Für die Genthiner Ortsfeuerwehren werden nach und nach Schätze gehoben, die lange in Vergessenheit geraten waren: Fast 90 Jahre alte Handdruckspritzen und noch ältere Löschkarren, die Jahrzehnte vor sich hin dümpelten. Zwei Bürgerarbeiter verhelfen ihnen mit handwerklichem Geschick und viel Geduld zu neuem Glanz.

Genthin l Den Werkstattbereich der Genthiner Feuerwache haben Erik Schnöger und Alexander Mey scheinbar zum Teil eines riesigen Puzzlespiels gemacht. Ventilkörper, Pumpenzylinder, Verbindungskanäle aus Messing, Kolben, Ventilkegel, Verschlussdeckel aus Bronze, diverse Holzteile, unendlich viele Schrauben und Muttern liegen in korrektester Anordnung auf dem Fußboden ausgebreitet und warten nach und nach auf eine fachmännische Behandlung. Aufarbeitung heißt das große Wunderwort.

Es ist Handdruckspritze Nummer zwei, die zurzeit unter den Händen der beiden Bürgerarbeiter zu einem neuen Leben erweckt wird. Wenn die alte Dame wieder flott gemacht ist, tritt sie die Heimreise nach Parchen an.

Ihre Gladauer Geschwister, ebenfalls eine Handdruckspritze, Jahrgang 1925, und ein Löschkarren der Firma Bräunert aus dem Jahr 1909/10, haben die Generalüberholung bereits mit bestem Erfolg überstanden und wurden im November wieder in die Obhut der Ortsfeuerwehr übergeben. Übrigens voll funktionsfähig.

Seitdem sind sie, sorgsam mit einem Baumwolltuch abgedeckt, um nicht wieder Rost anzusetzen, in einer sicheren Garage abgestellt.

Dann steht noch die historische Feuerwehrtechnik der Mützeler Ortsfeuerwehr auf dem Arbeitsplan der beiden Bürgerarbeiter.

"Wir haben wirklich großes Glück mit unseren beiden Bürgerarbeitern", würdigt Dieter Tramitz, Genthiner Feuerwehrmann im Ruhestand und Mitglied in der Fachgruppe Feuerwehrhistorie des Landesfeuerwehrverbandes, den enormen Fleiß des "Restauratorenteams".

"Man muss nicht unbedingt Feuerwehrmann sein, um an dieser Arbeit Freude zu haben."

Erik Schnöger

Dieter Tramitz steht den beiden Bürgerarbeitern immer wieder mit fachlichem Rat zur Seite, um die historische Feuerwehrtechnik originalgetreu wiederentstehen zu lassen.

Dabei hatten Erik Schnöger und Alexander Mey, als sie für dieses Projekt eingeteilt wurden, eigentlich wenig mit der Feuerwehr am Hut. In Ortsfeuerwehren sind sie nicht organisiert.

Zunächst habe er nicht gewusst, was mit dieser Arbeit auf ihn zukomme, aber auf jeden Fall habe er eine Portion Neugier für diesen Job mitgebracht, erzählt Erik Schnöger. "Man muss nicht Feuerwehrmann sein, um Spaß an dieser Arbeit zu haben", sagt der Gladauer inzwischen.

Für ihn und seinen Partner Alexander Mey bleibt diese Arbeit eine handwerklich akribische Herausforderung, für die sie mittlerweile wie gemacht scheinen.

Der gelernte Sägewerker und der Haushaltsmechaniker, der vor einigen Jahren aus den ehemaligen GUS-Staaten nach Genthin kam, brauchen neben handwerklichem Geschick vorallem jede Menge Geduld, um wirklich die kleinsten Schrauben auseinanderzunehmen, zu reinigen, spezialzubehandeln und wieder zusammenzusetzen.

Eine Nummer größer wird es aber auch nicht leichter: "Wie Gold" habe er die Messingpumpen behandelt, erzählt der sonst schweigsame Alexander Mey mit seiner dunklen Stimme. Schleifen, polieren, schleifen, polieren bis zur Geduldsgrenze, bis der alte Glanz wieder kommt. Fünf Farbschichten musste bei er bei der Gladauer Karrenspritze entfernen. Bei alledem durfte er keine Delle am Zylinder hinterlassen, erklärt er. Schließlich würde man die sofort sehen.

Egal, ob große oder kleine Einzelteile: Bei der Aufarbeitung ging stets es per Hand bis auf das blanke Metall.

Wie viele Einzelteile letztlich eine historische Handdruckspritze vereint, vermögen auch die beiden Bürgerarbeiter nicht genau zu sagen. 400?

Auch Fachmann Dieter Tramitz will sich nicht genau festlegen. Er tippt auf mindestens 500 Einzelteile. Es können aber auch mehr sein, lässt er sich alle Optionen offen.

Egal, wie viele es sind: Jedes Teil wird fotografiert und ist Teil einer umfangreichen Dokumentation. "Bei uns ist weder ein Teil übriggeblieben, noch hat ein Teil gefehlt", berichtet Erik Schnöger.

"Ich wünschte mir, dass das Bewusstsein für diese alte Feuerwehrtechnik wächst."

Dieter Tramitz

Etwa 500 bis 600 Stunden müssen die Bürgerarbeiter investieren, um eine Handdruckspritze wieder in ihren Originalzustand zu versetzten. Alles soll zu guter Letzt bs aufs I-Tüpfelchen stimmen. So wurden beispielsweise auch externe Fachleute wie Malermeister Heinrich Telmes herangezogen, der die Farbe der historischen Fahrzeuge optisch ausgemessen hat.

Dass die Aufarbeitung dieser alten Feuerwehrtechnik durch zwei Bürgerarbeiter erfolgt, ist in Sachsen-Anhalt bisher einzigartig.

Historische Löschkarren und Handdruckspritzen fristen in vielen Dörfern und Gemeinden oft ein unscheinbares Dasein, Möglichkeiten einer Aufarbeitung, wie sie die Bürgerarbeit bot, wurden von anderen Kommunen nicht genutzt. "Ich wünschte mir, dass insgesamt ein stärkeres Bewusstein für diese alte Technik besonders unter den jüngeren Wehrleitern wächst ", sagte Dieter Tramitz, der auch ein erklärte Gegner dessen ist, dass die historischen Handdruckpumpen als Spielzeug in den Wehren verkommen.

Seines Wissens nach gibt es im gesamten Jerichower Land insgesamt noch 19 Handdruckspitzen der Firma Bräunert, Bitterfeld. Ihr Anschaffungswert lag einst bei etwa 30 000 Reichsmark. "Ich kann diesen Betrag schlecht in Euro umrechnen, bin aber auf der sicheren Seite, wenn ich schätze, dass ein fünfstelliger Betrag für solch eine alte Spritze realistisch ist", so Dieter Tramitz.

Fachleute gehen davon aus, dass noch etwa 120 Geräte der Firma Bräunert, die es bis 1945 in Bitterfeld gab, existieren.

Die Kostbarkeiten, die die Bürgerarbeiter aus der Versenkung gehoben haben, können die Genthiner Ende März in Augenschein nehmen, wenn sie anlässlich des 140-jährigen Bestehens der Stadtfeuerwehr die "Schönste" unter den historischen Handdruckspritzen auswählen können.

14 Handdruckspritzen sind für diesen Schönheitswettbewerb bereits angemeldet.

Für die Bürgerarbeiter kommt mit diesem Datum allerdings langsam das Ende ihrer Maßnahme in Sicht. Für die beiden Männer ist Eile geboten, noch möglichst viel zu schaffen. Denn am 31. August ist für sie Schluss.