Der Roxförder Ortsbürgermeister Manfred Grunack wollte die Putenmast und ein damit verbundenes, drohendes Gerichtsverfahren am Dienstagabend während des Ortschaftsrates eigentlich nicht thematisieren. Dennoch schwang in jedem der Tagesordnungspunkte der Frust über die Klageschrift mit. Die ehemaligen Mitglieder des Roxförder Gemeinderates "werden in die Privatinsolvenz gedrängt", sagte Grunack, das Familienleben der Betroffenen sei umgekrempelt worden.

Roxförde. Es war gut gemeint - der Roxförder Gemeinderat hatte sich über Jahre gegen den Bau einer Putenmast bei Roxförde gewehrt. Der Investor klagte sein Recht ein und das Gericht sprach ihm eine Schadensersatzzahlung in Höhe von 600000 Euro zu. Damit soll der Gewinnausfall durch die Verzögerung des Bauvorhabens ausgeglichen werden. Die Stadt als Rechtsnachfolger von Roxförde hatte Ende vergangenen Jahres Klage gegen die verantwortlichen Ratsmitglieder eingereicht. 600000 Euro sollen die ehemaligen Gemeinderatsmitglieder aus Roxförde zahlen, die die Entscheidungen zur Roxförder Putenmast getroffen hatten. Eigentlich, sagte Ortsbürgermeister Manfred Grunack zu Beginn der Sitzung des Ortschaftsrates am Dienstag, wolle er die Putenmast nicht thematisieren. Dennoch schwang in allen Diskussionspunkten sein Frust über die Klageschrift mit.

Zu Beginn der Sitzung sagte Grunack, mit der Weihnachtsüberraschung - einer Anklageschrift der Stadt Gardelegen, die die Ratsmitglieder im November erreichte - würden sie "in die Privatinsolvenz gedrängt. Das Familienleben ist umgekrempelt worden, wurde totgemacht". Was die Ratsmitglieder in den vielen Jahren alles für ihr Dorf getan hätten, interessiere keinen mehr. "Wir sind die Arschlöcher der Nation, wir werden verfolgt, verhasst und zermürbt", sagte Grunack.

"Solche Fälle muss es geben, damit andere den Mund halten"

Über Jahre habe der Roxförder Gemeinderat sparsam gewirtschaftet. "Leider hat die Keule Putenmast unser Sparen kaputt gemacht." Grunack selbst habe sich um die Grünflächenpflege im Ort gekümmert und tut es auch heute noch, trotz einer Hüftoperation. "Ich fühle mich dazu in der Lage", sagte er. Nachdem die Roxförder die Klageschriften erreicht hatten, sei der erste Gedanke gewesen, "alles hinzuschmeißen", sagte Grunack. Aber solange es kein Gerichtsurteil gebe, gelte das Unschuldsprinzip, so dass sich die Ratsmitglieder und er selbst nach wie vor in der Pflicht sehen. Und so lange die Technik im Ort sei, werde er weiterhin die Pflege der Grünflächen übernehmen.

"Dass uns die Atombombe Putenmast erschlägt, hätte keiner erwartet", so Grunack. Sein bitteres Fazit: "Solche Fälle muss es geben, damit andere den Mund halten." In Zeitungsartikeln habe er bereits gelesen, dass sich Räte nicht gegen einen Putenmast wehrten, mit der Begründung, "sonst geht es uns wie Roxförde".

Ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt, sei noch nicht klar, berichtete Ratsmitglied Friedhelm Gawert. Zu gegebener Zeit würden sich die Betroffenen an die Öffentlichkeit wenden, kündigte Gawert an, im Moment gebe es aber noch kein Gerichtsurteil, begründete er, wieso er derzeit noch nicht handeln will.

Ortsratsmitglied Gunnar Itagaki, selbst nicht betroffen, hatte zuvor vorgeschlagen, dass sich die Roxförder an die Öffentlichkeit wenden sollten. Denn es gebe viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, ob in kommunalen Gremien oder bei der Freiwillige Feuerwehr. "Wenn ein Feuerwehr- mann eine falsche Entscheidung trifft ...", ließ Itagagki den Satz unbeendet.

Itagaki wollte auch, dass die Roxförder Räte eine Petition schreiben. Das ist aber nicht möglich, da sich bereits Gerichte mit dem Fall befassen würden, berichtete Grunack, der sich ebenfalls mit dieser Möglichkeit auseinander gesetzt habe. "Wir sind die Angeschossenen", resümierte der Ortsbürgermeister.