Als Kassenpatientin wandte sich eine Gardelegerin an eine Facharztpraxis in Salzwedel. Einen Termin indes sollte sie nur bekommen, wenn sie die Behandlung selbst bezahlt. Seien ihre Schmerzen vielleicht weniger schlimm, als die der Privatpatienten, will sie nun wissen. Krankenkasse, Kassenärztliche Vereinigung und auch die Ärztin verneinen das. Doch gerecht, so die Medizinerin, gehe es schon lange nicht mehr zu.

Gardelegen. "Probleme mit den Knochen" habe sie schon lange, erzählt die Volksstimme-Leserin Ramona Kruber aus Gardelegen. Seit längerem ist sie deshalb schon in Behandlung. "Sport, Akkupunktur", vieles habe sie ausprobiert. Seit kurzem aber sei der Schmerz, vor allem in ihren Händen, so stark, "dass mir neulich das Bügeleisen einfach aus der Hand gefallen ist". Und schließlich konnte sie nicht einmal mehr den Stift festhalten, mit dem sie gerade schreiben wollte, erzählt die Bürokauffrau. So ging es nicht mehr weiter. Mit der Bitte um einen Termin wendet sich deshalb das Praxisteam ihrer Hausärztin nach deren Überweisung an eine Rheumatologin in Salzwedel.

Doch aus der Kreisstadt kommt kein Terminvorschlag zurück, sondern eine E-Mail, in der Ramona Kruber darüber informiert wird, dass "aufgrund sehr hoher Nachfrage im Moment keine sinnvollen Termine vergeben" werden könnten. Es sei "auf absehbare Zeit alles ausgebucht. Die nächste rheumatologische Praxis finden Sie in Magdeburg".

Ramona Kruber ist vollkommen überrascht. Mit einer kurzfristigen Terminvergabe habe sie zwar nicht gerechnet, sagt die Leserin. Eine solche Abfuhr habe sie allerdings nicht erwartet. Zumal die Terminlage der Fachärztin wohl nicht so angespannt scheine, wie ihre ersten Sätzen vermuten ließen. Denn es gebe "noch freie Termine in der Privat- und Selbstzahlersprechstunde", heißt es weiter im Text. Hierfür könne sie einen Termin vereinbaren.

"Auf absehbare Zeit ausgebucht"

Und genau das, so Kruber, habe sie wütend gemacht. "Ist das nicht schlimm, dass man so vor den Kopf gestoßen wird?" Auch sie als Kassenpatientin zahle doch schließlich Beiträge, "und das nicht wenig". Ihr Mann, so erzählt sie, sei privat versichert. "Er hätte wohl schon bei der ersten Anfrage einen Termin bekommen." Da fühle man sich doch wie ein Mensch zweiter Klasse.

Schon deshalb interessiert sie, wie kurzfristig sie als Selbstzahler wohl einen Termin bekäme. Eine E-Mail später weiß sie es. Knapp drei Wochen später könnte sie nach Salzwedel kommen. Auch die Summe, die sie für eine Untersuchung einplanen müsse, wird ihr mitgeteilt. Dass sie nicht nach Salzwedel, sondern nach Magdeburg fahren wird, stehe für sie damit fest, versichert Kruber.

Ihre Krankenkasse, die IKK, werde ihr bei der Suche nach einem anderem Arzt gern helfen, versichert deren Pressesprecher Gunnar Mollenhauer auf Anfrage. "Die Situation", die die Patientin auch der Kasse geschildert habe, sei nämlich "leider nichts Neues". Es gebe auch deshalb eine Ärzteliste, anhand der die Kollegen vor Ort den Mitgliedern helfen würden, einen anderen Arzt zu finden. Dies sei indes "die einzige Möglichkeit, wie wir damit umgehen können", so Mollenhauer. Die Praxis, Privatpatienten zu bevorzugen, sei bekannt, verstoße aber gegen das Solidarprinzip. "Offiziell" dürfe es keine Unterschiede zwischen Privat- und Kassenpatienten geben.

Dr. Uta Walter, eben jene Rheumatologin in Salzwedel, hat dazu indes eine vollkommen andere Meinung. "Die Politik ist nicht ehrlich und die Finanzierung verlogen", sagt die Fachärztin wütend im Volksstimmegespräch. Sie sei mittlerweile an die Grenzen ihrer eigenen gesundheitlichen Belastbarkeit gestoßen. "Ja", gibt sie zu, "seit Oktober" habe sie eine Privatsprechstunde. "Solche Termine gehen in meine Freizeit." Denn im Schnitt behandele sie 1000 Kassenpatienten pro Quartal. "Von denen hat jeder das Recht auf meine volle Aufmerksamkeit."

"Wir stehen so unter Druck"

Bis in den Herbst hinein seien ihre Termine derzeit vergeben. Wenn aber ein Hausarzt anrufe und ihr einen Patienten als besonders dringend schildere, "dann schicke ich den nicht weg". Allerdings könne sie nicht rund um die Uhr arbeiten - "dabei mache ich meine Arbeit wirklich gern" -, und das auch nicht von ihrem Praxisteam verlangen. Das müsse zudem bezahlt werden. Dabei arbeite sie rund ein Drittel ihrer gesamten Arbeitszeit ohne Bezahlung, aber mit vollem Risiko, so die Ärztin. Denn spätestens nach zwei Monaten sei ihr Quartalsbudget ausgeschöpft. "Kein Handwerker würde sich gefallen lassen, wenn ihm ein Drittel Lohn einfach abgezogen wird." Die landläufige Meinung, "Ärzte verdienten Riesengehälter," stimme nämlich nicht. Das System sei einfach ungerecht. "Kein Wunder", sagt Uta Walter, dass so viele der niedergelassenen Kollegen ins Ausland gingen. "Wir stehen so unter Druck", und "damit werden es wohl immer weniger Ärzte."

Unter Druck sieht Gunnar Mollenhauer die Ärzteschaft indes nicht. "Gerade erst" sei die Vergütung der Mediziner angehoben worden. Und die Frage sei doch auch, "warum das Budget nicht ausreicht. Man kann eben nicht immer aus den Vollen schöpfen" so der Pressesprecher der IKK.

Dass auch ein niedergelassener Arzt mit Kassenzulassung grundsätzlich Privatsprechstunden anbieten darf, bestätigt seine Berufskollegin Ursula Günther, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt. Und Ärzte dürften auch Patienten ablehnen. "Allerdings nur mit gutem Grund." Das könne auch ein übervoller Terminkalender sein. Fälle wie dieser müssen immer im Einzelfall geprüft werden, so Ursula Günther.

Ob ihr Terminwunsch nun mit oder ohne guten Grund abgelehnt wurde, ist Ramona Kruber herzlich egal. Für sie bleibt am Ende nur ein schaler Nachgeschmack angesichts der Aussichten, dass sie als Kassenpatientin vielleicht irgendwann wieder mal dringend einen Facharzttermin benötigt.