Als Anfang Oktober in Jerichow der Entwurf für das Deichneubauprojekt vorgestellt wurde, da ging es um den Abschnitt von der Elbbrücke bei Fischbeck bis kurz vor\'s Kloster. Inzwischen zeigte sich: Das vielleicht größte Problem beginnt genau hier, an der Klostermauer.

Jerichow l Jan Wißgott zeigt, wie sich die Mauer nach dem Hochwasser verschoben hat: Teilweise ist sie oben nach innen gedrückt worden, so dass die Mauerkrone überhängt, teilweise sieht es aus, als sei der untere Teil nach innen geschoben worden. Das hat zusätzlich dazu geführt, dass etliche Risse entstanden sind, einige hauchdünne, andere aber beängstigend breit. Am schlimmsten ist es ganz hinten in der Ecke, wo die Mauer im rechten Winkel abzweigt und dieser Teil die Längsmauer stabilisiert - aber eben nur an dieser Stelle. Treppenförmig zieht sich der Riss nach oben und zeigt deutlich, wie sich der angrenzende Mauerteil verschoben hat.

Erst lange nach dem Hochwasser wurden die Mitarbeiter des Klosters auf dieses Problem aufmerksam und meldeten es umgehend an die Stadt und den Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) weiter. "Wir hatten während der Flut an verschiedenen Stellen rings um Jerichow gekämpft, aber hieran hat keiner gedacht", stellt Jan Wißgott fest. Das mag unter anderem daran liegen, dass dieser Bereich auf den ersten Blick recht massiv wirkt: Von außen sieht es aus, als ob ein breiter Deich hier an höherem Gelände lehnt, auf dem die Mauer steht - was freilich nicht so ist. Denn der Klostergarten liegt ebenfalls tief, und die Mauer schließt den Deich mehr oder weniger senkrecht ab.

Das bedeutete auch, dass der Klostergarten zeitweise voller Drängewasser stand und so während der Flut keiner mehr an die Mauer heran kam.

Damit nennt Jan Wißgott auch ein ganz großes Problem: "Der Deich zwischen dem Tor am Kloster und dem Tor an der Wilhelm-Külz-Straße ist bei Hochwasser nicht kontrollierbar!" Das heißt, man kommt außer auf der Deichkrone nirgends heran, und an der Landseite können keine Sickerstellen festgestellt geschweige denn gesichert werden.

Wie gefährlich das bei Wasserständen wie im vergangenen Sommer sein kann, davon konnte man nun eine Ahnung bekommen. Die Mauerverschiebung weist zudem darauf hin, wie labil der Deich an dieser Stelle ist. Von einem soliden Aufbau, der den heutigen Normen entspricht, kann keine Rede sein.

Nach der Sichtung des Schadens hatte Wißgott das Problem sofort weitergemeldet. Burkhard Henning, Leiter des LHW Sachsen-Anhalt, und André Pasemann, zuständiger LHW-Mitarbeiter für den Deichneubau im Bereich Jerichow-Fischbeck, seien vor Ort gewesen. "Sie haben einen Schreck gekriegt", beschreibt Jan Wißgott deren Reaktion. Bei einer großen Besprechung in Magdeburg sei das Problem dann auf den Tisch gebracht worden, mit dem Ergebnis, dass die Deich-Neubaustrecke, die eigentlich vorm Kloster enden sollte, verlängert werden muss. Diese Entscheidung sei erst kurz vor Weihnachten getroffen worden.

Wie die Umsetzung in diesem komplizierten Abschnitt aussehen wird, sei noch völlig offen. Natürlich macht sich Jan Wißgott bereits Gedanken darüber und spekuliert, wie eine machbare Variante aussehen könnte. Aufwändig und teuer werde es auf jeden Fall, daran sei nicht zu zweifeln, aber darauf verzichtet werden könne keinesfalls. "Wenn der Deich hier bricht, strömt das Wasser in die Stadt!"

Als erstes betroffen wären die tief stehenden kleineren Wohnhäuser beim Kloster und die Nebengebäude wie Malzkeller und ehemaliger Kälberstall, jetzt Backsteinmuseum. Die stabilen Klostermauern würden zweifellos standhalten, aber schadlos vorbeigehen würde eine Überflutung an der wertvollen historischen Bausubstanz sicher auch nicht.

Bei der Projektvorstellung für den Deichbau im vergangenen Oktober in Jerichow war angekündigt worden, dass es dieses Frühjahr bereits mit einem Großaufgebot von Firmen losgehen soll. Die Zeit drängt also, für das Anschlussstück hinterm Kloster eine Lösung zu finden, die ebenfalls zügig umgesetzt werden kann, damit künftig nicht hier die größte Schwachstelle bleibt.

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