Kommerzielle Frühförderung wird bis zum Ende des laufenden Schuljahres weiterhin in den Gardeleger Kindereinrichtungen möglich sein. Dann soll erneut über das Thema beraten werden. Im Sozialausschuss setzten sich am Dienstag etliche Eltern und Erzieher für den Erhalt dieser Zusatzangebote ein.

Gardelegen. Es ging um "Angebote mit Entgelt" in Kindereinrichtungen, Musik- oder Sprachkurse für Kinder jener Eltern, die sich so eine Förderung leisten können. Die Diskussion darum habe viel Unruhe gestiftet, so Hauptamtsleiter Klaus Richter während der jüngsten Sitzung des Sozialausschusses. Viele hörten ihm auch am Dienstag interessiert zu: Eltern, Erzieher und auch Anbieter solcher Kurse waren gekommen, um sich die Diskussion zum Thema anzuhören.

Bereits vor einigen Wochen hatte sich Richter dafür ausgesprochen, diese Angebote während der Kernbetreuungszeit am Vormittag aus den Einrichtungen zu verbannen, hatte allen Anbietern bereits gekündigt. Das hatte jedoch massive Elternproteste nach sich gezogen. Richter nahm die Kündigung daraufhin vorerst zurück. Er habe möglicherweise überzogen reagiert, entschuldigte er sich im Ausschuss. "Die Kurse können natürlich erst einmal zum Abschluss gebracht werden." Dennoch, so Richter, habe sich an seiner Forderung, kommerzielle Angebote in der Hauptbetreuungszeit künftig nicht mehr zuzulassen, nichts geändert. Und hierin bestärkte ihn auch Ilona Rückriem, Fachaufsicht für Kindertagesstätten im Jugendamt des Kreises.

Solche Kurse, argumentierte sie, würden der vom Gesetzgeber geforderten Chancengleichheit widersprechen. "Kinder sehen: Da findet etwas statt", so Rückriem. Dabeisein dürften sie aber nur, wenn ihre Eltern das Kursangebot bezahlen. Sie habe erst kürzlich eine Szene erlebt, in der ein Junge sich gern spontan an einem solchen Zusatzangebot habe beteiligen wollen, aber abgewiesen wurde. Die Eltern hatten es nicht für ihn gebucht. Eine enttäuschende Erfahrung für das Kind, so Rückriem. Deshalb müsse, "wenn man sich für Musikunterricht entscheidet, das Angebot für alle zugänglich sein", oder aber die Eltern müssten solche Privatangebote nachmittags oder abends organisieren.

Zudem empfahl Rückriem den Eltern, doch einfach mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Erzieherinnen zu setzen. Sie seien Fachkräfte und könnten die musikalische Frühförderung auch in eigener Verantwortung anbieten, wo nicht, gebe es Weiterbildungsangebote für die Pädagogen. Der Vorteil: Allen Kindern würde dann eine solche Förderung zugute kommen. Rückriem: "Es gibt Musikkoffer mit kleinen Instrumenten, wie Klanghölzern oder Triangeln, in den Einrichtungen", viele Erzieher spielten zudem ein Instrument.

Bevor noch die Eltern zum Problem Stellung nehmen konnten - Walter Thürer hatte auch ihnen nach Abstimmung Rederecht erteilt -, meldete sich Horst Hartmann, berufener Bürger im Ausschuss, zu Wort: Er empfehle, die beschriebenen Angebote in den Kitas nicht zu genehmigen. "Wir wollen keine Zwei-Klassen-Kindergesellschaft."

Seine Kollegin Sandra Schulz, ebenfalls berufene Bürgerin, sah die Situation indes als "zu dramatisch dargestellt". Viele Eltern müssten lange arbeite, gab sie zu bedenken. Kinder seien am Nachmittag zudem nicht mehr so aufnahmefähig. Mit einem Verbot der Entgeltkurse am Vormittag "diskriminieren Sie die Eltern, die arbeiten müssen". Darauf gab es Spontanapplaus der Besucher. Den allerdings verbat sich Water Thürer mit dem Hinweis auf die geltende Geschäftsordnung.

Ihren Ärger über das drohende Verbot der Kurse brachte, neben einigen weiteren Eltern, schließlich auch Jutta Grabert aus Lindstedt zum Ausdruck. Als Mutter von vier Kindern habe sie nur gute Erfahrungen mit dem zusäzlichen Musikunterricht in der Lindstedter Kita gemacht, versicherte sie. "Was ich hier höre, ist Gleichmacherei." Schließlich wolle ja auch gar nicht jedes Kind ein solches Angebot wahrnehmen. Sie riet den Ausschussmitgliedern, die Individualität jedes Kindes zu bedenken. "Lassen Sie so etwas doch einfach die Einrichtungen selbst entscheiden", bat sie.

"Eltern wünschen das, warum sollen wir uns nicht öffnen", wollte auch Jutta Zimnick, Kitachefin aus Letzlingen, wissen. "Wir sind froh über jedes Angebot, das das Leben der Kinder bunt und schön macht".

Das sei natürlich auch ganz in ihrem Sinne, versicherte daraufhin die Jugendamtsmitarbeiterin. "Von mir aus Tischlern, dann aber für alle, oder auch Ballett, aber eben auch als Möglichkeit für jedes Kind". Eine Entscheidung über die künftige Umgangsweise mit kommerziellen Kindergartenkursen wurde am Dienstag nicht getroffen. Bis zum Schuljahresende soll das Angebot nun erst einmal weitergeführt werden, schlug Sozialausschusschef Walter Thürer vor. Danach solle eine Regelung in die künftige einheitliche Satzung der Kitas engearbeitet werden. Kita-Leiterinnen und Elterkuratorien sollten dann aber noch einmal zu der Problematik gehört werden. "Wir entscheiden das nicht leichtfertig", versprach Thürer vor allem den anwesenden Eltern.