Nach einem halben Jahr papierloser Ratsarbeit ziehen die Genthiner Stadträte, die sich an einer Volksstimme-Umfrage beteiligt haben, ein positives Fazit. Auch Bürgermeister Thomas Barz ist zufrieden.

Genthin l Mitte November drückten die Mitglieder des Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses die Schulbank in der Grundschule Ludwig Uhland. Während die regulären Ausschussmitglieder ihre iPads auf die im Quadrat angeordneten Tische legten, zogen die berufenen Bürger ihre auf Papier gedruckten Einladungen heraus.

Ein paar Tage später griff Nobert Müller, Vorsitzender des Bau- und Vergabeausschusses, auch wieder zu Stift und Papier, als sein Tablet-PC zu Sitzungsbeginn partout nicht funktionieren wollte. Müller hatte Glück im Unglück. Thomas Rindert, Sachbearbeiter EDV in der Genthiner Stadtverwaltung, war noch im Rathaus und brachte das iPad im Laufe des Sitzungsabends wieder in Schwung.

Neuerungen stoßen auch auf Kritik

Die Sitzungen seien schwieriger geworden, warf CDU-Fraktionschef Klaus Voth in einer Beratungspause ein. "Es sitzen sieben Leute da und alle schieben was auf ihrem Bildschirm rum, weil jeder etwas sucht."

Eine Suche könne erleichtert werden, schlug Nobert Müller gegenüber Bürgermeister Thomas Barz vor. Zu Beginn einer jeden Sitzung wird die Niederschrift zur vorangegangenen Sitzung kontrolliert. Das Protokoll wird an die alte Sitzung angefügt, aber auf der neuen benötigt. Müller regte also an, dass das Protokoll auch mit der Einladung zur neuen Sitzung verschickt wird, damit nicht erst die alte aufgerufen werden muss. Thomas Barz sicherte zu, dass eine Lösung gesucht werde.

Eine Lösung für ein anderes Problem forderte Dr. Gordon Heringshausen (CDU) ein paar Tage später im Stadtrat. Ihm ging es um die Möglichkeit, auf den städtischen iPads PDF-Dokumente speichern zu können. Das sei wesentlich einfacher, als die Unterlagen jedes Mal aufs Neue an ihrer Quelle abzurufen ... Hier ist allerdings keine Lösung in Sicht. Die Speicherfähigkeit von PDF-Dokumenten hat nach Auskunft von Thomas Rindert zwei, drei Nebenwirkungen (wie Einkaufsmöglichkeiten, ohne das sich nachvollziehen lässt, welcher Inhaber eines städtischen iPads den Warenkorb gepackt hat), die die Stadt nicht in Kauf nehmen möchte. Schließlich sind die iPads nur für die Ratsarbeit und nicht für den privaten Gebrauch gedacht.

Auf den Datenschutz hatte Thomas Barz von Anfang an großen Wert gelegt. Bis die Stadträte dort auf ihrem iPad angelangt sind, wo sie hinwollen, müssen sie drei Passwörter eintippen. Wenn zu oft die falsche Zahlen- und Buchstabenkombination eingegeben wird, macht der Computer dicht, mit anderen Worten: nichts geht mehr.

Obwohl sich die Stadträte ihre Passwörter selbst aussuchen konnten, bestand darin eines der beiden Probleme, die aus Sicht des Bürgermeisters im Umgang mit den iPads aufgetreten sind. Die zweite Schwierigkeit riefen Updates hervor, mit denen die Software überfordert war.

Mit den iPads haben die Stadträte auch eine städtische E-Mailadresse erhalten, von der sie regen Gebrauch machen. In der Stadtverwaltung wird je nach Anfrage entschieden, ob nur der Fragesteller die Antwort erhält oder ob das Interesse so allgemein ist, dass die Antwort an alle geschickt wird.

"Die Stadträte wissen zu schätzen, dass sie von uns viele Informationen erhalten", sagte Thomas Barz. Er fühle sich besser damit, wenn die Stadträte umfassend informiert seien.

In Kürze schickt das Wolmirstedter Rathaus einen Kollegen nach Genthin, der sich die papierlose Ratsarbeit vor Ort anschauen soll. Anderen weiterhelfen zu können, ist ein zusätzlicher Aspekt, der dem Bürgermeister gefällt.

"Ich bin froh, dass wir in diesem Jahr angefangen haben", setzte Thomas Barz hinzu. So sei die Verwaltung schon geübt, wenn es mit der Kommunalwahl 2014 neue Stadträte gebe.

SPD-Chef Horst Leiste räumte bei der Volksstimme-Umfrage, die sich an alle 28 Stadträte richtete, ein, dass er anfangs "sehr pessimistisch" gewesen sei. Aber: "Es macht Spaß, ist interessant und ich habe vieles dazugelernt." Positiv schätzte er ein, dass Papier und Postgebühren eingespart, zugleich Informationen schnell verschickt werden. Es gehöre dazu, regelmäßig seine E-Mails zu sichten, um einen Überblick zu bewahren, sagte Cornelia Draeger (Die Linke), die gerne mit ihrem iPad arbeitet und die viele Informationen nicht als Nachteil betrachtet. Das sieht ihr Ratskollege Heinrich Telmes (Pro Genthin) genauso: "Die gläserne Arbeit gefällt mir sehr gut".

Informationen können schneller ausgetauscht werden

"Der Zugriff auf bestimmte schriftliche Unterlagen ist durch den Einsatz des iPads wesentlich effektiver als die Fahrt zur Verwaltung nach Genthin", sagte Franz Schuster (LWG Fiener), Paplitzer Ortsbürgermeister und Genthiner Stadtrat. "Man bekommt jetzt wesentlich schneller Informationen als zu Zeiten des Schriftverkehrs und kann dadurch schneller reagieren und handeln."

Aus Sicht von Andreas Buchheister (CDU) wurden früher die Protokolle besser wahrgenommen, als sie per Post eintrafen. "Jetzt ist es so, dass das Protokoll, wenn ich es zeitnah brauche, noch nicht vorliegt, und dann, wenn es fertig ist, wird es meistens nicht mehr gebraucht und nicht beachtet, da es dafür an einer Benachrichtigung fehlt", schlug er eine Verbesserung vor.

Linke-Fraktionschef Harry Czeke ist bislang von der iPad-Arbeit "positiv überrascht". Allerdings findet er den regelmäßig eintreffenden Wochenplan des Bürgermeisters nicht so interessant, da er auf seine eigenen Termine zu achten habe. Die Arbeit sei unpersönlicher geworden, weil man nur mit einer Maschine kommuniziere und es sei eine gewisse Abhängigkeit entstanden, täglich nachzuschauen.

"Denn eingestellt gilt als zugestellt." Letztlich helfe seiner Erfahrung nach ein persönlicher Anruf immer mehr als eine zweite oder dritte Erinnerungsmail.