besucher, die keine Blessuren davontragen, schlecht aber für die gewünschte Präsentation der kulturellen Vielfalt des Brauchtums. Die Stadt muss aufpassen. Bei der Haushaltsberatung dürfte noch hier und dort gestrichen werden - und schwupps, hagelt es die nächsten Absagen. Hier keine Atemschutzgeräte für die Feuerwehr bestellt? Dann kann leider die Wehr keine Parkplätze beaufsichtigen. Da die Festzeltgarnitur aus der Gemeindegarage gemopst - zack: Absage des örtlichen Gesangvereines. Dort den Rasentrecker entführt: Dann muss die schöne Sportvorführung leider ausfallen. Doch es kommt noch schlimmer: Dannefeld, der Rebellenort im Westen der Riesenstadt, macht mobil. Sie fürchtet den Tod, und Konrad Fuchs ist ihr Totengräber. Da sind einstweilige Verfügungen und das Einschalten des Petitionsausschusses kaum geeignete Mittel. Es müssen Klagen folgen. Wann wird der europäische Gerichtshof für Menschenrechte angerufen, um den Gardeleger Regenten in die Schranken zu weisen? Schon wird der Marsch auf Gardelegen vorbereitet. Über den Stadtweg, der ist ja schon da. Allen voran stürmt Andreas Finger, die Bauernfahne von 1675 fest im Griff. Es gilt wie damals, die Heimat zu verteidigen.Jörg Marten