Erinnern Sie sich noch an die FDP? War mal eine Partei, die glaubte, wichtig zu sein. 18 Prozent wollte sie haben, eine Zahl, die der Parteivorsitzende unter seiner Schuhsohle trug, um jedem, der es sehen wollte oder auch nicht, sein erhobenes gestrecktes Bein entgegenzurecken. Im Fußball ist das ein übles Foul, in der Politik war das einfach nur dämlich. Nun ist die FDP da, wo sie nie hinwollte. Nun kann sie mit erhobenem Haupt unter der Fünf-Prozent-Hürde der Bedeutungslosigkeit durchgehen, selbst wenn sie dicke Sohlen an den Schuhen hat. Aber in Gardelegen, so scheint es, mag sie nicht mal mehr das Haupt erheben. Verschämt dreht sie sich weg aus der Öffentlichkeit. Man kennt das von diesen Typen, die sich die Kapuze tief ins Gesicht ziehen, um nicht erkannt zu werden. Die haben doch was zu verbergen. Oder wieder mal irgendwas Hässliches vor. In Gardelegen huschten am Mittwochabend die Kapuzentypen heimlich ins Café am Rathaus. Die Freidemokaten waren so frei, dort eine Mitgliederversammlung einzuberufen. Für ihren Noch-Bundesvorsitzenden wäre so was früher Anlass gewesen, mit flotten Sprüchen die nächste Steuersenkungsforderung und das nächste Wahlgeschenk mit dem immer gleichen Grinsen zu verkünden. Doch Guido ist fast Vergangenheit, die Gegenwart heißt: Ab in die Schämecke! Und bloß niemanden einladen, der die Liberalen bei der Trauerarbeit begleitet, schon gar nicht die Presse. Wenn Tränen fließen, dann bitte heimlich. Erst im trüben Kneipenlicht trauen sich die örtlichen Liberalen, ihre Kapuzen abzustreifen. Es ist nicht leicht, heute ein Liberaler zu sein. Da tut Zusammenhalt gut - Hauptsache, man wird nicht gesehen. Da draußen zeigen ja schon die Kinder mit Fingern auf einen und singen den Wahlabzählreim: "1, 2, 3 - alles ist vorbei. 4, 5, 6 und 7 - wo sind die Prozente geblieben?" Hat da nicht gestern erst jemand laut und deutlich den alten Degenhardt-Titel "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" gesungen, als ein verdienter Liberaler vorbeiging? Da draußen sprechen die eigenen Parteifreunde vom Igitt-Faktor der FDP. Hier drinnen, in vertrauter Runde, unbeobachtet von der Öffentlichkeit, fließen bittere Tränen: "Warum sind alle so gemein zu uns?" Doch dann geht ein Ruck durch die liberalen Reihen, ein trotziges "Jetzt erst recht!" Es wird gewählt. So wie bald auch beim 18er-Guido. Ein Aufbruch in lichte Zukunft. Die sieht aus wie die Vergangenheit: Andreas Haack macht´s weiter. Jung sind immerhin die beiden Vertreter: Christian Schwarzlose und Normen Gadiel sollen für den Generationswechsel à la Rösler sorgen. Doch zu viel Jugend tut nicht gut: Deshalb bleibt Alfred Fischer Beisitzer. Und als die Wahl fertig ist und die letzten Gläser geleert, ziehen sich die Liberalen wieder die Kapuzen ins Gesicht. Noch ein letzter Schwur der Zusammengehörigkeit, dann raus auf die feindliche Straße. Dass uns bloß auf dem Nachhauseweg keiner erkennt.Jörg Marten